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Nachrufe Etel Adnan, 96

aus DER SPIEGEL 47/2021
Foto: Brigitte Friedrich / ullstein bild

Sie hatte mehr als eine Berufung und auch etliche Orte, an denen sie zu Hause war. Etel Adnan, 1925 in Beirut als Tochter einer Griechin und eines Syrers geboren, studierte an der Sorbonne, anschließend in Berkeley und an der Harvard University Philosophie, sie wurde Schriftstellerin und Malerin. In den Siebzigerjahren kam sie für einige Jahre nach Beirut zurück, um als Journalistin zu arbeiten, verließ den Libanon mit Ausbruch des Bürgerkriegs und lebte fortan in Kalifornien, später auch in Paris, zeitweise in Beirut. Ihr 1977 veröffentlichter Antikriegsroman »Sitt Marie-Rose« über eine libanesische Christin, die palästinensische Flüchtlinge unterstützt und dabei ihr Leben aufs Spiel setzt, gilt als Klassiker. Adnan schrieb auf Französisch und Englisch und wird als Vertreterin der arabischen Literatur verstanden. Zur bildenden Künstlerin wurde Adnan fast nebenbei – und erst 2012, auf der Documenta, fand ihr künstlerisches Werk die verdiente Anerkennung. Ihre Farbflächenbilder, mit einem Malmesser geschaffen, können größte Ruhe oder aber Unruhe ausstrahlen, sie seien für sie gemalte Gedichte, sagte sie selbst. Für Adnan war das Auskosten der Gegenwart immer eine Selbstverständlichkeit, und mit dem Alter, so erzählte sie vor einigen Jahren, entwickelte sich diese Haltung um so dringlicher. Etel Adnan starb am 14. November in Paris.

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