Besuch bei Nadine Gordimer Die Vehemenz der alten Dame

Sie schreibt lieber keinen Roman mehr als einen zweitklassigen: Die südafrikanische Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer wird am Mittwoch 90 Jahre alt. An Gott glaubt sie nicht, nur an die Menschen. Ein Besuch.

AP

Von


Wenn man für einen Augenblick vergisst, dass die Frau auf dem Sofa den Nobelpreis für Literatur erhalten hat und dass sie Nelson Mandelas Lieblings-Schriftstellerin ist, dann kann sich ein Besuch bei Nadine Gordimer wie der Besuch bei einer Großmutter anfühlen. Mit der Vehemenz alter Damen drängt Gordimer darauf, mehr Kekse zu essen. Gleich, denkt man, wird sie einem zehn Euro zustecken. Selbst knabbert sie an einem halben Keks, lässt die andere Hälfte elegant auf dem Tablett neben der Untertasse in Vergessenheit geraten. Gordimer ist so klein, leicht und zierlich, dass die Dielen des alten Hauses nur leise knarzen, wenn sie sich mit den tastenden Schritten alter Menschen von einem ins andere Zimmer bewegt.

Die Frau, die als eine der führenden Stimmen gegen Apartheid gilt, braucht jetzt eine durchsichtige Hornbrille, wenn sie eine Nummer in ihrem Telefonbuch nachschlägt. Wenn sie von ihrem Vater erzählt, dauert es zwei, drei Sätze, bis ihr der Name jenes russischen Satellitenstaates wieder einfällt, aus dem ihr Vater nach Südafrika emigriert war (es ist Litauen). Das Alter hat ihre Hände besprenkelt und ihren Rücken gebeugt. Aber noch immer ist die Körperspannung zu ahnen, die sie früher so auffällig gerade sitzen ließ. Eine geschenkte Metapher für jeden Journalisten, weil Haltung schon immer das war, was Gordimer ausgezeichnet hat.

Das Ende der Apartheid als Gewaltstück

Am Mittwoch wird Gordimer 90 Jahre alt. 15 Romane schrieb sie, über 200 Kurzgeschichten, ungezählte Essays. Darunter so radikale Werke wie den Roman "Julys Leute" aus dem Jahr 1981, in dem sie ein gewaltsames Ende der Apartheid imaginiert, das den Weißen keinen Platz in der neuen Gesellschaft lässt. Darunter auch so anrührend Emotionales wie den Schlüsselroman "Burgers Tochter" aus dem Jahr 1979, das den Geist des Anwalts Bram Fischer einfing, der Nelson Mandela vertrat und später im Gefängnis starb. Zuletzt sind im Berlin Verlag zwei Sammelbände mit Essays und Kurzgeschichten erschienen. Neugierig lässt sich Gordimer eines der Bücher reichen, sie hat es noch nicht gesehen. Gordimer streicht mit dem Finger über den Leineneinband, schlägt eine Seite auf, schaut ratlos: "Das wirkt sehr gut gemacht. Ich wünschte, ich könnte Deutsch."

Noch immer sind Gordimers Tage gefüllt mit politischer Arbeit und dem Schreiben. Ein neues Zensurgesetz droht Südafrika, Gordimer stellt sich ihm entschieden entgegen. Sie gibt unentwegt Interviews, schreibt Artikel und arbeitet an einem Vorwort für die Biographie Kofi Annans. Aber sie sagt: "Nun, meine wirklichen Autorentage sind vorüber. Ich denke nicht, dass ich noch einen Roman schreiben werde. Wenn ich Bücher lese, von Schriftstellern, die es nicht mehr drauf haben ... das will ich nicht. Ich bin nicht bereit, etwas Zweitklassiges zu schreiben."

Die Tochter des Uhrenverkäufers

Auch ohne neuen Roman bleibt die vielleicht größte Geschichte von allen: die, wie aus der Tochter eines eingewanderten Uhrenverkäufers die große Stimme ihrer Zeit wurde. Wie ein weißes, privilegiertes Mädchen zu einer Kämpferin gegen die Apartheid wurde. Die Haare des Mädchens von einst sind jetzt grau, die Haut bleich, die Augen noch mehr denn je zum Zentrum des Gesichtes geworden. Sie leuchten immer dann auf, wenn ein Name fällt. Nelson Mandela, Bram Fischer, Anthony Sampson, Susan Sontag: Gordimers eigene Geschichte erzählt sich über die Menschen, die sie kannte.

Da war der erste schwarze Freund, den sie an der Universität in Johannesburg traf, obwohl es damals eigentlich getrennte Bildungswege gab. Er war ebenfalls angehender Schriftsteller, und sie hatte mehr Gemeinsamkeiten mit ihm als mit den weißen Mädchen, die nichts mit Literatur anfangen konnten. Über den Journalisten Anthony Sampson lernte sie Nelson Mandela kennen, als Sampson sie zu einen Gerichtsprozess mitnahm und sie sich als seine Sekretärin ausgab. Den Widerstandskämpfer Albert Luthuli beherbergte sie während der Hochverratsprozesse.

Das größte Missverständnis war schon immer zu glauben, Gordimer schreibe über Politik. Gordimer schreibt über Menschen, die Politik machen. Und über das, was die Politik aus Menschen macht. Es sind die zwischenmenschlichen Beziehungen, die sie interessieren. Sie schreibt über Kleinstadtmädchen, die sich in Soldaten verlieben, über ehemalige Revolutionäre, die nach der Apartheid in die Vorstadt ziehen und plötzlich das eigene Kind auf eine Privatschule schicken.

Den neuen Erzählband, sein Titel "Erlebte Zeiten", hat sie Reinhold Cassirer gewidmet. Mit dem Galeristen deutscher Herkunft war Gordimer von 1954 bis 2001 verheiratet. Vier Jahre nach der Hochzeit zog das Paar in das weiße Haus mit dem Palisanderholzbaum im Garten, in dem Gordimer seit Cassirers Tod alleine wohnt. Das Haus steht in einer Seitenstraße, genau in der Kurve. Im Vorratsschrank Sojamilch, im Flur eine Bank mit afrikanischen Körben, an einer Tür ein Poster von einer Versammlung des ANC. Draußen füllt der süße, schwere Duft der Bäume die Luft, immer riecht es hier wie in der Fußgängerzone, wenn man von einer Dame mit zuviel Parfüm überholt worden ist. Nur dass es selten jemanden gibt, der einen hier überholt. Obwohl Gordimer nicht in einer Gated Community lebt, stehen auch in diesem wohlhabenden Viertel von Johannesburg die Häuser hinter hohen Gartenmauern.

Permanente Opposition

Manchmal hört man in Gordimes Zuhause ein leises Knacken. Es kommt von einem Elektrozaun, der Gordimers Haus umgibt, seit vor ein paar Jahren drei junge Männer am frühen Vormittag einbrachen, die Haushälterin vergewaltigen und Gordimers Ehering stehlen wollten. In den Pressemeldungen der Polizei hieß es danach, Gordimer stehe unter Schock. Aber als sie sich selbst dann zu Wort meldete, wies sie vor allem darauf hin, wie wichtig es sei, das Bildungssystem zu verbessern, damit junge Männer eine andere Perspektive hätten als die Kriminalität. In den Medienberichten über den Überfall offenbarte sich eine gewisse Lust an der Ironie, dass Gordimer nun selbst erfahren hatte, dass mit dem Ende der Apartheid nicht alle Probleme gelöst worden sind. 20 Jahre danach kämpft Südafrika mit Korruption, der Bildungsmisere, einem Drogenproblem, Streit über Landreformen.

Im letzten Jahr erschien Gordimers letzter Roman "Keine Zeit wie diese", in dem es um all das geht. Das Buch brachte Kritiker zur Verzweiflung, weil das Figurenpersonal oft über Seiten die aktuelle Bildungspolitik Südafrikas und die generelle politische Lage diskutierte, statt zu morden oder sich zu betrügen oder zu verzweifeln. Es werde zuviel gesprochen und gedacht, schrieb eine Rezensentin. Das Buch ist eine Abrechnung mit dem ANC genannt worden und eine bittere Bilanz. Eine Kritikerin wollte sogar die existenzielle Angst aus dem Buch gelesen haben, vergeblich gelebt, gearbeitet und gekämpft zu haben. Gordimer selbst hat einmal gesagt, man müsse immer in Opposition zur Gesellschaft stehen, sogar zu einer, für die man selbst gekämpft habe. Und so taucht in dem Roman auch Jacob Zuma auf, der Präsident ist und Mitglied des ANC, jener Partei, in die Gordimer eintrat, als sie noch längst verboten war. Zuma lebt als Polygamist. Ihm werden Korruption und Vergewaltigung vorgeworfen, außerdem soll er behauptet haben, er habe sich nach dem Sex mit einer HIV-positiven Frau vor Ansteckung geschützt, in dem er danach schnell duschen war. Weiß Gordimer, ob der Präsident den Roman je gelesen hat?

Der Glaube an zwischenmenschliche Beziehungen

Sie schaut überrascht auf, dann sagt sie langsam und deutlich: "Es heißt, der Präsident lese nicht". Sie lacht. Aber die Aussage klingt in diesem Augenblick dennoch vernichtender als all ihre anderen Vorwürfe an ihn. In einer Rede hat sie einmal gesagt, sie glaube, dass das Buch verschwinden werde, vertrieben von den Bildschirmen. Und dass sie froh ist, dass sie diese Zeit ohne Bücher nicht mehr miterleben wird.

Nadine Gordimer sagt: "Man kommt auf die Welt, man ist ein Baby, dann wächst man zu einem Kind, erlebt die stürmische Jugend, reift zu einem Erwachsenen. Dann wird man älter, bis man endgültig alt ist. Und dann stirbt man. Das war's."

Sie schweigt eine Weile.

"Sehen Sie, ich bin Agnostikerin. Ich glaube an keine Religion und an keinen Gott. Ich glaube an zwischenmenschliche Beziehungen."



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sophica 21.11.2013
1. Herzlichen Glückwunsch zum 90zigsten!
Zitat von sysopAPSie schreibt lieber keinen Roman mehr als einen zweitklassigen: Die südafrikanische Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer wird am Mittwoch 90 Jahre alt. An Gott glaubt sie nicht, nur an die Menschen. Ein Besuch. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/nadine-gordimer-literaturnobelpreistraegerin-wird-90-a-934585.html
Liebe Nadine Gordimer, ganz herzlichen Glückwunsch zum 90zigsten Geburtstag und herzlichen Dank für Ihre Bücher. Ich habe sie gerne gelesen und Ihre Darstellung der Beziehungen der Menschen untereinander und deren Verflechtungen ist sehr tiefgehend und inspirierend. Sie waren nicht nur die Lieblingsautorin von Nelson Mandela, sondern gehörten auch zu meinen Lieblingsautoren/-innen. Ich wünsche Ihne eine gesunde und gute Zeit.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.