Bestsellerautorin Naomi Wolf muss ihr Buch über Homosexuelle ändern

In einem Radio-Interview weist ein Historiker die Bestsellerautorin Naomi Wolf auf einen peinlichen Fehler in ihrem neuen Buch hin. Die Schriftstellerin und ihr Verlag wollen reagieren.

Naomi Wolf:
Robin Marchant/ Getty Images

Naomi Wolf:


Die Bestsellerautorin Naomi Wolf ("Mythos Schönheit", "Vagina - Eine Geschichte der Weiblichkeit") hat ein Problem mit ihrem neuen Buch: Eine ihrer zentralen Darstellungen beruht auf einem Missverständnis. Nun diskutieren Wolf und ihr Verlag über Änderungen, wie die Nachrichtenagentur AP und die "New York Times" berichten.

Der Titel des Buchs lautet "Outrages: Sex, Censorship, and the Criminalization of Love", es geht darin um die Kriminalisierung von Homosexuellen im viktorianischen England. In Großbritannien ist es diese Woche erschienen, in den USA soll es am 18. Juni auf den Markt kommen. Wolf schreibt darin unter anderem, dass im 19. Jahrhundert Dutzende Homosexuelle, darunter auch Teenager, auf Grundlage des Gesetzes "Obscene Publications Act" hingerichtet worden seien. Doch in einer Liveradiosendung der BBC erklärte ihr der Historiker Matthew Sweet, sie habe ihre Quellen falsch verstanden.

"Death recorded" habe in vielen von ihr beschriebenen Dokumenten von damals gestanden, was sie mit "exekutiert" gleichgesetzt habe. Doch "death recorded" sei eine 1823 entstandene Regelung gewesen, die es Richtern erlaubte, zum Tode Verurteilte zu begnadigen. Sweet sagte Wolf in der Sendung: "Ich glaube, keine der von Ihnen dargelegten Hinrichtungen hat wirklich stattgefunden." Er belegte das in einem Fall mit Gefängnisdokumenten, aus denen das Entlassungsdatum eines Verurteilten hervorgeht, der laut Wolf hingerichtet worden war.

Naomi Wolf will auf Twitter jeden Fall noch einmal überprüfen

Die Schriftstellerin reagierte hörbar irritiert, bedankte sich aber bei Sweet für dessen Hinweise. Die BBC-Sendung ist hier nachzuhören, der beschriebene Abschnitt beginnt in Minute 21.

Auf Twitter versprach Wolf, jeden in ihrem Buch beschriebenen Fall öffentlich nachvollziehbar zu überprüfen. Sie verteidigte sich aber auch mit einem Verweis auf einen 1978 in einem wissenschaftlichen Journal erschienen Artikel, der mehr als 50 Exekutionen nach dem Anti-Sodomie-Gesetz erwähnt. Der Autor wurde jedoch später als Fälscher entlarvt.

Wolfs US-Verlag Houghton Mifflin Harcourt teilte mit: "Obwohl wir professionelle Lektoren und Korrekturleser beschäftigen, verlassen wir uns letztlich auf die Nachforschungen und die Faktenchecks unserer Autoren. Trotz dieses unglücklichen Fehlers glauben wir, dass die allgemeine These des Buchs Bestand hat. Wir diskutieren Korrekturen mit der Autorin."

pbe

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insgesamt 8 Beiträge
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appenzella 25.05.2019
1. Sex
war damals und ist noch heute ein schwieriges Thema. Und wenn auch das US-amerikanische dem Englischen ähnelt, so ist es doch nicht dasselbe. Ich habe monatelang englische und amerikanische Freunde und Bekannte gefragt, was dieser englische Satz wohl bedeutet: "of the world wordly, of the earth earthy". Keiner wußte es. Grüezi
marcus.w 25.05.2019
2. Au weia...
... wenn man Ihr Statement und das Statement Ihres Verlages ließt, merkt man recht deutlich wie sehr da gerade die Hütte brennt. Die "Korrekturdiskussion" stell' ich mir recht ruhig und friedlich vor ;)
matijas 25.05.2019
3. Auch ohne Todesstrafe schlimm genug
Wie dem auch sei: man muss nicht über den großen Teich schauen: Bis 1969 war männliche Homosexualität in der Bundesrepublik Deutschland strafbar. Existenzvernichtung, Selbstmorde u.a. waren die Folge (wird bei der 70-Jahre-Feier zum GG eher nicht erwähnt). "1969 wurde der Paragraph 175 zum ersten Mal in der Bundesrepublik geändert. Homosexualität unter erwachsenen Männern über 21 war nun keine Straftat mehr." (Bundeszentrale für politische Bildung)
sppl.2.babbly 25.05.2019
4. Der Gespraechspartner is Journalist, nicht Historiker
Wo wir schon bei vernünftiger Recherche sind: Matthew Sweet ist der Interviewer dieser Sendung und Journalist bei der BBC, nicht Historiker (wie im Artikel behauptet).
Thomas Schröter 25.05.2019
5. Alan Turing kriegsentscheidend und wg sexueller Orientierung verfolgt
Ob die Alliierten ohne Alan Turing den Krieg gewonnen hätten darf zumindest bezweifelt werden. So kriegsentscheident sein Beitrag zur Entschlüsselung der Enigma war so fundamental ist sein Beitrag nicht nur in Form der Touringmaschine zum Informations- und Digitalzeitalter. Trotzdem wurde er im Nachkriegsbritannien wegen seiner sexuellen Orientierung von den Behörden regelrecht in den Tod getrieben.
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