Israel-Roman von Nathan Englander Alles ist Puzzlearbeit

Ein General im Koma, ein verliebter Spion - oder ist alles ganz anders? Nathan Englander täuscht uns in seinem Roman über den Nichtfrieden in Israel. Und findet eine schnörkellose Sprache für die Wirrungen der Zeitgeschichte.

Ariel Scharon
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Ein Jahrzehnt voller Lügen. Als Z das versteht, dreht sich alles, ein "Schwindel, wie er ihn nie kannte". Vielleicht, weil er seinen Kopf einmal zu häufig gegen die Wand gedonnert hat vor Wut. Sein Wärter meint, er verlöre schlicht den Verstand.

Man kann es Z nicht verdenken. Dort, in einem namenlosen Gefängnis in der Wüste Negev, seit knapp zehn Jahren. Bewacht von drei Kameras und einem ebenso namenlosen Wärter. Bis jetzt, 2014, haben sie mehrere Zehntausend Runden Backgammon gespielt, jedes Jahr zu Chanukka bekommt Z einen neuen Bademantel. Und er schreibt Brief um Brief an den einzigen Mann, der offiziell weiß, dass er überhaupt existiert.

Nathan Englander stellt dieses namenlose Dazwischen ins Zentrum seiner Geschichte. Und lässt es wie ein Echo überall im Roman auftauchen, als umwerfend beklemmendes Bild für den Zustand Israels. Denn sein "Dinner am Mittelpunkt der Erde", Agentenstory, Liebesgeschichte und Polithistorie, stellt vor allem ein Gefühl nach, ach was: Gefühle.

Bereit, für den Frieden zu sterben

Den ganzen horrenden Mix aus Verzweiflung, Hoffnung, Angst, Trotz und Futur-Zwei-Nostalgie, der für die Zukunft Israels und Palästinas steht. In einem Interview über die Jahre, die er selbst in Jerusalem gelebt hat, sagte Autor Englander einmal: Er sei in dieser Zeit bereit gewesen, für den Frieden zu sterben - und erst dann gegangen, als er verstanden habe, dass es trotz all der Toten keine Veränderung geben werde.

Nathan Englander
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Nathan Englander

Hier schreibt einer, der die Faxen dicke hat. Dass es Englander so großartig gelingt, diese Unsicherheit abzubilden, ist ganz und gar dem Dreh seines Romans geschuldet - und seinen Figuren. Allen voran Z, einst Mossad-Spion, nun Gefangener. Sein Wärter und dessen Mutter. Sie, die ewige rechte Hand des "Generals". Jener General, seit Jahren im Koma, ist hier dennoch Hauptfigur - und unübersehbar angelehnt an Israels ehemaligen Ministerpräsidenten Ariel Scharon.

Die Spannung im System

Englander hat jedem von ihnen separate Welten gebaut: Als habe er Abschnitte aus Kurzgeschichten (kann er auch, siehe seinen Storyband "Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden") wild ineinander gefächert. Mal spielen sie in Berlin, Paris, Jerusalem oder in Grenzbereichen, mal 2002, mal 2014. Die Spannung liegt im System: Die Zusammenhänge sind Puzzlearbeit.

Die überwältigende Amour zwischen Agent Z, vor den eigenen Leuten in Paris untergetaucht, und einer italienischen Kellnerin. Die vorsichtige Freundschaft zwischen Geschäftsmann Joshua mit seiner Wannsee-Villa und Farid, dem einst geflohenen Palästinenser, nun in Berlin Yachtclub-Mitglied. Der General im "Zwischenreich" des Komas, randvoll mit Erinnerungen. Die zwei Liebenden, sie Jüdin, er Palästinenser, die sich nur im Tunnelsystem unter den beiden Staaten-im-Staat sehen können. Die nächtlichen Treffen des Generals und Arafat zu einem Topf Shakshuka am Küchentisch. Um endlich, endlich, den Kreislauf zu beenden und eine Friedenslösung auszubaldowern.

Preisabfragezeitpunkt:
18.05.2019, 23:20 Uhr
Ohne Gewähr

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Nathan Englander
Dinner am Mittelpunkt der Erde: Roman

Verlag:
Luchterhand Literaturverlag
Seiten:
288
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Werner Löcher-Lawrence

Unerbittlich wird die Geschichte weitergetrieben von Aktion, Reaktion, Aktion. Wie bei einem Perpetuum mobile, der erste Impuls längst vergessen. Dass der 47-jährige New Yorker Autor dafür - anders als der verschörkelte Ton in seinem Junta-Roman "Das Ministerium für besondere Fälle" - eine direkte, klare Sprache fand, passt perfekt: um ahnungsloser in die Irrungen-Wirrungen dieser Story zu stolpern, als stünde man mitten in der Zeitgeschichte.

Zweifellos gehören genau deshalb die Episoden über den General im Koma zum Grandiosesten. Nicht nur, weil es so verrückt genial ist, wie sich in diesem Zwischenreich alles in Zeitlupe bewegt. So hört der General einen Schuss drei, vier Mal und doch wieder nicht. Er hat den Geschmack von Feigen noch auf der Zunge, die Zeitung segelt aus seiner Hand zu Boden, an der Wand der Kalender von 1967.

Und zack, fetzen Erinnerungen rein, an seine Militäroperationen, an die Ton-Menorah, die seine Enkel gebastelt haben, an seine Frau, die gerade die Pferde striegelt und sagt: "Es ist tragisch, dieses blutige, endlose Auge-um-Auge." Das Koma als moralische Position im Limbus, eine Politik zwischen Himmel und Hölle. Ein Sog, ein Kreiseln, bis einem schwindelig ist. Dieser Roman klingt wie der Wunsch, jemand möge das Ding endlich mal anhalten.



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