National Book Award Bücher-Oscar für unbekannte New Yorkerin

Umstrittene Entscheidung beim wichtigsten Bücherpreis der USA: Die unbekannte Schriftstellerin Lily Tuck aus New York wurde für ihren Roman "The News From Paraguay" den National Book Award verliehen. Die Auszeichnung der amerikanischen Verlagswirtschaft gilt als "Oscar für Buchautoren".


Preisträgerin Tuck: Roman mit "erstaunlicher Qualität"
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Preisträgerin Tuck: Roman mit "erstaunlicher Qualität"

New York - Im Mittelpunkt des nun preisgekrönten Romans von Lily Tuck steht das Leben von Ella Lynch, der in Irland geborenen Geliebten des Diktators Francisco Solano Lopez im Paraguay des 19. Jahrhunderts.

Der 55. Verleihung des National Book Awards war allerdings eine wochenlange Debatte unter US-Literaturkritikern über den Stellenwert der Auszeichnung und die Kriterien der Kandidatenauswahl vorausgegangen. Über Lily Tuck, eine bisher wenig bekannte Schriftstellerin aus New York, hatten sich mehrere anerkannte Literatur-Journalisten abschätzig geäußert. Trotz des Streits erhielt sie bei der festlichen Vergabe des Preises in New Yorks Marriot Marquis Hotel, die alljährlich ähnlich wie die Oscar-Show in Hollywood inszeniert wird, viel Beifall. Der Jury-Vorsitzende, Schriftsteller Rick Moody, hob ausdrücklich die "erstaunliche Qualität" ihres Romans hervor.

Wie die "New York Times" berichtet, war im Vorfeld der Preisentscheidungen vielfach in Zweifel gezogen worden, dass Tuck sowie vier andere eher unbekannte New Yorker Autorinnen, die von der National Book Foundation als Kandidaten ausgewählt worden waren, den mit 10.000 Dollar (7700 Euro) dotierten Preis wirklich verdient hätten. Weltbekannte Schriftsteller wie Philip Roth, dessen jüngster Roman "The Plot Against America" von Kritikern hoch gelobt wurde, waren in diesem Jahr bei den Nominierungen übergangen worden.

Erstmals war in der Kategorie Belletristik kein Mann nominiert worden. Neben Lily Tuck waren die New Yorker Autorinnen Kate Walbert, Christine Schutt, Joan Silber und Sarah Shun-lien Bynum in die Endrunde gekommen. Die Gewinnerin spielte bei ihrer Dankesrede auf den Preisvergabe-Streit an, indem sie den "anderen unbekannten Finalistinnen" dankte. Tuck räumte zugleich ein, dass sie Paraguay nie besucht hat, obwohl das südamerikanische Land der Schauplatz ihres Werkes ist.

Den National Book Award für Sachbücher gewann Kevin Boyle für ein Buch über Rassenspannungen in Detroit Ende der zwanziger Jahre. Das Werk hat den Titel "Arc of Justice: A Saga of Race, Civil Rights and Murder in the Age of Jazz". Der Lyrik-Preis ging an die Dichterin Jean Valentin für ihren Band "Door in the Mountain".

Auch die Entscheidung in der Sachbuch-Kategorie wurde laut US-Medienberichten als Überraschung aufgenommen. Als einer der Favoriten hatte eigentlich der Bericht der US-Untersuchungskommission zu den Terroranschlägen am 11. September 2001 "9/11 Commission Report" gegolten, der weit mehr als eine Million Mal verkauft worden war. Das Autorenteam aus zehn Kommissionsmitgliedern und etwa 80 Assistenten waren vielfach für eine leicht verständliche Darstellung der komplizierten Thematik gelobt worden.

Den Sonderpreis für herausragende Beiträge zur Entwicklung der amerikanischen Literatur erhielt die Kinder- und Jugendbuch-Autorin Judy Blume. Sie verfügt schon seit vielen Jahren über eine stetig wachsende Fangemeinde, wenngleich manche amerikanische Eltern ihre Bücher als zu freizügig empfinden und ihren Kindern die Lektüre nicht gestatten.



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