Neuer Friedenspreis-Träger Navid Kermani Ein Einzelner, der seine Stimme erhebt

Navid Kermani scheut die Schwärmerei nicht, er streitet temperamentvoll und beobachtet scharf. Auch deswegen erhält er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Navid Kermani: "Das Gewordene als Gemachtes entschlüsseln"

Navid Kermani: "Das Gewordene als Gemachtes entschlüsseln"

Foto: Ingo Wagner/ dpa

Man kann den Frieden als Abwesenheit von Gewalt verstehen, als eine Art sanfter Ruhe des Geistes, einen Schlummer des Bösen. Oder man kann ihn als einen Zustand tätiger Unruhe begreifen, der den Streit um Prinzipien und Überzeugungen wie auch den Kampf ums soziale und politische Detail nicht nur zulässt, sondern geradezu fordert. Der eine zivile Gesellschaft eben deshalb zivil erhält, weil er in der harten Auseinandersetzung und in den Überraschungen, die denkende Individuen erleben und ihren Zeitgenossen zumuten, sein glückliches Privileg sieht.

Für diese Variante der Friedensdefinition hat sich offenbar die Jury des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in diesem Jahr entschieden,in dem sie die ehrwürdige Auszeichnung Navid Kermani verleiht: Einem Sohn iranischer Einwanderer, der in Deutschland zur Schule ging und studierte, der mit der Liebe und dem Glauben haderte und darin Erfüllung fand, dem Gott und die Offenbarung der Schönheit (neben den Songs von Neil Young) wesentlich sind - und der über all das in seinen Essays, Romanen und journalistischen Arbeiten so klug wie passioniert Auskunft gibt.

Aus der Fülle seiner Erfahrung

Der aber vor allem immer wieder Positionen bezieht, die überraschen. Nicht, weil der Islamwissenschaftler Kermani keine Prinzipien hätte, aus denen sich seine Haltungen und sein Denken speisten. Sondern weil er immer als Einzelner argumentiert, aus der Fülle - und der reflektierten Begrenztheit - seiner Erfahrung heraus. Als Einzelner hat er in einer ästhetischen Meditation angesichts eines Kreuzigungsbildes von Guido Reni seinen Abscheu vor dem christlichen Märtyrerkult formuliert - was ihm vorübergehend die Aberkennung des Hessischen Kulturpreises einbrachte, für den er nominiert worden war. (Und den er schließlich doch bekam.)

Als Einzelner hat er gegen die Volksabstimmung zum sogenannten "Minarettverbot" in der Schweiz protestiert, und zwar nicht nur im Widerspruch zur Diskriminierung einer Religionsgemeinschaft. Sondern vor allem, ganz prinzipiell, mit der Beobachtung, dass hier "Grundrechte, noch dazu die Grundrechte einer Minderheit, in einer demokratischen Abstimmung zur Disposition gestellt werden und damit keine Grundrechte mehr sind."

Ein republikanischer Geist

Als Einzelner hat er sich gegen das Urteil des Landesgerichtes Köln, seiner Heimatstadt, gewandt, das die Beschneidung von Kleinkindern verbot. Kermani sagte damals, hier triumphiere "Vulgärrationalismus" gegen eine 4000-jährige religiöse Praxis und einen "hochheiligen Akt". Und als Einzelner schließlich hat der Deutsch-Iraner Navid Kermani in seiner Rede vor dem Bundestag zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes seinen tief empfundenen Dank an die Republik, in der er lebt, mit dem Appell verbunden, dass dieses Land seine Verfassung nicht nur ernst nehmen, sondern auch praktizieren soll: "Ein wundervoll bündiger Satz - 'Politisch Verfolgte genießen Asylrecht' - geriet 1993 zu einer monströsen Verordnung aus 275 Wörtern, die wüst aufeinandergestapelt und fest ineinander verschachtelt wurden, nur um eines zu verbergen: dass Deutschland das Asyl als ein Grundrecht praktisch abgeschafft hat."

Kermani ist ein republikanischer Geist, der Pathos nicht scheut und Schwärmerei nicht verabscheut, der temperamentvoll streitet, scharf beobachtet und licht und konzise argumentiert. Sein politisches Denken orientiert sich an Hannah Arendt, indem es, wie er in seiner Dankesrede zum gleichnamigen Preis 2011 formulierte, "das Gewordene als Gemachtes entschlüsselt und damit seinem Wesen nach widerspenstig ist". Wenn der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels dazu beiträgt, dass man Kermanis widerspenstigen Überraschungen auch in Zukunft aufmerksam folgt, ist das ein Gewinn für uns alle.