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23. März 2019, 14:29 Uhr

Nazibegriffe heute

"Sprache ist kein Gift"

Ein Interview von Katharina Brecht

Viele Wörter wurden von den Nationalsozialisten geprägt. Sollte man sie deswegen nicht mehr nutzen? Der Journalist Matthias Heine ist der Frage auf den Grund gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Heine, in Ihrem neuen Buch beschäftigen Sie sich damit, wie die Nationalsozialisten die deutsche Sprache bis heute prägen. Warum schreiben Sie ausgerechnet jetzt darüber?

Heine: Durch den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien in den letzten Jahren fällt der Vorwurf "Du hast ein Naziwort benutzt, jetzt hast du deine Gesinnung verraten" noch häufiger. Ich möchte darüber aufklären, welche Wörter wirklich von den Nazis geprägt wurden und welche nicht.

SPIEGEL ONLINE: Manche Begriffe stammen gar nicht von den Nazis, obwohl sie ihnen zugeordnet werden?

Heine: Genau. Der Begriff "Bombenwetter" etwa gehörte beispielsweise nie zum NS-Vokabular, obwohl er bei Laien unter besonders dringendem Naziverdacht steht. In Zeitungen aber tauchte das Wort zwischen 1933 und 1945 nie auf, dafür wurde es schon im Kaiserreich benutzt. Aber klar, es gibt auch eine Wiederentdeckung von NS-Begriffen: Die AfD wettert zum Beispiel gegen eine "gleichgeschaltete Presse". Das Wort "Gleichschaltung" gehört zu den bekanntesten Begriffen aus dem Sprachgebrauch der Nationalsozialisten, wobei sich hier die Bedeutung heute ironischerweise umgekehrt hat: Für das NS-Regime war die Gleichschaltung von Presse und Institutionen ja positiv besetzt.

SPIEGEL ONLINE: Warum regen sich heute so viele Leute über potenzielle Naziwörter auf?

Heine: Es gab in Deutschland immer ein besonderes Interesse an Sprache. Das hat mit einer langen Tradition von philosophischer und politischer Sprachkritik zu tun. Deshalb gibt es auch eine besonders ausgeprägte Angst, durch Sprache manipuliert zu werden. Weil sich die politische Mitte gegenüber der AfD hilflos fühlt, versucht sie, sich den Aufschwung der Rechtspopulisten auch mit sprachlichen Manipulationen zu erklären. Zum Beispiel mit der Theorie, dass die Medien sich Begriffe wie "Flüchtlingswelle" von der AfD aufschwatzen ließen, sie nach und nach übernahmen und dadurch die rechten Parteien gestärkt hätten.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben nicht an diesen Einfluss?

Heine: Ich glaube nicht, dass Sprache so große Macht hat. Wir haben erlebt, wie die Nazis durch Wörter wie "Sonderbehandlung" den Holocaust vorbereitet haben und mit "Untermensch" und "Asozialer" Menschen dehumanisiert haben. Sprache hat damit Vorurteile und Neigungen verstärkt. Allerdings gab es die Neigungen schon vorher. Die Leute waren bereit, zu morden. Sie wurden nicht durch die Begriffe dazu gebracht - das ist eine Überschätzung von Sprache. Sprache ist kein Gift, das langsam, aber sicher die Hirne zersetzt.

SPIEGEL ONLINE: Wird Sprache dann Ihrer Ansicht nach zu viel reflektiert?

Heine: Sprache kann gar nicht genug reflektiert werden. Darum geht es auch in meinem Buch.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt widersprechen Sie sich aber.

Heine: Nein. Mein Buch soll keine Anleitung für eine Sprachpolizei sein, die einem vorschreibt, wie man zu reden hat - sondern ein Leitfaden für guten Stil. Manche Leute empfinden es als Beleidigung, wenn man sie darauf hinweist, dass sie ein Wort besser nicht verwenden sollten. Doch der Hinweis, es "besser nicht zu benutzen", ist kein Verbot. Es geht um Takt, Höflichkeit und historisches Bewusstsein.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist ein Wort oder eine Formulierung zum Beispiel unangebracht?

Heine: Ein Journalisten-Kollege hat Russland in einem Text zum Beispiel als "Riesenreich im Osten" bezeichnet. Das ist eindeutig ein Zitat aus Hitlers Buch "Mein Kampf", wo Russland genau so bezeichnet wird. Der Kollege ist Jude, er ist weiß Gott kein Nazi. Aber er hätte die Bezeichnung bestimmt nicht benutzt, hätte er gewusst, dass Hitler es geprägt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich vor Unwissenheit und Unaufmerksamkeit schützen?

Heine: Ich kann grundsätzlich nicht von jedem Menschen aller Bildungsschichten erwarten, über jede Nuance der Nazisprache informiert zu sein. Aber besonders Journalisten, Politiker und alle anderen, die sich professionell mit Sprache auseinandersetzen, sollten sich intensiver mit der Herkunft ihrer Sprachbilder beschäftigen - und auch andere darauf hinweisen, wenn sie problematische Wörter benutzen. Ich weiß: In der aufgeregten Debattenkultur, die wir gerade haben, klingt das wie eine Utopie. Aber eigentlich sollte das möglich sein.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man belastete Wörter komplett aus dem Sprachgebrauch streichen?

Heine: Nein! Man sollte noch nicht einmal "Untermensch" aus dem Sprachgebrauch streichen. Es gibt dieses Wort nun einmal, und für historische Texte braucht man den Begriff. Ich bin aber auch ein Sprachoptimist: Ich kann mir vorstellen, dass es irgendwann eine Umwertung bestimmter Begriffe gibt und dass sogar die schlimmsten Wörter wieder neutral gebraucht werden können.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Wort "betreuen" ein Beispiel dafür, dass diese Umwertung bereits stattfindet? In Ihrem Buch schreiben Sie, dass der Begriff in den Konzentrationslagern ein Synonym für den Mord an den Häftlingen war. Heute begegnet er uns täglich.

Heine: "Betreuen" wurde mir als Schlüsselwort des NS-Jargons am Anfang meiner Journalistenkarriere noch verboten, heute ist er völlig normal. Die Schnittmenge zwischen dem Wort in der Nazizeit und in der heutigen Zeit ist Bürokratendeutsch: "Betreuen" ist ein Begriff, der abstrakt einen Vorgang bezeichnet. In der NS-Zeit stand es unter anderem für den Mord an Behinderten.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie diese Entwicklung nicht unsensibel?

Heine: Das zeigt natürlich einen Mangel an historischem Bewusstsein. Aber wie gesagt: Ein Wort zu benutzen, vergiftet uns nicht. Dass so häufig "betreuen" gesagt wird, hat die AfD nicht großgemacht.

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