Nazibegriffe heute "Sprache ist kein Gift"

Viele Wörter wurden von den Nationalsozialisten geprägt. Sollte man sie deswegen nicht mehr nutzen? Der Journalist Matthias Heine ist der Frage auf den Grund gegangen.

Nazi-Propaganda im Jahr 1944
Getty Images

Nazi-Propaganda im Jahr 1944

Ein Interview von Katharina Brecht


Zur Person
  • Barbara Dietl/ Duden
    Matthias Heine, Jahrgang 1961, arbeitet seit 1992 als Journalist in Berlin, unter anderem für "Die Welt", "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", "taz", "Neon" und den NDR. Seit 2010 ist er Redakteur im Feuilleton der "Welt" und beschäftigt sich vor allem mit Sprachgebrauch und Sprachwandel. In seinem neuen Buch "Verbrannte Wörter" befasst sich Heine mit Mythen und Fakten rund um Wörter, die von den Nationalsozialisten geprägt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Heine, in Ihrem neuen Buch beschäftigen Sie sich damit, wie die Nationalsozialisten die deutsche Sprache bis heute prägen. Warum schreiben Sie ausgerechnet jetzt darüber?

Heine: Durch den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien in den letzten Jahren fällt der Vorwurf "Du hast ein Naziwort benutzt, jetzt hast du deine Gesinnung verraten" noch häufiger. Ich möchte darüber aufklären, welche Wörter wirklich von den Nazis geprägt wurden und welche nicht.

SPIEGEL ONLINE: Manche Begriffe stammen gar nicht von den Nazis, obwohl sie ihnen zugeordnet werden?

Heine: Genau. Der Begriff "Bombenwetter" etwa gehörte beispielsweise nie zum NS-Vokabular, obwohl er bei Laien unter besonders dringendem Naziverdacht steht. In Zeitungen aber tauchte das Wort zwischen 1933 und 1945 nie auf, dafür wurde es schon im Kaiserreich benutzt. Aber klar, es gibt auch eine Wiederentdeckung von NS-Begriffen: Die AfD wettert zum Beispiel gegen eine "gleichgeschaltete Presse". Das Wort "Gleichschaltung" gehört zu den bekanntesten Begriffen aus dem Sprachgebrauch der Nationalsozialisten, wobei sich hier die Bedeutung heute ironischerweise umgekehrt hat: Für das NS-Regime war die Gleichschaltung von Presse und Institutionen ja positiv besetzt.

SPIEGEL ONLINE: Warum regen sich heute so viele Leute über potenzielle Naziwörter auf?

Heine: Es gab in Deutschland immer ein besonderes Interesse an Sprache. Das hat mit einer langen Tradition von philosophischer und politischer Sprachkritik zu tun. Deshalb gibt es auch eine besonders ausgeprägte Angst, durch Sprache manipuliert zu werden. Weil sich die politische Mitte gegenüber der AfD hilflos fühlt, versucht sie, sich den Aufschwung der Rechtspopulisten auch mit sprachlichen Manipulationen zu erklären. Zum Beispiel mit der Theorie, dass die Medien sich Begriffe wie "Flüchtlingswelle" von der AfD aufschwatzen ließen, sie nach und nach übernahmen und dadurch die rechten Parteien gestärkt hätten.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben nicht an diesen Einfluss?

Heine: Ich glaube nicht, dass Sprache so große Macht hat. Wir haben erlebt, wie die Nazis durch Wörter wie "Sonderbehandlung" den Holocaust vorbereitet haben und mit "Untermensch" und "Asozialer" Menschen dehumanisiert haben. Sprache hat damit Vorurteile und Neigungen verstärkt. Allerdings gab es die Neigungen schon vorher. Die Leute waren bereit, zu morden. Sie wurden nicht durch die Begriffe dazu gebracht - das ist eine Überschätzung von Sprache. Sprache ist kein Gift, das langsam, aber sicher die Hirne zersetzt.

Preisabfragezeitpunkt:
26.05.2019, 22:30 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Matthias Heine
Verbrannte Wörter: Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht

Verlag:
Duden
Seiten:
224
Preis:
EUR 18,00

SPIEGEL ONLINE: Wird Sprache dann Ihrer Ansicht nach zu viel reflektiert?

Heine: Sprache kann gar nicht genug reflektiert werden. Darum geht es auch in meinem Buch.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt widersprechen Sie sich aber.

Heine: Nein. Mein Buch soll keine Anleitung für eine Sprachpolizei sein, die einem vorschreibt, wie man zu reden hat - sondern ein Leitfaden für guten Stil. Manche Leute empfinden es als Beleidigung, wenn man sie darauf hinweist, dass sie ein Wort besser nicht verwenden sollten. Doch der Hinweis, es "besser nicht zu benutzen", ist kein Verbot. Es geht um Takt, Höflichkeit und historisches Bewusstsein.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist ein Wort oder eine Formulierung zum Beispiel unangebracht?

Heine: Ein Journalisten-Kollege hat Russland in einem Text zum Beispiel als "Riesenreich im Osten" bezeichnet. Das ist eindeutig ein Zitat aus Hitlers Buch "Mein Kampf", wo Russland genau so bezeichnet wird. Der Kollege ist Jude, er ist weiß Gott kein Nazi. Aber er hätte die Bezeichnung bestimmt nicht benutzt, hätte er gewusst, dass Hitler es geprägt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich vor Unwissenheit und Unaufmerksamkeit schützen?

Heine: Ich kann grundsätzlich nicht von jedem Menschen aller Bildungsschichten erwarten, über jede Nuance der Nazisprache informiert zu sein. Aber besonders Journalisten, Politiker und alle anderen, die sich professionell mit Sprache auseinandersetzen, sollten sich intensiver mit der Herkunft ihrer Sprachbilder beschäftigen - und auch andere darauf hinweisen, wenn sie problematische Wörter benutzen. Ich weiß: In der aufgeregten Debattenkultur, die wir gerade haben, klingt das wie eine Utopie. Aber eigentlich sollte das möglich sein.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man belastete Wörter komplett aus dem Sprachgebrauch streichen?

Heine: Nein! Man sollte noch nicht einmal "Untermensch" aus dem Sprachgebrauch streichen. Es gibt dieses Wort nun einmal, und für historische Texte braucht man den Begriff. Ich bin aber auch ein Sprachoptimist: Ich kann mir vorstellen, dass es irgendwann eine Umwertung bestimmter Begriffe gibt und dass sogar die schlimmsten Wörter wieder neutral gebraucht werden können.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Wort "betreuen" ein Beispiel dafür, dass diese Umwertung bereits stattfindet? In Ihrem Buch schreiben Sie, dass der Begriff in den Konzentrationslagern ein Synonym für den Mord an den Häftlingen war. Heute begegnet er uns täglich.

Heine: "Betreuen" wurde mir als Schlüsselwort des NS-Jargons am Anfang meiner Journalistenkarriere noch verboten, heute ist er völlig normal. Die Schnittmenge zwischen dem Wort in der Nazizeit und in der heutigen Zeit ist Bürokratendeutsch: "Betreuen" ist ein Begriff, der abstrakt einen Vorgang bezeichnet. In der NS-Zeit stand es unter anderem für den Mord an Behinderten.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie diese Entwicklung nicht unsensibel?

Heine: Das zeigt natürlich einen Mangel an historischem Bewusstsein. Aber wie gesagt: Ein Wort zu benutzen, vergiftet uns nicht. Dass so häufig "betreuen" gesagt wird, hat die AfD nicht großgemacht.



insgesamt 56 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dasfred 23.03.2019
1. Insider Thema
Uns im mittleren und höheren Alter sind gewisse Begriffe geläufig, die wir eindeutig mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen. Die nächste Generation hat noch weniger Überblick, was schon mal in eindeutiger Absicht verwendet wurde. Bleiben noch die Rechten, die ihre Inspiration auch heute noch aus einschlägiger Nazi-Literatur beziehen. Ein großer Teil der Worte hat nicht mehr überlebt. Das meiste ist wieder in die Umgangssprache mit neuem Begriffsinhalt zurückgeflossen und nur noch Germanisten und Sprachwissenschaftlern bekannt. Auch wenn sich eine deutsche Tageszeitung bemühte, mit iherm "Das wird man ja noch mal sagen dürfen" die Grenzen wieder einzureißen.
mag-the-one 23.03.2019
2. Seltsam....
...dann, dass es in allen "Umwertungs"-Prozessen zunächst über die Sprache geht. Da sollte man vielleicht mal Nietzsche lesen, sich über Linguistik informieren, über "Framing" und "Nudging" nachdenken oder Orwell rekapitulieren. Selten so wenig Substantielles zum Thema gehört, und das von einem Journalisten. Nicht umsonst sind die Bücher von Klemperer über LTI und von Sternberger "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen" so lesenswert, weil durch die entsprechende Sprache auch das Denken kontaminiert wird. Das Denken geht - jedenfalls in der Regel - dem Handeln voraus, fördert also dann die Handlungsbereitschaft. Nicht umsonst haben sich die Nazis mit der entsprechenden Propaganda und der rhetotischen Vorbereitung ihrer Untaten soviel Mühe gegeben.
widower+2 23.03.2019
3. Unwort
Bestimmte Begriffe lassen doch recht zuverlässig auf die Gesinnung Desjenigen schließen, der sie verwendet. Zum Beispiel "Gutmensch". Wer diesen Begriff abwertend gebraucht, muss nicht zwangsläufig rechtsradikal sein, ist es aber häufig genug. Dumm ist er auf jeden Fall.
s-achte 23.03.2019
4. Ich weiß nicht recht,
für meinen Geschmack macht es sich der Kollege etwas einfach. Es geht ja nicht nur um die Worte an sich, sondern eben vor allem um die (Um)deutung der Worte, besonders im Kontext. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich eine Folk-gruppe im schwäbischen hatte und wir freiheitlich, kritische Texte und Lieder finden wollten. Also machten meine damalige Freundin und ich uns auf und haben das Volksliedarchiv in Freiburg durchforstet. Viele gute Lieder, z. b. auch rotwelsche und welche aus Bauernkriegszeiten, die eigentlich alles andere als Nazi Gedankengut transportieren wollten. Meine Mutter hat uns dann das Material fast komplett zerrissen, weil praktisch alles von den Nazis mißbraucht wurde. Wie würde er das beurteilen?
Dr. Kilad 23.03.2019
5. Sprache muss man im gesellschaflichen & historischen Kontext sehen
Hier ist Matthias Heine nicht überzeugend, weil sich sowohl eine Bedeutung ändern kann als auch eine Übernahme der dahinterstehenden Ideologie zum Ausdruck bringt. "Untermensch" heute unterscheidet sich in seiner Bedeutung von der NS-Zeit nicht. Man braucht diesen Begriff nicht, aber er existiert in seiner Bedeuitung auch heute. Um historische Situation zu beschreiben, benotigt man diese Begriff gerade nicht, wohl aber zur Darstellung des NS-Ideologie. Was Heine überhaupt nicht kapiert: Es kommt nicht auf den Begriff, sondern seine Bedeutung an. Statt "Rassismus" kann man auch Rechtspopulismus sagen - die Bedeutung ändert sich nicht. Allerdings hat da Sprache durchaus eine Macht: Sie kann die Ideologie verharmlosen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.