US-Gesellschaftssatire Keiner bekommt Sympathiepunkte

Eine Weiße, die sich als schwarz ausgibt, eine Lesbe, die einen Schwulen heiratet: Im Roman "Virginia" löst Nell Zink soziale Kategorien auf - und beobachtet, was passiert. Ein ironischer Roman über Doppelmoral und Lebenslügen.

Lexington in Virginia (Symbolbild)
Getty Images

Lexington in Virginia (Symbolbild)

Von Jana Felgenhauer


"Da hast du dir aber ein ziemlich kompliziertes Leben ausgesucht", sagt die Mutter zu Meg, die lesbisch ist, betont männlich auftritt und zur Army will. Zu viel für die frühen Sechziger. Stattdessen landet die junge Rebellin auf einem Frauencollege und beginnt eine Affäre mit dem Literaturprofessor Lee Fleming, Sohn aus gutem Hause, der von seinen Eltern verbannt wurde, weil er schwul ist.

Meg wird schwanger, sie heiraten, bekommen noch ein Kind. Das Paar führt eine konventionelle Ehe, sie ist Hausfrau, er Ernährer. Sie ist die Verliererin, die Karriere (Meg möchte Theaterstücke schreiben) hintenanstellt und im Gegensatz zu ihm auf Affären verzichtet. Nach zehn Jahren hat Meg das Leben, das sie nie führen wollte, satt, schnappt sich die vierjährige Tochter und taucht unter.

Mutig, wild, aber auch egozentrisch

Ihre Flucht ist zugleich erfolgreiche Emanzipationsgeschichte und sozialer Abstieg: Das neue Zuhause ist eine Abrissbude in einem sumpfigen Wald, für den Lebensunterhalt sammelt die ehemalige Professorengattin Regenwürmer, klaubt Tierkadaver von der Straße, macht Drogengeschäfte. Jedoch entwickelt sie sich langsam wieder zu der Person, die man zu Beginn kennenlernte. Mutig, wild, aber auch egozentrisch: Sie nimmt in Kauf, dass ihre Tochter in ärmlichsten Verhältnissen aufwächst.

Sohn Byrdie bleibt unterdessen beim Vater, der ihn gesellschaftskonform zu einem "Vorzeigekind" erzieht, das sich für Golf, Jagen und Frauen begeistern soll.

Autorin Nell Zink: provokante Gesellschaftssatire mit finsterem Humor
David Levenson/ Getty Images

Autorin Nell Zink: provokante Gesellschaftssatire mit finsterem Humor

Nachdem Nell Zink einen Schwulen und eine Lesbe vermählte, setzt sie noch einen drauf. Meg meldet ihre Tochter Karen ("platinblond, im Sommer eine Haut, wie ein zart geröstetes Marshmallow") an einer Schule als Schwarze an, was niemand hinterfragt. Die Autorin erklärt das so: "Virginia war besiedelt, bevor die Sklaverei begann, und es war bunt. Es gab lohfarbene Schwarze mit haselnussbraunen Augen. Schwarze mit rotbraunem Haar, einer Haut wie Butter und tiefblaugrünen Augen." Schwarze und Weiße konnten zwecks Rassentrennung nur mit der "Ein-Bluttropfen-Regel" auseinandergehalten werden: "War nur einer deiner Vorfahren schwarz [...], dann warst du es auch."

Preisabfragezeitpunkt:
21.05.2019, 09:00 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Nell Zink
Virginia

Verlag:
Rowohlt Buchverlag
Seiten:
320
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Michael Kellner

Dass Karen und Meg angeblich schwarz sind, verzerrt die Reaktionen ihres Umfeldes. An ihnen können die weißen Familien, die neu in die Gemeinde ziehen, Toleranz üben und sich als gute Menschen inszenieren. In der Elternversammlung sagt eine Mutter wohlwollend, Meg sei wie ein Oreo-Keks: "Außen schwarz und innen weiß." Die Erwachsenen mögen auch Tochter Karen, denn sie ist "perfekt (hinreißend klein und blond), aber zum Scheitern verurteilt (schwarz und in Lumpen gekleidet)".

Dabei ist eigentlich ein anderes Kind bemerkenswert. Der begabte (und wirklich schwarze) Nachbarsjunge Temple Moody wird Karens bester Freund. Er ist ein intellektueller Überflieger, der alle zum Staunen bringt: "Aus welchem Ei war der geschlüpft?", fragt das Komitee, als er sich an der Uni um ein Leistungsstipendium bewirbt.

Außer Byrdie handelt keine der Figuren so, wie das Umfeld es von ihr erwartet, doch es bekommt auch niemand Sympathiepunkte, weil er einer Minderheit angehört. So ist der schwule Professor ein arroganter Frauenhasser, der schwarze Junge ein nerviger Streber.

"Virginia" ist kein Roman, der mit strengem Fingerzeig zu mehr Toleranz aufruft, sondern eine provokante Gesellschaftssatire mit finsterem Humor. Nell Zink führt eine spießige Gesellschaft vor, in der Doppelmoral und Rassismus bis heute an der Tagesordnung sind. Nur wie die Charaktere am Ende sich selbst und zueinander finden, gerät leider ziemlich kitschig und bemüht. Wobei: Vielleicht ist auch das nur wieder ironisch gemeint.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.