Neue Bücher im Dezember Der Prinz als Pin-up

Eine Auswahl der wichtigsten Belletristik- und Sachbuch-Veröffentlichungen im Dezember - rezensiert vom KulturSPIEGEL.


BELLETRISTIK

Christine Angot: "Warum Brasilien?".
Aus dem Französischen von Christian Ruzicska. Tropen Verlag, Köln; 208 Seiten; 17,80 Euro.

Die Romane von Christine Angot sind eine Zumutung. Sie fragen nach der Liebe und finden die Antworten stets im Grenzbereich zum Wahnsinn und zur Verzweiflung. Berühmt wurde die französische Autorin 1999 mit ihrem Roman "Inzest", in dem sie ihre Verstrickungen in eine lesbische Liebe schildert und von der Affäre mit ihrem Vater berichtet, den sie erst als 14-Jährige kennen lernte. Angot verwandelt ihr Leben in Literatur, in atemlose innere Monologe.

Ihr neues Buch heißt "Warum Brasilien?". Darin erzählt Angot von einem Jahr, das sie in Paris verbrachte, wo alle führenden französischen Intellektuellen leben, von denen sie sich nun aber erst recht isoliert fühlte; sie erzählt von ihrer Liebe zu dem Journalisten Pierre, die behutsam begann, aber in einen Strudel von Abhängigkeit und Einsamkeit mündete. Auch dieser Roman ist wieder eine emotionale Hetzjagd, bei der Angot zugleich die

Jägerin und die Gejagte ist.

CLAUDIA VOIGT

M. A. Numminen: "Der Kneipenmann".
Aus dem Finnischen von Eike Fuhrmann. Gerd Haffmans bei Zweitausendeins, Frankfurt/M.; 336 Seiten; 13,50 Euro.

Selbst hartgesottene Kneipenbesucher haben es zuweilen schwer, besonders am Morgen danach. "Gewaltig schwappen Wogen des Schmerzes vom Vorder- zum Hinterhaupt hin, vom Hinter- zum Vorderhaupt her", schildert M. A. Numminen, 63, in seinem Buch "Der Kneipenmann" ein besonders unerfreuliches Erwachen. Der finnische Multikünstler, studierter Soziologe und Philosoph, ist hier zu Lande durch den Roman "Tango ist meine Leidenschaft" (2000) bekannt geworden. Als "Kneipenmann" hat Numminen in seinem Heimatland innerhalb eines halben Jahres 350 Bier-Bars in 185 Gemeinden seine Aufwartung gemacht. Resultat: ein aberwitziger Reisebericht mit verständnisvoll gezeichneten Porträts von 132 Trinkstätten und ihren Besuchern. Auch wenn der Reisende mal leicht angeschlagen ist, seiner teilnehmenden Beobachtung entgeht nichts Wesentliches: "7 Flaschen - 1 Minute, 43 Sekunden und 87 Hundertstel", steht auf einem kleinen Pappschild am Eingang der "Posthalterei von Rautajärvi". Es handelt sich um den Lokal-Rekord im Biertrinken.

JOHANN CARLSON

Marcus Braun: "Hochzeitsvorbereitungen".
Berlin Verlag, Berlin; 240 Seiten; 18 Euro.

In der westdeutschen Provinz der achtziger Jahre war das Abitur ein harter Bruch im Leben. Denn nach der Prüfung kam die Frage: Was nun? Leon muss erst mal Zivildienst machen, während seine Freundin Lea in der Großstadt zur Uni geht. Dort kommt es, wie es kommen muss: Lea knutscht mit einem Kommilitonen - ausgerechnet einem Brillenträger und Programmkinogänger. Leon weiß nicht, ob er das übersteht, ob er sich rächen soll, wie und wie oft, ob mit Dedé, Birgit oder mit Natasha. Oder mit allen dreien. Marcus Braun konnte schon immer schöne, schnörkellose Sätze erfinden ("Delhi"). Das gelingt ihm auch in seinem neuen Roman. Darüber hinaus bringt er den Leser zielgenau und bestechend gelassen sofort ins Zentrum einer kleinen, provinziellen und postpubertären Welt.

JANA HENSEL


SACHBUCH

Bartholomäus Grill: "Ach, Afrika. Berichte aus dem Inneren eines Kontinents".
Siedler Verlag, Berlin; 384 Seiten; 24 Euro.

Auf den jährlichen Korrespondententreffen begrüßen ihn die Kollegen mit der Floskel "Ach, unser Mann aus Afrika." Der "Zeit"-Journalist Bartholomäus Grill versucht seit 1980 diesen Kontinent zu verstehen und zu erklären. Aber ist das überhaupt möglich? Grill bekennt freimütig Fehleinschätzungen - etwa über das Ausmaß des Völkermordes in Ruanda 1994; er findet Urteile über das "Wesen" der Afrikaner "geradezu anmaßend". Trotzdem - oder vielleicht gerade wegen dieser selbstkritischen Zweifel - gelingt Grill das beste deutschsprachige Afrika-Buch der vergangenen Jahre. Der 49-Jährige schildert die Nöte des Kontinents: Armut, Aberglaube, Krankheiten, Kriege. Er untersucht die Spätfolgen von Sklaverei und Kolonialherrschaft, beschreibt die Korruption und Selbstherrlichkeit der neuen Führer. Wie etwa beim Machtwechsel in Sambia 1996. Oft ließ sich Grill "von den Heilserwartungen der Menschen anstecken", um dann grausam enttäuscht zu werden. Der einst mit einem Helfersyndrom nach Afrika gereiste Korrespondent hat seine Illusionen verloren - nicht aber die Hoffnung. Denn "nirgendwo werden die Wunden so tief geschlagen wie in Afrika, nirgendwo verheilen sie so schnell".

HANS HIELSCHER


KINDERBUCH

"Grimms Märchen".
Die Gestalten, Berlin; 208 S.; 29,90 Euro.

Ein Junge und ein Mädchen stehen auf einer Wiese, sie tragen lustig geschwungene Kappen und gucken durch runde, erstaunte Teletubbie-Augen in die Welt. Sehen so Hänsel und Gretel aus? Der Verlag Die Gestalten hat eine Ausgabe Grimmscher Märchen herausgegeben, die man besitzen möchte, sobald man sie in der Hand hält. Junge Illustratoren haben die altbekannten Geschichten mit überraschenden Bildern versehen, jedes Märchen in einem sehr eigenen Stil. Die drei Söhne aus "Die goldene Gans" erinnern an Hippie-Pin-ups, in Schneewittchens Welt wimmelt es von Piktogrammen, und das "Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" ist mit holzschnittartigen Alptraumsequenzen bebildert. Man blättert begeistert vor und zurück, beginnt zu lesen und entdeckt dabei auch die wunderbar klare Sprache der Brüder Grimm und ihre Märchen wieder.

CLAUDIA VOIGT

Karen Duve: "Weihnachten mit Thomas Müller".
Illustriert von Petra Kolitsch. Eichborn Berlin; 40 Seiten; 9,95 Euro.

Glaubt noch jemand an den Weihnachtsmann? Dann sollte er dieses Buch besser nicht lesen. Denn in "Weihnachten mit Thomas Müller" kaufen die Menschen ihre Geschenke im Kaufhaus, das auch noch beim Namen genannt wird, und eine Katze outet Sternschnuppen als fallende Meteoritenstücke. Die Autorin Karen Duve ("Regenroman") hat zum ersten Mal ein Kinderbuch geschrieben: Es handelt von einem Plüschbären, der seinem kleinen Besitzer im Kaufrausch am 24.12. verloren geht und nach Geschäftsschluss ganz allein in der Hamburger Innenstadt zurückbleibt. Bis er auf wundersame Weise doch noch den Weg nach Hause findet und alles gut wird.

Duve schildert das Weihnachtsritual unserer Tage leicht ironisch und doch mit viel Liebe - für Kinder ist ihr Buch ein sehr modernes, unkitschiges Märchen, für Erwachsene eine amüsante Erinnerungshilfe, warum sich der ganze Stress auch in diesem Jahr lohnt.

ANKE DÜRR



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