Neue Bücher im Juli Verstecke, Versager und Verbrecher

Eine Auswahl der wichtigsten Belletristik- und Sachbuch-Veröffentlichungen im Juli - rezensiert vom KulturSPIEGEL.


BELLETRISTIK

Petri Tamminen: "Verstecke".
Aus dem Finnischen von Stefan Moser. Suhrkamp, Frankfurt/M.; 104 Seiten; 15 Euro.

Ein Buch kann wie eine Wohnung sein. Mit hell erleuchteten Räumen und behaglichen Winkeln. Ein Ort, an dem man sich wunderbar von der Welt lösen kann. "Verstecke" des finnischen Autors Petri Tamminen ist so ein Buch. In 42 kurzen Prosastücken beschwört er den Rückzug aus dem Dasein. Seine literarischen Miniaturen haben keine Handlung, sondern sind eigenwillige und oft melancholische Reflexionen über das Leben, die man sich sehr gut in einem Film von Aki Kaurismäki vorstellen könnte. So finden Männerrunden in Fischerhütten ihr seelisches Gleichgewicht wieder, und ausgebrannte Unternehmensberater erholen sich auf der Flughafentoilette. Zu diesen sonderbaren Versteck-Geschichten passt, dass es laut Tamminen nur einen möglichen Seelenzustand geben kann, um Urlaub von der Welt zu machen: Bedrücktheit.

JENNY HOCH

Zbigniew Kruszynski: "Zu Lande und zur See".
Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Deutsche Verlags-Anstalt, München; 224 Seiten; 19,90 Euro.

Die Fahrtrichtung hat sich geändert, das Verfallsdatum ist überschritten. Unmerklich hat sich eine ganze Gesellschaft verspätet und droht ihr Leben zu versäumen: Eine permanente postsozialistische Verunsicherung durchdringt die Erzählungen Zbigniew Kruszynskis. Nachdem der 47-jährige Autor als Mitglied der polnischen Untergrundbewegung zwei Jahre inhaftiert gewesen war, zog er nach Schweden und stellt seitdem von dort aus treffende Ferndiagnosen seines Heimatlandes. Dabei entwirft Kruszynski Figuren, die im Zuge des Umbruchs ihre Daseinsberechtigung verloren haben, wie einen Zensor, der die "Erst- und Zweitkontrolle" vermisst, und man meint, den Geruch einst beschlagnahmter Matrizen wahrzunehmen. Die Entdeckung eines Meisters der ironischen Mimesis, nicht nur aus Anlass des Deutsch-Polnischen Jahres.

KATRIN HILLGRUBER

David Nicholls: "Keine weiteren Fragen".
Aus dem Englischen von Ruth Keen. Kein & Aber, Zürich; 448 Seiten; 22,80 Euro.

Mach dich doch nicht zum Affen, möchte man dem Helden dieses Romans zurufen. Aber Brian, frisch an der Universität und entschlossen, das tolle, volle Leben zu genießen, hört ja nicht zu. Er will nicht mehr mit seinen alten Freunden abstürzen, sondern stattdessen nächtelang über Kunst diskutieren und sich vor allem: verlieben. Mit Akne und einer richtig schlimmen Achtziger-Jahre-Frisur ausgestattet, lässt Brian auf seinem Weg zur intensiven Existenz kein Fettnäpfchen aus. Er begehrt ausgerechnet die schöne Alice, obwohl da Rebecca mit den Punkstiefeln wäre. Und schließlich versaut Brian auch noch seine große Chance bei einem Fernseh-Quiz. David Nicholls ist in England ein erfolgreicher Drehbuchautor. Sein erster Roman ist tempostark, aber einfühlsam geschrieben und bringt die Anstrengungen der angeblich schönsten Jahre des Lebens auf den Punkt, in denen man noch nicht weiß, was man will, aber das mit voller Kraft.

WOLFGANG BORTLIK

Augusten Burroughs: "Trocken!".
Aus dem Amerikanischen von Volker Oldenburg. Rowohlt, Reinbek; 384 Seiten; 14,90 Euro.

Wie stellt sich ein maßlos trinkender Werbetexter eine Entzugsklinik vor? Als Designerhotel mit Zimmerservice. Die Eingewöhnung des selbsternannten "Werbealkoholikers" ins Milieu der von ihm diagnostizierten "Schwerstalkoholiker" funktioniert in Augusten Burroughs Roman "Trocken!" nach besten Regeln einer Culture-Clash-Comedy: Dem Schnösel werden die Flausen ausgetrieben. Die Situation ist urkomisch, und Burroughs, 39, kann die Witze pflücken. Nachdem sein Held aus der Klinik entlassen ist, versucht er es mit Schwärmen statt mit Saufen, verliebt sich ponyhofnaiv in einen cracksüchtigen Mann mit naturschöner Brustbehaarung. "Trocken!" lässt den Leser die ganze Gefühlsskala der Alkoholkrankheit miterleben: die Unterschätzung der Sucht als niedliche Angewohnheit, den körperlichen Verfall, die anfängliche Euphorie, spätere Gelangweiltheit des Abstinenzlers, den mordsgefährlichen Rückfall in der Krise, schließlich die tiefgehende Entscheidung, es nicht zu tun. Mehr kann ein Entziehungsroman nicht leisten.

DOJA HACKER


SACHBUCH

Michael Bitala: "Hundert Jahre Finsternis - Afrikanische Schlaglichter".
Picus Verlag, Wien; 160 Seiten; 14,90 Euro.

Wer will schon Reportagen über Afrika lesen? Kriege, Hunger, Aids - wir sind der Horrorstorys müde. Bitala kommt an dieser Realität nicht vorbei. Doch der Afrika-Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" entdeckt in all dem Elend Menschen, die man nicht vergisst: "Pendler-Kinder" in Uganda, die jeden Abend in die Stadt Gulu strömen; denn in ihren Dörfern droht ihnen die Entführung durch Rebellen. Oder die Verkrüppelten am Kongo-Fluss; sie stiegen zu Königen des kleinen Grenzverkehrs auf, weil sie nur halb so viel Zoll zahlen müssen wie andere Bürger. In Ghana traf Bitala Tischler, die Särge in Form von Autos und Bierflaschen zimmern. Das Gewerbe blüht, seit sich eine Frau, die nie in ihrem Leben geflogen war, einen Holzjumbo als Sarg bauen ließ. Einfallsreichtum und Mut der Afrikaner, bekennt Bitala, hätten ihm "immer wieder Kraft und Zuversicht gegeben".

HANS HIELSCHER


HÖRBUCH

Felicitas Hoppe: "Verbrecher und Versager".
4 CDs; 235 Minuten; Marebuchverlag; Hamburg; 26,90 Euro.

Es gibt Bücher, die wirken gequetscht, die verlieren ihren Zauber, wenn man sie hört. Felicitas Hoppe, Reisende und hochseeerfahren, erzählt fünf Geschichten, nicht lang und so tief wie klar. Es treten auf: Georg Meister, Schiffsgärtner und Ostindienfahrer; Franz Joseph Ernestus Antonius Emerentius Maria Kapf, zu Beginn Zimmergenosse Schillers und ziemlich bald sterbender Soldat in Afrika; Franz Wilhelm Jung, Botaniker; John Hagenbeck, Tierfänger und angeblich Spion; Leonhard Hagebucher, Studiosus der Theologie. Fünf Männer sind das, die träumen, reisen, scheitern. Und Felicitas Hoppe ist eine Vorleserin, die Vokale und manchmal ganze Silben verschluckt, aber sie liebt ihre Verbrecher und noch mehr die Versager, und sie kennt den Rhythmus der eigenen Sprache. Es gibt Märchen, die zum Vorlesen geschrieben wurden, es gibt Bücher, die Musik werden können.

KLAUS BRINKBÄUMER



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.