Neue Bücher im Mai Von Blendern und Büchsenlichtern

Eine Auswahl der wichtigsten Belletristik- und Sachbuch-Veröffentlichungen im Mai - rezensiert vom KulturSPIEGEL.


BELLETRISTIK

Svenja Leiber: "Büchsenlicht".
Ammann Verlag, Zürich; 160 Seiten; 17,90 Euro.

"Wie viel Erde brauchen die Deutschen?" Der in Deutschland arbeitende Russe Vinogradov beantwortet sich die Frage selbst: "So viel, dass sie dort all den Schrott draufstellen können, den sie sich im Baumarkt kaufen." Wer sich von Literatur lebensbejahende Stimmung erhofft, sollte "Büchsenlicht", das Erzählungsdebüt der 29-jährigen Svenja Leiber, nicht anrühren. Hier herrschen Tristesse bei den Jungen, Resignation bei den Eltern, allein bei den ganz Alten kommt manchmal spitzbübische Freude auf. Leibers Erzählungen zeigen Menschen, die keine Wahl haben - zu einem Zeitpunkt, an dem sie dies noch nicht wissen, an dem sie noch hoffen, der existentiellen Ödnis auf dem Lande zu entkommen. Ein junges Paar etwa beschreibt die Autorin so: "Kati sah den Fernsehschauspielern beim Geldverdienen zu, und Dirk verbrachte seine Wanderjahre im Netz." Ihr schnurgerader Erzählton erklärt nichts, bringt aber vieles auf den Punkt. Ein trauriges Vergnügen.

DOJA HACKER

Santiago Gamboa: "Die Blender".
Aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 320 Seiten; 20,50 Euro.

Was wäre ein Agentenroman ohne die klassische Eröffnung mit einem "seltsamen Anruf"? Als der Kolumbianer Suárez Salcedo, der in Paris als Radiojournalist arbeitet, den Hörer abnimmt, erhält er aus der Chefetage den Auftrag, das Leben der unterdrückten Katholiken in China zu recherchieren. Doch dahinter steckt der französische Geheimdienst, dem es um die Wiederbeschaffung des Gründungsmanifests der revolutionären Boxer-Bewegung geht. In dieses riskante Unternehmen geraten auch ein weltfremder deutscher Sinologe und ein verhinderter Großschriftsteller aus Peru. Drei Kontinente, drei Männer und bei allen der brennende Wunsch nach Selbstbestätigung, der sie zu Blendern werden lässt. Der kolumbianische Autor Santiago Gamboa entwirft in diesem raffinierten Roman eine kosmopolitische Gegenwelt zu den Mythen seines Landsmannes Gabriel García Márquez.

KATRIN HILLGRUBER

Annette Mingels: "Die Liebe der Matrosen".
DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln; 352 Seiten; 19,90 Euro.

"Wir sind Götter" steht mit blauer Farbe an einer Turnhalle. Aber die vier Hauptfiguren in Annette Mingels' zweitem Roman "Die Liebe der Matrosen" können sich an dieses Gefühl, das der Jugend gehört, kaum noch erinnern. Sie haben sehr irdische Probleme, und obwohl sie alle in enger Beziehung zueinander stehen, treiben sie isoliert durchs Leben. Da ist Klara, die alles Unangenehme ausblendet und von ihrer besten Freundin Sylvie hintergangen wird. Diese taumelt von Affäre zu Affäre, bis sie erkennt, dass sie für die rauhen Momente ihres Lebens selbst verantwortlich ist. Klaras Vater Georg verliebt sich in eine Schülerin, und Mutter Judith, die seit 25 Jahren klaglos funktioniert, packt plötzlich die Koffer und zieht in eine andere Stadt. Mingels erzählt heiter und melancholisch zugleich von dem Alltäglichen, dessen Grausamkeit im Detail liegt.

JENNY HOCH

Kirsty Gunn: "Der Junge und das Meer".
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Marebuchverlag, Hamburg; 144 Seiten; 15 Euro.

Ein Sommertag am Meer. Der 15-jährige Ward macht dort wie jedes Jahr mit seinen Eltern Urlaub. Sein Vater sitzt auf der Veranda und liest, schaut Wards Freundinnen hinterher oder macht seiner Frau Komplimente, und am frühen Nachmittag verschwindet er mit ihr im Haus und schließt die Fensterläden. Der schüchterne Ward streift währenddessen im Pinienwäldchen umher, denn er mag nicht zu Hause sein, wenn seine Eltern zusammen sind, und auch nicht bei seinen Freunden, die sich so mühelos amüsieren. Lieber beobachtet er das Meer. Und er sieht, dass am späten Nachmittag eine verdammt hohe Welle kommen wird. Kirsty Gunn erzählt in diesem kurzen Text von vielem: vom Erwachsenwerden, von einer glücklichen Ehe, von der Erotik zwischen einer Mutter und ihrem heranwachsenden Sohn. Mit nur wenigen Sätzen zeichnet sie die Stimmung dieser Familie und dieses Tages. Vor allem aber erzählt Gunn vom Meer, bildmächtig und sprachgewaltig und mit poetischem Sog.

CLAUDIA VOIGT


SACHBUCH

Dieter Richter: "Neapel. Biografie einer Stadt".
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin; 304 Seiten; 13,90 Euro.

Wäre das Buch nur, was sein Titel verspricht, dann stünde es als Neuaufguss schon achtbar da. Aber die lange, verwickelte Story von Griechen, Römern, Normannen, Anjous, Österreichern, Bourbonen und ihresgleichen, die die Hafen-Metropole am Vesuv beherrschten, bildet bloß den Auftakt. Dann schwenkt der Blick auf das Image der unheimlich-lockenden Heimat von Lazzaroni und Tarantella, auf Neapel als europäisches Touristenziel - samt dem Reiseplan der Schwester Friedrichs des Großen und dem Besichtigungsprogramm Theodor Fontanes. Wer hätte schon von deutschen Gastarbeitern und Schweizer Söldnern am Vesuv gehört? Wer kennt die 2500 Jahre alten Katakomben, die im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker neue Verwendung fanden? Dieter Richter hat entlegene Quellen entdeckt, er schreibt detailgenau und con amore. Nur eines fehlt seinem empfehlenswerten Schmöker für denkende Reisende zur Vollkommenheit: ein Register.

JOHANNES SALTZWEDEL


BIOGRAFIE

Rita Marley: "No Woman No Cry".
Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz und Werner Schmitz. Rockbuch Verlag, Schlüchtern; 288 Seiten; 19,90 Euro.

Die Ehefrauen berühmter Pophelden lassen sich in der Regel in zwei Kategorien einteilen: in hübsche Anhängsel - und in willensstarke Überlebenskünstlerinnen. Zu den letztgenannten gehört eindeutig Rita Marley, Witwe der 1981 mit 36 Jahren an Krebs gestorbenen Reggae-Ikone. Passend zu Bobs 60. Geburtstag sind nun auch hier ihre Erinnerungen erschienen. Eine teils märchenhafte Geschichte vom Aufstieg eines Hochbegabten aus dem Armenviertel von Kingston, Jamaika, zum ersten Superstar der Dritten Welt. Aber auch eine Schilderung der unguten Seiten des Reggae-Helden, inklusive ehelicher Vergewaltigung und rasanter Untreue. Von angeblich 22 Marley-Kindern sind nur 4 von Rita. Auch wenn sich Frau Marley zeitweilig in Geschwätz verliert und manches Spannende nur andeutet, zeigt ihr Buch doch einen interessanten neuen Blick auf eine große Karriere.

CHRISTOPH DALLACH



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