Neue Bücher im November Die miese Natur des Menschen

Eine Auswahl der wichtigsten Belletristik- und Sachbuch-Veröffentlichungen im November - rezensiert vom KulturSPIEGEL.


BELLETRISTIK

Kirsten Fuchs: "Die Titanic und Herr Berg".
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin; 288 Seiten; 18,90 Euro.

Sie heißt Tanja, er heißt Peter. Sie ist etwas über zwanzig, er wird demnächst 43. Sie will unbedingt die große Liebe erleben, egal um welchen Preis. Er ist zweimal geschieden, hat zwei pubertierende Kinder, eine psychisch kranke Ex-Frau und will mit aller Kraft verhindern, jemals wieder der Liebe zu begegnen. Er heißt Herr Berg, und sie steuert ungebremst und direkt auf ihn zu. Wie die "Titanic" auf den Eisberg, sagt er. "Bei der Titanic sind nur deshalb alle Kammern voll Wasser gelaufen, weil sie ausgewichen ist", sagt sie. "Aha", sagt er. Tanja wird nicht ausweichen. Und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Die junge Autorin Kirsten Fuchs hat zwar einen Liebesroman geschrieben, aber - love is a battlefield - sie ballert dem Leser ihre scharfen, genauen Sätze nur so um die Ohren. Irgendwie muss man beim Lesen ständig an ein Schnellfeuergewehr denken. Die Geschichte wird abwechselnd aus seiner und ihrer Sicht erzählt, und vor allem für den Mann, der verdammt stolz ist auf seine Abgeklärtheit, findet Fuchs einen sehr eigenen Ton. Es muss auch noch erwähnt werden, dass es lange keinen deutschen Roman mehr gab mit so vielen, gut geschriebenen Sexszenen, über die sich vor allem sagen lässt: So ist es.

CLAUDIA VOIGT

Thomas Palzer: "Ruin".
Blumenbar Verlag, München; 260 Seiten; 18,50 Euro.

Es beginnt im strahlenden Azur des Golfs von Neapel mit einem symbolischen Treppenaufstieg zum berühmten Haus des Schriftstellers Curzio Malaparte (dem Verfasser des Antikriegsromans "Kaputt") und endet einsam im Tresorraum einer Schweizer Bank: "Ruin", die Schicksalssymphonie eines Mannes im biografisch gefährlichen Alter um die fünfzig. Sich "auf eine komplizierte Art glücklich" zu fühlen, bedeutet für Protagonisten eines postmodernen deutschen Gesellschaftsromans ungeheuer viel. Der ergrauende Filmkaufmann Viggen glaubt sich gegen die Zumutungen einer immer banaler werdenden Konsumwelt mit heiterer Gleichgültigkeit wappnen zu können. Doch als gleichzeitig der Tod und eine neue Liebe in sein Leben treten, gerät er in eine Abwärtsspirale, die Thomas Palzers bildmächtige Sprache kräftig beschleunigt.

KATRIN HILLGRUBER

Sabine Schiffner: "Kindbettfieber".
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M.; 336 Seiten; 18,90 Euro.

Wo beginnt die Geschichte einer Frau? Bei ihrer Mutter? Ihrer Großmutter? In ihrem preisgekrönten Familienroman "Kindbettfieber" erzählt Sabine Schiffner vier Frauenschicksale: von der Urgroßmutter, die in Zeiten des Ersten Weltkriegs vom Geheimnis um ihren schon in der Kindheit verschwundenen Vater geplagt wird, bis zur jüngsten Tochter mit dem merkwürdigen Namen Sigune; diese wird durch eine zufällige Begegnung in den achtziger Jahren wieder in die erschütternde Geschichte ihres Ururgroßvaters verwickelt. Untrennbar scheinen in Schiffners Erstling die Generationen durch ihre Sehnsüchte, ihren Freiheitsdrang und ihre Alltagssorgen miteinander verwoben, so dass sich mit erstaunlicher Gesetzmäßigkeit Lebensmuster der Mütter bei ihren Töchtern wiederholen. Temporeich und souverän manövriert die Autorin jede Figur durch ein Meer aus Erinnerungen und zeigt, wie hoch die Wellen aus längst vergangenen Tagen noch heute schlagen.

Generationenroman "Kindbettfieber": Lust und Last des Erinnerns

VERENA ARAGHI

James Meek: "Die einsamen Schrecken der Liebe".
Aus dem Englischen von Malte Krutzsch und Karen Nölle-Fischer. Droemer, München; 432 S.; 19,90 Euro.

Seltsame Dinge gehen vor in dem sibirischen Dorf Jasyk im Jahr 1919. Die Mitglieder einer Sekte ohne Kinder bevölkern die Siedlung; aus der Kehle eines Schamanen spricht ein Dämon zu den Menschen; tschechische Soldaten, die einst fürs Zarenreich in den Weltkrieg gezogen waren, bibbern der Bestrafung für ihre Mordtaten durch die neuen Herrscher Russlands entgegen - und eine schöne Frau trauert ihrem verschollenen Gatten nach. Der britische Autor James Meek war lange Russland-Korrespondent des "Guardian" und entwirft in seinem Roman mit dem schmökerhaft-verschmockten deutschen Titel "Die einsamen Schrecken der Liebe" (im Original: "The People's Act of Love") ein wüstes Kolossalgemälde: Liebesverzweiflung und Todesangst, Mordlust und fanatische Verblendung regieren ein melodramatisch verschattetes, zerstörtes Paradies im wilden Osten. Meeks Buch, penibel recherchiert und verfasst in einer nicht ganz schwulstfreien, ganz an großen toten Schriftstellervorbildern wie Boris Pasternak (um nicht gleich von Leo Tolstoi zu reden) geschulten Sprache, prunkt mit finsteren Bildern - und stimmt mit schöner Inbrunst die Wehklage über die miese Natur des Menschen an.

WOLFGANG HÖBEL


SACHBUCH

Winfried Menninghaus: "Hälfte des Lebens".
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M.; 144 Seiten; 16,80 Euro.

Vielen sind die suggestiven Verse unvergesslich, ohne dass sie je über ihren Sinn nachgedacht hätten: "Die Mauern stehn / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen": Was macht Hölderlins Wortbild so unendlich hoffnungslos? Und worauf deuten die "holden Schwäne" vorher? In seinem wunderbar gelehrten Büchlein geht Winfried Menninghaus, Literaturwissenschaftler in Berlin, einem der meistgedruckten deutschen Gedichte regelrecht auf den Grund - mit beachtlichem Ergebnis: In der Versform von Hölderlins "Hälfte des Lebens" (1804) verbirgt sich eine ganze Poetik. Nicht nur der große griechische Heldensänger Pindar war demnach für den übersensiblen Schwaben maßstäblich, sondern auch Sappho, die Dichterin der Vereinzelung und des Leidens. Schönster Lohn der behutsamen, eleganten Studie: Nach ihrer Lektüre übt Hölderlins 58 Wörter kurzes Meisterwerk noch stärkeren Sog aus als zuvor.

JOHANNES SALTZWEDEL


HÖRBUCH

"Lauschangriff". 5 Pop-Hörspiele.
5 CDs. Random House Audio, Köln; 350 Minuten; 29,50 Euro.

Hin und wieder, zu selten, erscheinen deutsche Hörspiele, die mehr sind als Lesungen. Viel mehr. Schorsch Kamerun ("Eisstadt") erzählt eine Flüchtlingsgeschichte aus der Zukunft, Edgar Lipki ("Battle Field Eye") spielt mit Geräuschen und Bildern von Krieg und Tod, Walter Filz ("Pitcher") hat einen sehr schrägen Krimi aus dem Erzgebirge verfasst, in dem es um Stimmenmanipulatoren, den Klang von Starkbier und die Nasenform von Weihnachtsengeln geht, und Christoph Schlingensief ("Rosebud") eine wilde, etwas zu wüste Medienparabel. Stefan Weigl aber, früher Werbetexter und nun freier Autor, hat das Meisterwerk dieser außergewöhnlichen Sammlung geschrieben: "Stripped", ein Lebensjahr in Kontoauszügen, schlau montiert und komisch kommentiert, ergibt die Geschichte eines Getriebenen, eines nackten, rechtlosen, am Ende entehrten Menschen unserer Zeit, denn durch Weigls Kontoauszüge lernen wir, wie Banken denken und wie sinnfrei man sein Geld verschleudern kann. 120 Euro Jahresbeitrag für 1860 München? Wer sich so ruiniert, verdient kein Mitleid.

KLAUS BRINKBÄUMER



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