Neue Bücher im November Wilde Liebschaften

Eine Auswahl der wichtigsten Belletristik- und Sachbuch-Veröffentlichungen im November - rezensiert von KulturSPIEGEL und SPIEGEL ONLINE.


BELLETRISTIK

Frank Lähnemann - "Polyesterliebe"
Lautsprecherverlag, Stuttgart; 144 Seiten; 12,90 Euro

Marc ist verknallt. Das wäre ja weiter nicht schlimm, aber es gibt ein Problem: Marc ist in eine Schaufensterpuppe verliebt; eine aus dem New Yorker East Village. Keines der jungen Dinger, die ab und zu die Auslage aufräumen, nein, eine Puppe aus echtem Plastik und Polyester. Weil man mit so einem Teil aber keine echte Beziehung eingehen kann, macht Marc sich auf die Suche nach ihrem Ebenbild aus Fleisch und Blut. Der Hamburger Autor Frank Lähnemann schickt den Protagonisten seines Debüt-Romans "Polyesterliebe" also auf eine mal rasante, mal besinnliche Reise. Schnell scheint Marc am Ziel seiner Träume zu sein, denn er findet sie. Sie! Seine lebende Schaufensterpuppe: Nina Feil, Kanutin beim KVL Potsdam. Nach kurzem Hin und Her schafft er es auch, sie zu treffen. Doch die Zauberhafte entpuppt sich als "prolliger Panther". Marc muss weitersuchen. Charmant, mit viel Lakonie und Sinn für Situationskomik beschreibt Lähnemann die Sehnsucht nach der perfekten Partnerin: Marc geht auf Single-Partys, obwohl er nie auf Single-Partys gehen würde. Er sucht in Apotheken. In Zeitungen. Zuletzt wieder im East Village. Es ist eine schöne Geschichte geworden, voll leiser Melancholie und wunderbar spöttischen Alltagsbeobachtungen: Keine Bettina dieser Welt wird eben gerne "Bettinchen" genannt - auch nicht von ihren Freundinnen.

MICHAEL BRANDHOFF

Jean-Philippe Toussaint: "Das Badezimmer".
Aus dem Französischen von Joachim Unseld. FVA, Frankfurt/M.; 128 S.; 15,90 Euro.

Die große Sehnsucht nach Passivität: Man möchte einfach nur weg sein. Sich irgendwo verstecken, wo einen das Leben nicht findet. Wo man nichts "muss", nicht einmal frische Milch besorgen, von diffizileren Anforderungen der Existenz ganz abgesehen. Aus diesem Grund zieht sich Jean-Philippe Toussaints junger Held eines Tages in seine Badewanne zurück und bleibt dort. Er liest, hängt metaphysischen Gedanken nach, beobachtet den Mikrokosmos seines Daseins: seine Frau, die diesen Zustand durch Arbeit in einer Galerie finanziert, einige polnische Kunstmaler, die die Küche streichen, den Besuch seiner Mutter. Lange war diese ironisch-philosophische Reflexion über die Kunst der Verweigerung, mit der Toussaint ("Sich lieben") 1985 schlagartig berühmt wurde, vergriffen. Jetzt liegt eine neue, leichtfüßige Übersetzung von Joachim Unseld vor, mit der man sich wunderbar für einige Zeit zurückziehen kann.

SILJA UKENA

Yôko Ogawa: "Liebe am Papierrand".
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe/Kimiko Nakayama-Ziegler. Liebeskind, München; 256 Seiten; 19,80 Euro.

Die Hauptfiguren dieses Romans sind nicht etwa die Ich-Erzählerin und ihr Geliebter, sondern vielmehr die Ohren der Protagonistin. Wegen einer Krankheit sind die fünf Sinne der Frau - insbesondere das Hören - unglaublich sensibel und nehmen Laute wahr, die andere gar nicht beachten. Aber nicht nur für jedes Geräusch, auch für Licht und Landschaften findet die japanische Autorin Yôko Ogawa bilderreiche Vergleiche und lässt so eine berückend schöne Welt aus Geigenmusik, Purpurrot und Eiskristallen entstehen. Wie nebenbei erzählt Ogawa die geheimnisvolle Liebesgeschichte zwischen der frisch geschiedenen Frau und dem Stenografen. Manche Zusammenhänge bleiben rätselhaft, aber dieser Roman vermittelt auf vielfältige Weise jenen Zauber, den die Ich-Erzählerin empfindet, wenn sie den Fingern ihres Geliebten beim Stenografieren zuschaut.

RUTH REICHSTEIN

Niels Fredrik Dahl: "Auf dem Weg zu einem Freund".
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Kiepenheuer & Witsch, Köln; 224 Seiten; 17,90 Euro.

Ein erschöpfter Elefant blockiert den Berufsverkehr in Oslo, er heißt Batir, und er weint. Es ist eine traurige Szene, mit der Niels Fredrik Dahl seinen Roman beginnt, und der Auftakt einer noch traurigeren Geschichte. Sie wird erzählt aus der Sicht von Vilgot, der den Elefanten freigelassen hat, und sie führt zurück in Vilgots trostlose Kindheit in den sechziger Jahren. Wie er ziellos durch Oslo schleicht, um nicht zu Hause bei der kranken, tyrannischen Mutter und dem resignierten Vater zu sein. Wie er einem schrecklichen Verbrechen zum Opfer fällt, das sein ganzes Leben zerstören wird. Der norwegische Autor erzählt diese düstere Geschichte, die tief ins Herz geht, mit melancholischer Leichtigkeit, und so kommt das Grauen in diesem bewegenden Roman noch ein wenig unfassbarer daher.

DANIEL SANDER

Calixthe Beyala: "Wilde Liebschaften".
Aus dem Französischen von Lis Künzli. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg; 212 Seiten; 14,90 Euro.

Ève-Marie ist eine Frau, die stets versucht, dem Leben zuvorzukommen, damit es sie nicht einholt mit seinen Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten. Als ihr Mann Pléthore sie mit der weißen Nachbarin betrügt, rennt sie durch ihr Wohnviertel Belleville in Paris und schreit: "Hier kommt die Gehörnte." Ève-Marie ist eine Schwarze mit ausladenden Hüften, die als Prostituierte in dem Club der "Schönen Pariserinnen" arbeitet. Aber als ihr der erfolglose, weiße Schriftsteller Pléthore einen Heiratsantrag macht, hofft sie, als 40-Jährige noch ein bürgerliches Leben beginnen zu können. "Was du dir da aufbauen willst, dazu braucht es vier Generationen von Frauen", sagt Ève-Maries Mutter. Und tatsächlich zerplatzen erst mal alle ihre Träume. Die in Kamerun geborene französische Autorin Calixthe Beyala hat einen mitreißenden Roman von großer Sprachkraft geschrieben, und Ève-Marie als Feministin wider Willen ist eine ergreifende Heldin mit einer Geschichte voller Mut und Optimismus.

CLAUDIA VOIGT


SACHBUCH

Alice Schmidt: "Tagebuch aus dem Jahr 1954".
Hrsg. von Susanne Fischer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M.; 336 Seiten; 38 Euro.

Den "schäbigen Rest", der von einem Schriftsteller bleibt, nachdem er sein Werk beendet hat, "besieht man sich als Verehrender besser nicht", hat Arno Schmidt einmal verlangt. Doch gerade den grimmig-exakten Sprachzerleger durchleuchten seine Fans mit Wonne. Nun bringt die Arno Schmidt Stiftung sogar noch Tagebuch-Proben seiner Frau heraus. Und siehe da: Der seltsam indiskrete Blick in die Kleinstbürgerlichkeit zweier neurotischer Spätaufsteher mit Katzenfimmel weitet sich allmählich zu einem Sittenbild der Nachkriegsjahre. Aus Wetter-Kürzeln, Honorarsorgen, Schachpartien, Schnapskonsum und kleinsten Alltagssorgen ("Letzten Teebeutel getrunken"), vor allem aber der Recherche-Reise ins niedersächsische Ahlden und nach Ost-Berlin, die Schmidts Kurzroman "Das steinerne Herz" anregen sollte, knüpft sich ein Fakten-Netz, das gefangen nimmt - und dank der Mühe des Meistertypografen Friedrich Forssman vorbildlich lesbar geworden ist.

JOHANNES SALTZWEDEL


BILDBAND

James Mollison: "James and Other Apes".
Chris Boot, London; 112 Seiten; etwa 45 Euro.

James ist fünf Jahre alt, männlich, geboren in Kamerun. Seine Eltern wurden von illegalen Wilderern umgebracht. Sein Porträt - aufgenommen im Mvog-Betsi Zoo in Kamerun - wurde mit einer großformatigen Kamera gemacht, ebenso wie die Bilder von 49 weiteren Menschenaffen: Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans, Bonobos. Der Benetton-Fotograf James Mollison hat über Jahre die Waisenhäuser und Asyle für verlassene und verletzte Affenkinder aufgesucht und jedem ein meisterhaftes Porträt gewidmet, verbunden mit einer Vita, die das traurige Schicksal beschreibt. Die Bilder beweisen, wie sehr sich die einzelnen Affenindividuen voneinander unterscheiden - und die Primatologin Jane Goodall macht in ihrem emotionalen Vorwort deutlich, wie wenig wir Betrachter uns von ihnen unterschieden.

CHRISTIANE GEHNER



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