Neue Bücher im Oktober Von Mägden und Ministerien

Eine Auswahl der wichtigsten Belletristik- und Sachbuch-Veröffentlichungen im September - rezensiert vom KulturSPIEGEL.


BELLETRISTIK

Steve Tesich: "Ein letzter Sommer".
Aus dem Amerikanischen von Heidi Zerning. Kein & Aber, Zürich; 492 Seiten; 22,80 Euro.

Nach Jahren der Geborgenheit im Kreise seiner Schulfreunde wird das Leben des Daniel Price plötzlich erschüttert. Während seine Weggefährten gelangweilt in die Zukunft blicken, steht der 17-Jährige unversehens vor dem größten Abenteuer seines Lebens: der Liebe - in Gestalt der unergründlichen Rachel. Tesich schildert in seinem bereits 1982 in den USA erschienenen Debüt die anrührende Geschichte eines schließlich befreienden Erwachens. Denn nachdem Daniel zunächst den Krebstod seines Vaters erlebt und wenig später das Zerplatzen seiner Liebesträume, sieht er sich bereit, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Wie Tesich (der 1996 im Alter von 53 Jahren starb und hierzulande mit dem Roman "Abspann" bekannt wurde) eine der ältesten Geschichten neu und unsentimental zu erzählen vermag, das macht dieses Buch zu einem zeitlosen Stück wahrhafter Literatur.

PETER HENNING

Dubravka Ugresic: "Das Ministerium der Schmerzen".
Aus dem Kroatischen von B. Antkowiak, M. und K. Wittmann. Berlin Verlag, Berlin; 288 Seiten; 19,90 Euro.

Tanja Lucic arbeitet als Dozentin für serbokroatische Literatur in Amsterdam. Ihre Studenten sind wenig jünger als sie selbst und kommen aus allen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens. Für Lucic' Stunden interessieren sie sich auch deshalb, weil sie so eine Aufenthaltsgenehmigung in den Niederlanden erhalten. Zögerlich nähern sie sich im Unterricht dem großen Graben, dem Krieg, der alle unüberwindbar voneinander und von der eigenen Biografie trennt. Wie die großartige kroatische Autorin Dubravka Ugresic in unerbittlicher Aufrichtigkeit von der Unmöglichkeit erzählt, im eigenen Land jemals wieder heimisch zu werden, aber auch ohne Aussicht zu sein, irgendwo anders ankommen zu können, das ist atemberaubend.

CLAUDIA VOIGT

Anja Sicking: "Die Magd des Monsieur de Malapert".
Aus dem Niederländischen von Barbara Heller. SchirmerGraf, München; 240 Seiten; 18,80 Euro.

Durch einen Brand hat die junge Anna ihre Eltern und ihr Erbe verloren und muss seither ihre Herkunft verleugnen. Sie hofft, einen Mann zu finden, der sie zurück in ihren Stand hebt und übernimmt die Stellung als Magd beim eleganten Monsieur de Malapert. Doch während sie versucht, ihn mit ihren Feigenplätzchen und schmalen Hüften zu betören, erkennt sie, dass der feingliedrige Mann ein Geheimnis hat. Bevor sie wirklich begreift, wird Malapert festgenommen und angeklagt, die "stumme Sünde" begangen zu haben. Erschreckend detailliert und spannend zu lesen, schildert Sicking vor der Kulisse eines authentischen Skandals im Amsterdam des 18. Jahrhunderts - viele homosexuelle Männer wurden hingerichtet - die damaligen Vorstellungen von Moral und Sexualität: Der Frauenkörper galt als das nach innen gestülpte Pendant des Mannes, und die Begierde fürs gleiche Geschlecht wurde mit verschmähter Liebe erklärt.

CLAUDIA PIENTKA


SACHBUCH

Alex Capus: "Reisen im Licht der Sterne".
Albrecht Knaus, München; 240 Seiten; 18 Euro.

Ende 1889 landete der Romancier Robert Louis Stevenson mit seiner kapriziösen Frau Fanny auf Samoa - und entschied sich nach wenigen Wochen urplötzlich zu bleiben. Am Klima lag es nicht: Auch hier fieberte der dürre Schotte und spuckte häufig Blut. Weshalb also ein Domizil am Rand der Welt? Warum ließ Stevenson Angehörige nachkommen? Wovon finanzierte er seinen luxuriösen Lebensstil samt Dschungelpalast? Der in der Schweiz lebende Romancier Alex Capus hat eine kühne Erklärung: Seit dem Bucherfolg "Die Schatzinsel" (1883) im Freibeuter-Metier kundig, könnte Stevenson nun selbst zum Jäger geworden sein. Mit einer faszinierenden Indizienkette zeigt Capus, dass der Dichter den lange gesuchten Kirchenschatz von Lima auf der benachbarten Kokosinsel vermutete - und dort auch fand. Ob es stimmt? Echte Beweisstücke fehlen. Umso mehr regt das glänzend erzählte Buch mit dem Untertitel "Eine Vermutung" die Phantasie an. Und was ließe sich von guter Literatur Besseres sagen?

JOHANNES SALTZWEDEL

Joseph Heath/Andrew Potter: "Konsumrebellen. Der Mythos der Gegenkultur".
Aus dem Englischen von Thomas Laugstien. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Berlin; 432 Seiten; 19,90 Euro.

Erstaunlich viele Menschen finden den Konsumrausch der westlichen Welt fast so bedrohlich wie den Fundamentalismus der Qaida. Man verweigert sich amerikanischen Sportschuhherstellern, die ihre Massenprodukte womöglich von Kindern in der Dritten Welt fertigen lassen, trinkt Mate-Tee statt Cola, studiert Szene-Bestseller wie "No Logo!" oder "Fast Food Nation" - und fühlt sich irgendwie gut dabei. Mit einigen Illusionen dieser Art räumt das Buch von Heath und Potter auf. Die beiden plietschen Kanadier wollen natürlich provozieren und erklären die Ideen der Gegen- und Alternativkonsumkultur für abwegig und gescheitert. Hämisch verkünden sie, dass gutinszenierter Idealismus meistens auch nur eine Masche sei, die Kasse klingeln zu lassen. Eingebettet ist die These in eine ausgiebig recherchierte Historie der Konsumkultur - von Karl Marx bis Kurt Cobain. Klar: Wer dieses Buch kauft, ist schon Teil der Konsumbewegung.

CHRISTOPH DALLACH


HÖRBUCH

Thomas Mann: "Hörwerke".
36 CDs; Der Hörverlag, München; 199 Euro.

Schwache Hörbücher finden keinen Ton und keinen Stil, sind Orgien des Krachs oder träge Lesungen. Herrliche Hörbücher, Hör-Spiele, sind die "Buddenbrooks" und der "Zauberberg", weil sie die Sprache Thomas Manns pflegen und den Vorlagen Neues, Eigenes hinzufügen: Interpretationen, Dialoge und Stimmungen, die durch fein gesetzte Musik und mitunter kaum wahrnehmbare Geräusche Welten entstehen lassen. Dieser "Zauberberg" und diese "Buddenbrooks", seit Jahren Vorbilder für alle deutschen Hörbuch-Produzenten, prägen diese Edition, die einen umfassenden Zugang zu Thomas Manns Werk ermöglicht. Zur Mogelpackung, nämlich sehr fragmentarisch, geriet "Joseph und seine Brüder"; zärtlich liest der Autor "Tonio Kröger". Und so eitel wie weitsichtig klingen die von der BBC ins Feindesland gesendeten Ansprachen des emigrierten Nobelpreisträgers ans deutsche Volk.

KLAUS BRINKBÄUMER



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.