Neue CD-Edition Gestatten, Heiner Müller, Witzeerzähler!

Von der Kolonialismus-Anekdote bis zum Kafka-Text: Eine CD-Edition präsentiert 36 Stunden Heiner Müller im Originalton - und zeigt den Dramatiker und Lyriker von einer unbekannten Seite. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht die Herausgeberin über den Dichter als Leser.


SPIEGEL ONLINE: Frau Schulz, Sie haben gerade vier MP3-CDs mit 36 Stunden O-Tönen von Heiner Müller herausgebracht. Mittlerweile liegt aber schon eine 12-bändige Heiner-Müller-Werkausgabe im Suhrkamp Verlag vor, nicht zuletzt mit drei dicken Bänden Gesprächen. Ist da nicht alles längst enthalten?

Kristin Schulz: Seine Gedichte, Prosatexte und Szenen oder Stücke sind natürlich in der Werkausgabe enthalten. Aber gerade die ausgewählten Reden oder Gespräche sind unbekannt beziehungsweise unveröffentlicht. So wird zum Beispiel Müller auf Englisch kurz nach dem Mauerfall in New York über die Ereignisse in der DDR befragt, und er erklärt das Ganze als eine Art Jugendrevolte. Die Situation ist völlig absurd, zumal der Interviewer von außerhalb des Studios eingespielt wird. Es ist vielleicht so, als versuche ein Amerikaner einem Marsbewohner den Begriff 'science fiction' zu erklären. Da trifft einfach die Differenz zweier Erfahrungen aufeinander, die sich nicht miteinander vermitteln lässt.

SPIEGEL ONLINE: Was erwartet den Hörer der CDs genau?

Schulz: Da sind vor allem Müllers eigene Stücke, zum Beispiel "Der Auftrag", "Quartett", "Germania Tod in Berlin" oder "Die Umsiedlerin", neben Prosatexten und Gedichten wie "Todesanzeige", "Bilder" oder "Theatertod". Hinzu kommen unveröffentlichte Gespräche aus dem Nachlass, etwa mit Ginka Tscholakowa, Margit Bendokat oder Hanns Zischler; neben Veranstaltungsmitschnitten von Lesungen, öffentlichen Reden, kurzen Statements, aber eben auch Müllers Lesungen fremder Autoren: Berger, Benn, Kafka, Brecht, Benjamin und andere mehr. Nicht zu vergessen zwei Bonusfilme und das umfangreiche Booklet mit 190 Seiten Zusatz-Material!

SPIEGEL ONLINE: Warum bringen Sie die O-Töne als Tondokument heraus und nicht als Text?

Schulz: Nun, es gibt verschiedene Wege, Erfahrungen zu speichern und so für die Gegenwart und Zukunft verfügbar zu halten. Aber das Besondere dieser Edition ist eben auch, dass über die Präsenz der Stimme die Anwesenheit von Heiner Müller erlebbar ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie spricht beziehungsweise liest Müller?

Schulz: Vor allem leise. Damit zwinge er seine Gesprächspartner, ihm zuzuhören, behauptete er einmal. Aber das Besondere an Müllers Art des Vortrags ist wirklich: Er lässt einfach das Übliche weg, nämlich den Zeigefinger der Bedeutung und schon wird, was er da erzählt, alltäglich oder zumindest verständlich, selbst wenn es sich um die Russische Revolution der Zwanziger oder die Bauernkriege als Dilemma der deutschen Geschichte handelt. "Müller ist der beste Sprecher seiner Texte, weil er nicht so tut, als ob er sie versteht." Dieser Spruch Jürgen Kuttners fasst vielleicht am besten zusammen, warum man Müller so besonders gut zuhören kann.

SPIEGEL ONLINE: Aber sind 36 Stunden nicht einfach zuviel Material?

Schulz: Vermutlich haben wir uns von der Aufführungsdauer der Großen Dionysien leiten lassen, auch wenn wir die unterschritten haben - aber dadurch würde Theater wieder zum Fest, und ein anderer Raum eröffnete sich. Natürlich sind die 36 Stunden nicht unbedingt zum Durchhören gedacht, sondern zum Reinspringen und Querhören. Wer einmal anfängt, wird kaum wieder aufhören können.

SPIEGEL ONLINE: Warum? Ist Heiner Müller nicht ein alter Hut?

Schulz: Das Material ist einfach zu vielfältig und unbekannt. Von der Kolonialismus-Anekdote bis zum Spiegel-Witz, ist einfach von jedem Müller etwas dabei, dem Lyriker, dem Dramatiker, dem Entertainer, dem Leser, der fremde Werke zum Best-Of kompiliert, dem Gesprächspartner, der sich den wesentlichen Fragen des 20. Jahrhunderts stellt, um die wir auch heute nicht herumkommen.

SPIEGEL ONLINE: Und das wären?

Schulz: Müller benannte als Tragödie des 20. Jahrhunderts das Scheitern des Sozialismus. Wiederum haben die Verlierer der Geschichte den Siegern das Scheitern als Erfahrung voraus, etwas, was auch den Siegern bevorstehen wird. Um die Gegenwart zu verstehen, müssen wir die Vergangenheit kennen, so vielleicht das Hauptcredo Müllers.

Das Interview führte John Goetz



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