Neue Comics Als die Spinne aus der Zeitung krabbelte

1977 raffte sich Marvel-Veteran Stan Lee noch einmal auf und ließ Spider-Man erstmals in Zeitungs-Strips herumturnen. Die Gesamtausgabe ist jetzt auf Deutsch erschienen. In unserer Comic-Kolumne feiert Stefan Pannor außerdem die grafische Adaption von Klaus Kordons "Der erste Frühling"


Stan Lee, John Romita Sr.: "Spider-Man: Die Comicstrips"
(Panini Comics)

In den Siebzigern war Stan Lee als Comicautor praktisch ausgebrannt. Frischere Schreiber hatten von ihm geschaffene Ikonen wie die Fantastischen Vier, den unglaublichen Hulk, die X-Men und Spider-Man übernommen. Während seiner langen Karriere hatte der seit 1941 permanent im Comicgeschäft aktive Lee tausende Comics geschrieben. Ab 1971 zog er sich von aller Autorenverantwortung zurück.

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Trotzdem nahm Lee ab 1977 die Bürde eines täglichen Comicstrips auf sich. Lange Abenteuer mit Spider-Man, zerhackstückt in drei bis vier Bilder pro Tag, die landesweit in Zeitungen erschienen. Diese Art Comic hatte Lee noch nie geschrieben.

Als Partner für den am 3. Januar 1977 gestarteten Strip wurde John Romita Sr. gewählt. Romita hatte die Welt des Spinnenmenschen über Jahre definiert. Seine Entwürfe für Haupt- und Nebenfiguren wie Mary Jane, Tante May, Doc Octopus und viele mehr sind die bis heute verbindlichen. Auch Romita hatte bis dato keine Erfahrung mit Comicstrips, die eingeengten Möglichkeiten der winzigen Bilder waren ihm fremd.

Lee wählte die naheliegendste Methode: Er recycelte eigene alte Ideen, die in der Strip-Fassung umgebaut, aufpoliert und mit aktuellem Zeitgeist aufgeladen wurden. Lee schrieb verdichtete Comic-Remixe, lange bevor diese populär wurden. Überaus begeisternd aber waren Romitas Zeichnungen. Da Spider-Man sich vorrangig durch New York schwang, hatte Romita sein Stadtmodell permanent vor Augen. Fein schraffiert und gestochen scharf setzte er es um. Taxischilder, Werbegrafiken, Hausfassaden und Papierkörbe, Menschen und Mode - Romitas Bilder vibrieren vor Realität.

Nur knapp vier Jahre sollte Romita den Strip zeichnen. Aber in dieser Zeit schuf er eine Liebeserklärung gleichermassen an die Stadt, in der er lebte, wie auch an die Comicfiguren, von denen er lebte. Der Superheld als vorrangig urbaner Mythos - selten war er greifbarer als hier.

In zwei Bänden erscheint nun dieser beinahe übersehene Klassiker des Superhelden-Genres neu, sie beinhalten sämtliche Strips des Teams Lee/Romita, darunter auch unveröffentlichte frühe Versuche. Das kann man nur mit jenem Wort beurteilen, mit dem Stan Lee lange Zeit seine Kolumnen beendete: "Excelsior!"

Kurt Busiek, Brent Anderson: "Astro City - Der gefallene Engel"
(Panini Comics)

Ein wunderbarer Comic-Spielplatz: Astro City ist die Stadt, in der jeder je bekannte Superheld oder -Schurke existiert. Meist gleich in mehreren Variationen. Doch das kostümierte Chaos gebiert Muster in dieser Serie über die amerikanischste aller Comicformen, auch für Carl Donewicz, Hauptfigur von "Der gefallene Engel", neuester Band der Langzeitserie. Mehr aus Geldmangel als aus Überzeugung wird der Ex-Schurke nach seiner Haftentlassung zum Privatdetektiv und übernimmt einen Fall, der die Polizei nicht interessiert. Irgendjemand bringt drittklassige Superschurken aus Donewiczs Umfeld um. Das ist keine besonders neue Idee für eine Geschichte, und als Story auch nicht besonders überraschend umgesetzt. Aber darum geht es Kurt Busiek und Brent Anderson, die seit Jahren immer mal wieder neue "Astro City"-Geschichten entwickeln, auch gar nicht. Donewiczs Ermittlungen führen den unfreiwilligen Schnüffler von den Slums der Heldenstadt bis zu deren Villen, von den kleinen Gaunern bis zu den großen Rettungsengeln. Dabei bekommt die Welt der Überhelden Risse, Ecken und Kanten, wird aber nie so düster und trostlos wie in den Dekonstruktions-Epen von Frank Miller oder Alan Moore. Eine Elegie auf das Superhelden-Genre.

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Gerlinde Althoff, Christoph Heuer: "Der erste Frühling"
(Carlsen Comics)

Änne ist zwölf, als sich der Krieg dem Ende nähert. Zwischen zerbombten Häusern, Kriegskrüppeln und sporadischen Lebensmittelzuteilungen erwartet und befürchtet sie den Einmarsch der Alliierten in Berlin. "Der erste Frühling" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Klaus Kordon, eigentlich Schlussstück einer Trilogie. Für den Comic wurde der umfangreiche Roman auf eine der Haupthandlungsebenen reduziert, was die Erzählung manchmal ein wenig holpern lässt, müssen die Comickünstler doch trotz aller Kürzungen mit einem überaus umfangreichen Figurenarsenal aus Nazis, Kriegsheimkehrern, Russen und Exilkommunisten balancieren. Die historische Detailgenauigkeit, die nüchtern beobachtende Weise, mit der das eingebombte Berlin und der Kriegsalltag dargestellt werden, hilft allerdings über viele Macken hinweg. Und wäre das Thema nicht in den letzten Jahren so massiv von Kino und Fernsehen ausgeschlachtet worden, könnte "Der erste Frühling" uneingeschränkt als großartiger grafischer Roman zur jüngeren Geschichte betrachtet werden.

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Pierre Christin, André Juillard: "Lenas Reise"
(Carlsen Comics)

In einer alten Bonzenvilla am Stadtrand von Berlin, in deren Garten noch der längst kaputte Trabbi verrottet, beginnt Lenas Reise, die sie auf Schleichwegen einmal durch Osteuropa führt. Lena überbringt Geschenke von Menschen, die sie nicht kennt, an Menschen, die sie nie wiedersehen wird. Der Grund dafür interessiert sie nicht, sie führt nur Aufträge aus. Mit dem nüchternen, emotionslosen Blick Lenas sieht der Leser eine handvoll Ewiggestriger. Einst große Geigen im Spiel der Mächtigen, sitzen sie in ihren Ländern auf Nebenposten abgeschoben und planen ihre Rückkehr. Welche Rolle die willfährige Lena dabei spielt, ist für die Erzählung beinahe nebensächlich. Mit fast journalistischer Klarheit schildern die beiden seit Jahrzehnten versierten Comickünstler Christin und Juillard Lenas große Tour abseits gängiger Tourismusrouten durch das Hinterland des ehemaligen Stalinismus. Das ist weniger ein Thriller als vielmehr ein Zeitbild von bestechender Klarheit und grafischer Finesse.

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