Neue Deutschlandreise-Bücher Ladys Forst!

Willkommen im Wald, wo schöne Frauen und nordische Götter wohnen: Wer in der Bundesrepublik unterwegs ist, lernt ein so widersprüchliches wie überraschendes Land kennen, das seinen Reichtum kaum zu schätzen weiß. Ein Blick auf das Sachbuchphänomen Deutschlandreise. 
Sachbuchthema Deutscher Wald: Wo ist die schöne Försterin?

Sachbuchthema Deutscher Wald: Wo ist die schöne Försterin?

Foto: Bernd Wüstneck/ dpa

Die Reise beginnt an einem Ort, von dem die meisten Deutschen nicht einmal wissen dürften, wo er liegt: Neustrelitz. Dort, in der Mecklenburgischen Provinz, schaut sich Ralph Bollmann im Spätsommer 1997 für 25 Mark Eintritt eine Beethoven-Oper an: "Fidelio". Bollmann, Jahrgang 1969, war damals, mit Ende 20, wohl kaum der Inbegriff des bundesdeutschen Opernbesuchers - und doch fasste er einen Entschluss, der ihn bis zum Juli 2010 durch ganz Deutschland führen sollte: Alle gut achtzig Opernhäuser des Landes zu besuchen. Schließlich gibt es in der Bundesrepublik, zählt man nur Musiktheater mit festem Ensemble und ganzjährigem Spielbetrieb, etwa so viele Opernhäuser wie im gesamten Rest der Welt.

Oper, na und?, mag so mancher denken, gibt es in Deutschland doch zumindest prozentual auch fast ebenso viele Opernignoranten wie im Rest der Welt. Aber wie heißt es in "Fidelio"? "Sprecht leise! Haltet euch zurück!" Es geht Bollmann in seinem nun erschienenen Buch "Walküre in Detmold - Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Provinz"gar nicht darum, die Opernkenntnis des Durchschnittslesers von der Choko-Crossies-Melodie auf eine zweite Arie hochzuschrauben. Ebensowenig um die Bayreuth-Besuche Angela Merkels, um Katharina Wagners Maniküre, schmierige Opernbälle - und gleich gar nicht macht er den Versuch, die üblichen doofen "Götterdämmerungs"-Vergleiche zu Metaphern für die Lage des Landes hinzubiegen.

"Walküre in Detmold" ist das schönste Buch, das seit langem über Deutschland erschienen ist: Bollmann reist von Stadt zu Stadt und unterhält seine Leser dabei auf so uneitle wie kurzweilige Art, sein Blick ist genau - die besondere Stärke dieses vermeintlichen Opernbuchs ist die Analyse gegenwärtiger Befindlichkeiten: "Die Bundesrepublik ist reich, aber unfähig, sich dieses Reichtums zu erfreuen", schreibt Bollmann, der hauptberuflich Wirtschaftspolitischer Korrespondent der "FAS" ist.

Der Alarmismus, sonst so typisch für Sachbücher über Deutschland, ist ihm dabei fremd: "Die Zukunftschancen stehen nicht schlecht, doch die Diskussion verläuft, als stünde der Untergang bevor" - damit meint er keineswegs die Oper. Wenn sich dort auch im Kleinen beobachten lässt, was für die Gesellschaft im Ganzen gilt: "Was aus der weltweit reichsten Opernlandschaft am lautesten nach außen dringt, sind Klagerufe. Zu dem Bild, das Musiktheater sei ein sterbendes Genre, haben die Theaterleute auf diese Weise selbst beigetragen."

Zwischen Spind und Flagship-Store

Weil das Land seine Vielzahl von Opernhäusern in erster Linie der Kleinstaaterei vor der Reichseinigung 1870 verdankt, reist Bollmann von einem ehemaligen Zwerg-Fürstentum zum nächsten. Das zeigt sich besonders in Thüringen, wo selbst das 20.000 Einwohner zählende Rudolstadt neben der, wie Bollmann schreibt, prachtvollen Heidecksburg auch eine Oper bietet. Dort sieht er Webers "Freischütz" - mit einem Kommentar zur Aufführung hält er sich zurück, auch weil ihn die Vorsitzende des Kulturausschusses im Bundestag, als sie von seinem Projekt hörte, ermahnte: "Schreiben Sie mir die kleinen Theater nicht herunter!"

Bollmann schließt sowieso lieber vom Opernpublikum und dem gastronomischen Angebot auf die Atmosphäre einer Stadt, als dass er eine Aufführung rezensiert. Der Fachjargon mancher aufs klassische Fach spezialisierter Musikjournalisten findet bei ihm nicht statt. Es ist ein Vergnügen, ihm nach Darmstadt zu folgen, wo die Oper auf gut sozialdemokratische Art statt einer Garderobe Spinde hat, nach Wiesbaden, wo es zugeht wie im Flagship-Store von Polo Ralph Lauren oder eben nach Detmold, bis 1947 Hauptstadt eines Landes mit 800-jähriger Geschichte.

Bollmann bezeichnet sich als überzeugten Föderalisten - seine Schlussfolgerungen zieht er, anders als so viele politische Kommentatoren, nicht aus dem überhitzen Betrieb der Hauptstadt heraus, sondern nach Einschätzung der einzelnen Länder. Man kann sich nur wünschen, dass ihm in den nächsten Parlamentsferien möglichst viele Entscheidungsträger auf seiner Reise folgen.

Einen ganz anderen Weg jenseits der Zentren, der doch mitten durch Deutschland verläuft, hat Andreas Kieling in seinem Buch "Ein deutscher Wandersommer" (Malik) eingeschlagen. Von Mödlareuth nahe der tschechischen Grenze bis nach Priwall an der Lübecker Bucht, ist Kieling zu Fuß die ehemalige Grenze zwischen BRD und DDR entlang gewandert. Kieling ist zehn Jahre älter als Bollmann. Deutlich größer als der Altersunterschied ist die Verschiedenheit ihrer kulturellen Prägungen - doch wie Bollmann hat Kieling einen Blick auf das Land, der sich nicht in Stereotypen erschöpft.

"Ich finde das Leben in der DDR eigentlich gut"

Manches mag widersprüchlich wirken, so zum Beispiel, dass Kieling zwar, wie er berichtet, unter Lebensgefahr aus dem Ostblock floh, den real existierenden Sozialismus heute aber mit Einschränkungen verteidigt: "Ich finde das Leben in der DDR, jetzt und im Rückblick, eigentlich gut". Er erwähnt keine politischen Motive, sondern eine Mischung aus Freiheitsdrang und Hormonschub, die ihn 1976 dazu gebracht habe, kurz vor seinem 17. Geburtstag die Donau durchschwimmend in den Westen zu fliehen. Auch Kielings Faible für nordische Götter wirkt deutlich befremdlicher als Bollmanns Begeisterung für Wagner-Opern, besonders im Osten Deutschlands, wo der Schritt von Thor zu Thor Steinar nicht weit sein muss. Eine verquaste Gesinnung braucht man Kieling deshalb nicht zu unterstellen. Seine politischen Äußerungen sind wohl eher so unbedarft wie sein offenherziges Schwärmen von der Schönheit einer Försterin, die er, samt ihres Mannes übrigens, auf seiner Wanderung kennengelernt hat. Seine Stärke, und das ist zugleich die Konstruktionsschwäche seines Buchs, dessen Route sich allein der deutschen Geschichte verdankt, ist nicht das Politische, sondern der Blick auf die Natur.

Ein Ost und West verbindendes Phänomen ist die Schwäche für schlechte Musik. Und so ist nur konsequent, dass ausgerechnet Joey Kelly, bis 2008 Mitglied der drolligen Kelly Family, sich aufgemacht hat, um in knapp drei Wochen zu Fuß von Wilhelmshaven zum Gipfel der Zugspitze zu gelangen. In "Hysterie des Körpers" (rororo) berichtet er davon, wie ihm selbst das Singen der Smash Hits der Familie kaum noch voranzutreiben vermochte in Phasen schlimmster Erschöpfung. Eine nahe liegende Pointe wäre da wohl der Einwand, dass jeder andere davonlaufen würde bei diesen Liedern - doch wer mag sich schon über konditionsschwache Teeniehelden vergangener Tage lustig machen?

Wohin er auch geht und schaut, Joey Kelly fällt auf seinem Weg doch immer wieder nur die Musiktruppe ein, bei der er einst die Gitarre zupfte. In einem Land wie der Bundesrepublik, wo selbst ein Spitzenpolitiker auf seinem langen Lauf zu sich selbst nicht viel mehr als sein eigenes Ego entdeckte, mag das gar nicht so untypisch sein.

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