Krimis des Monats Der Bulle, der behauptet, das Vorbild für Dirty Harry zu sein

Alt-Cop jagt SS-Mann: Daniel Friedmans "Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten" bietet unkorrekten Spaß. Keigo Higashinos "Heilige Mörderin" ist ein Logikrätsel für Ästheten, Nathan Larsons"2/14" eine Noir-Neudefinition.
Clint Eastwood in "Dirty Harry": Don Siegel am Telefon

Clint Eastwood in "Dirty Harry": Don Siegel am Telefon

Foto: ddp images

Lockruf des Nazigoldes: Daniel Friedmans "Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten"

Um ein Missverständnis auszuräumen: Der Held dieses Kriminalromans ist ziemlich betagt, ansonsten aber hat "Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten" mit "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" nicht viel gemein. Außer dem plumpen deutschen Titel natürlich.

Anders als der schwedische Über-Bestseller orientiert sich der 33-jährige Amerikaner Daniel Friedman bei seinem Romandebüt nicht an der skurrilen Harmlosigkeit von Hollywood-Hits der Sorte "Forrest Gump", sondern eher an klassischen Hardboiled-Filmen wie "Dirty Harry". Es gäbe sogar Menschen, behauptet Friedmans Held, der 87-jährige Buck Schatz, die ihn, den früheren Polizisten, für das Vorbild des Kino-Cops hielten. Das stimme zwar nicht, fährt Buck mit falscher Bescheidenheit fort, doch der Regisseur Don Siegel habe ihn angerufen, um sich ein paar Tipps geben zu lassen - der sei schließlich Jude wie er selbst.

Buck Schatz hat auch nach mehr als 30 Jahren im Ruhestand nichts von seiner Knurrigkeit verloren, von Altersmilde keine Spur. Seine Tage verbringt er auf dem Sofa, raucht Kette und sieht sich im Fernsehen am liebsten die reaktionären Fox-Nachrichten an. Sein Lebensmotto: "Wenn man die Chance hat, nichts zu tun, sollte man sie ergreifen."

Mit dem Müßiggang ist es vorbei, als Buck erfährt, dass seine alte Nemesis, SS-Mann Heinrich Ziegler, noch lebt. Der hatte im Dritten Reich ein deutsches Todeslager geleitet und konnte mit einem Berg Nazigold der Bestrafung entkommen, nachdem er Buck fast umgebracht hatte. Dem Lockruf dieses Goldes folgt eine Handvoll dubioser Gestalten, darunter ein spielsüchtiger Reverend, der Geldeintreiber eines Casinos sowie ein riesiger Russe, der vielleicht für den Mossad arbeitet. Und dann gibt es da noch den Polizisten Randall Jennings, der Buck einfach nicht leiden kann. Als der erste Mord geschieht, gerät er in Jennings Visier.

Die Handlung geht relativ vorhersehbar ihren Gang, bis zu einer Auflösung, die routinierte Krimileser schon früh erahnen. Langweilig wird es trotzdem nie: Weil die politisch unkorrekten Bonmots und Bösartigkeiten ("Alois Brunner war der Sancho Panza zu Adolf Eichmanns Don Quijote"), die Buck pausenlos absondert, irrwitzigen Spaß machen. Und weil Friedman sehr subtil zeigt, dass Bucks Zynismus von Angst und Verdrängung gespeist wird. Dass er ein Mann mit unverarbeiteter Vergangenheit (Kriegsgefangenschaft) und wenig verlockender Zukunft (beginnende Demenz) ist.

Am Ende der mörderischen Goldsuche aber wird Buck Schatz, der Mann, der nicht einmal weiß, was Google ist, zum Held bei YouTube. Eine schöne Pointe, die Lust macht auf "Don't ever look back", das zweite Abenteuer des sympathischen Großmauls, das Ende April in den USA veröffentlicht wird. Und das in Deutschland hoffentlich nicht "Der Alte, dem Kugeln immer noch nichts anhaben können" heißen wird. Marcus Müntefering

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes war von einem "polnischen Todeslager" die Rede. Wir bedauern diesen Fehler und bitten unsere Leser um Entschuldigung - die Todeslager des Dritten Reiches waren deutsche.

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Daniel Friedman:
Der Alte, dem Kugeln nichts anhaben konnten

Roman

Aufbau Verlag; 320 Seiten; 17,99 Euro.

Tote trinken keinen Kaffee: Keigo Higashin os "Heilige Mörderin"

Ein luxuriös großes Wohnzimmer, Designermöbel - und ein Leichnam: Yoshitaka Mashiba, erfolgreicher Unternehmer aus der IT-Branche, wird von seiner Geliebten tot aufgefunden. In einer Lache. Nicht aus Blut, sondern aus Kaffee. Schnell ermitteln Kommissar Kusanagi und seine junge Assistentin Utsumi, dass dies kein Selbstmord gewesen sein kann, sondern nur Mord: Giftmord, mit Arsen. Eine Verdächtige steht schnell fest, die Ehefrau Mashibas. Wer sonst?

Ja, Gift genießt zumindest im Kriminalroman den Ruf, die bevorzugte Mordmethode englischer Landladys zu sein. Das liegt an den Büchern Agathie Christies, einer Autorin, deren Werk zuletzt wohl nicht die entscheidende Referenz zeitgenössischer Krimiautoren gewesen sein dürfte. Dass manche Muster von Christies Krimis durchaus ihren Reiz haben können, zeigt der Japaner Keigo Higashino in diesem Buch.

Wie schon in Higashinos 2013 auf Deutsch erschienenen Krimi "Verdächtige Geliebte" ist Mord auch in "Heilige Mörderin" Denksport. Wie schon in "Verdächtige Geliebte" ist auch in "Heilige Mörderin" Manabu Yukawa, Physikprofessor an der Kaiserlichen Universität Tokio, entscheidend an der Lösung des Falles beteiligt. Wie in der beliebten, japanischen Nintendo-Spielserie "Professor Layton" setzt Higashino die Versatzstücke einer Kriminalgeschichte aus der europäischen Vorkriegszeit als Requisiten eines Logikrätsels ein - anders als dort aber werden sie ins Japan der Gegenwart übertragen.

"Heilige Mörderin" ist mehr Kammerspiel als "Verdächtige Geliebte" und zudem weniger vertrackt - und doch bietet der Roman abermals eine Auflösung, die jedes Detail der Konstruktion rechtfertigt. Sogar die Patchworkdecken.

Wie einige japanische Erzähler ist Keigo Higashino ein Literat der schönen Oberfläche, sein Buch auch ein Roman für jene, die das leicht weltfern Märchenhafte der Literatur dieses Landes ebenso schätzen wie ihre klare Ästhetik, zu der auch die Sprache gehört - hier ins Deutsche übertragen von der Murakami-Übersetzerin Ursula Gräfe.

Dass dahinter gut beherrschte Verzweiflung lauert, zeigt sich in "Heilige Mörderin" immer wieder. Mehr noch als die typische Mörderfigur ein Motiv braucht der Kriminalroman Abgründe - gerade, wenn sie hinter einer Tasse Kaffee lauern. Sebastian Hammelehle

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Keigo Higashino:
Heilige Mörderin

Übersetzung: Ursula Gräfe.

Klett-Cotta; 320 Seiten; 19,95 Euro.

Nobody ohne Vergangenheit und Zukunft: Nathan Larsons "2/14: Ein Dewey-Decimal-Roman"

Vielleicht war Dewey Decimal früher einmal Ehemann und Vater. Vielleicht wurde seine Familie ermordet. Vielleicht ist er selbst der Mörder.

Dewey, Held und Ich-Erzähler des Romans "2/14", weiß das nicht so genau. Die Vergangenheit ist für ihn Terra incognita, allenfalls suchen ihn gelegentlich kurze Erinnerungsfetzen heim, die sich nicht zu einer kohärenten Geschichte zusammenfügen wollen. Nur über eines ist er sich im Klaren: Er arbeitet in der New York Public Library, und wenn er nicht gerade Bücher sortiert, verdingt er sich als Auftragsmörder.

"2/14" ist der Debütroman des Musikers Nathan Larson, früher einmal Gitarrist bei der Progpunkband Shudder To Think. Die Geschichte spielt in einer nicht genau bestimmten nahen Zukunft. New York wurde gut zehn Jahre nach 9/11 von verheerenden Anschlägen getroffen, wovon sich die Metropole nie erholt hat. Dewey wandert durch eine verwüstete Stadt, vorbei an geplünderten Geschäften, verlassenen Wohnhäusern, Zivilisationsschrott. Die staatlichen Organe haben versagt, wer noch für die Stadt arbeitet, nutzt das als Freibrief, um sich die Taschen vollzustopfen; ansonsten haben kriminelle Banden das Sagen.

Was 2/14 genau passiert ist, ob es auch anderswo auf der Welt zu Anschlägen gekommen ist, wie es außerhalb von New York aussieht, bleibt bis zum Ende im Unklaren. Larson entwirft kein postapokalyptisches Panorama, sondern bleibt ganz dicht an seinem Protagonisten, erzählt konsequent aus Deweys von Neurosen und Paranoia und Angst gefilterter Sicht.

Der Killer, den sie Dewey Decimal nennen (weil keiner seinen wahren Namen kennt), ist eine klassische Noir-Figur, ein Nobody ohne Vergangenheit und ohne Pläne für die Zukunft, der für jeden tötet, der ihn bezahlt, sich aber einredet, "ein Mann von Ehre" zu sein, "frei, unabhängig und nicht käuflich". Und - so sind nun einmal die Genrekonventionen - zu jedem entwurzelten Helden gehört eine femme fatale. Hier ist es die Ex-Ehefrau seines potentiellen Opfers. Die zerschießt Dewey zwar gleich beim ersten Treffen die Kniescheibe, dennoch beschließt er, ihr zu helfen, als er erfährt, dass auch sie aus dem Weg geräumt werden soll.

"Wenn du nicht mehr weiterweißt, lass einen Mann mit einer Waffe durch die Tür kommen", hat Raymond Chandler einst jungen Schriftstellern geraten. Vielleicht hat Nathan Larson diesen Rat ein wenig zu wörtlich genommen; der Plot wirkt manchmal etwas willkürlich und wirr. Weil der Musiker Larson aber auch als Schriftsteller ein großartiges Gespür für Sound und Rhythmus besitzt, gehört "2/14" unter den vielen Versuchen der vergangenen Jahre, das Noir-Genre neu zu erfinden, zu den gelungensten.

Die Geschichte von "2/14" weist verblüffende Parallelen zu einem anderen, zeitgleich in Deutschland erscheinenden Romandebüt auf: Auch "Spademan" von Adam Sternbergh (Heyne Hardcore) hat einen ziemlich merkwürdigen Killer zum Helden, der in einem zerstörten New York unterwegs ist. Den direkten Vergleich gewinnt Larson, auch weil er die Idee drei Jahre vor Sternbergh hatte, lesenswert ist "Spademan" aber allemal. Marcus Müntefering