Neue Krimis von J.K. Rowling, Jo Nesbø, Dennis Lehane Für einen Augenblick war er glücklich

J. K. Rowling erzählt vom Mord an einem Schriftsteller. In "The Drop - Bargeld" erspart Dennis Lehane seinen Figuren kaum eine tragische Wendung. Für "Der Sohn" wechselt Jo Nesbø die Seiten. Die Krimis des Monats.

Nadia (Noomi Rapace) und Bob Saginowski (Tom Hardy) in "The Drop": Eine Frau namens Nadia
20th Century Fox

Nadia (Noomi Rapace) und Bob Saginowski (Tom Hardy) in "The Drop": Eine Frau namens Nadia


Schuld und Sühne: Jo Nesbøs "Der Sohn"

Eine hoch verdiente Pause gönnte Jo Nesbø nicht nur seinem Kommissar Harry Hole, den er im Kampf gegen das Böse durch die Hölle gehen ließ, sondern zuletzt auch sich selbst. Nicht nur Hole schien zuletzt der Polizeiarbeit ein wenig müde geworden zu sein: In "Die Larve" und "Koma" versuchte Nesbø vergeblich, mit erzählerischen Taschenspielertricks der Reihe neues Leben einzuhauchen.

Jetzt wechselt Nesbø die Seiten. Der Held seines neuen Kriminalromans "Der Sohn" ist kein Cop, sondern Insasse eines Hochsicherheitsgefängnisses in Oslo. Seit zehn Jahren sitzt Sonny Lofthus im permanenten Heroindämmer seine Strafe ab, ein Scheintoter, der als 18-Jähriger eingeliefert wurde, nachdem er einen Mord gestanden hatte - obwohl er unschuldig ist. Weil sein behütetes Leben vorbei war, als sein Vater und großes Vorbild, ein Polizist, Selbstmord begangen und in einem Abschiedsbrief die Information hinterlassen hatte, dass er für das größte Gangstersyndikat Oslos gearbeitet habe.

Sonny, der Verdammte, ist gleichzeitig eine Erlöserfigur: Sein Gleichmut lässt ihn für die anderen Insassen zum idealen Beichtvater werden. Zumal der eigentlich für diese Rolle vorgesehene Gefängnispriester ein Pädophiler ist, der gemeinsame Sache mit dem stellvertretenden Gefängnisdirektor macht. Der wiederum arbeitet für den "Zwilling", den geheimnisvollen Verbrecherboss von Oslo, der seinen Erfolg auch seinem guten Draht zur Polizei verdankt. An ihn soll Sonnys Vater als Maulwurf Informationen weitergegeben haben.

Eines Tages hört Sonny ein Geständnis, das alles ändert: Sein Vater sei weder korrupt gewesen, noch habe er sich umgebracht, sondern er sei im Auftrag des Zwillings ermordet worden. Sonny bricht aus dem Gefängnis aus und macht sich ohne zu zögern auf, alle zu bestrafen, die seinem Vater unrecht getan haben.

Mit "Der Sohn" hat Jo Nesbø ein Update von Dumas' "Der Graf von Monte Christo" geschrieben: Wie einst Edmond Dantès kennt auch Sonny Lofthus bei der Bestrafung seiner Peiniger keine Gnade, aber anders als das Vorbild aus dem 19. Jahrhundert wird Sonny am Ende keine Reue zeigen. Auf der Flucht vor der Polizei und der Unterwelt findet Sonny ein Refugium in einem Heim für Suchtkranke, das von einer jungen Frau geleitet wird, die sich in den rätselhaften Mann verliebt, ohne zu wissen, wer er wirklich ist.

Ein pädophiler Priester, korrupte Cops, ein mythischer Großverbrecher, ein gebrochener Held und eine schöne Frau. Dazu jede Menge überraschende Wendungen, ein paar ziemlich fiese Morde und ein perfekt choreografiertes Finale - "Der Sohn" hat wirklich alles, was ein zünftiger Genreroman braucht.

Doch Nesbø gibt sich nicht damit zufrieden, eine handlungsgetriebene Spannungsgeschichte zu erzählen, er will grundsätzliche Aussagen über die conditio humana treffen, über die Natur von Gut und Böse, über Schuld und Sühne und die Hoffnung auf Erlösung. Das wirkt zwar gelegentlich etwas aufgesetzt und bringt den Handlungsmotor ins Stottern, gibt der Geschichte dafür aber eine Tiefe, die nachwirkt. So wie die Sünden der Väter, die in Nesbøs Roman auch die nächste Generation zu zerstören drohen. Marcus Müntefering

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Der entscheidende Grund, sich um Bob zu sorgen: Dennis Lehanes "The Drop - Bargeld"

Es dauert ganz genau 51 Seiten bis man Barkeeper Bob ins Herz geschlossen hat. Dieser Bob, der mutterseelenallein im Haus seiner verstorbenen Eltern wohnt, der jeden Sonntag in die Kirche geht ohne je am Abendmahl teilzunehmen, der keinen einzigen Freund hat, aber dafür einen Cousin von der Sorte, die Ärger bedeutet, dieser Bob besucht auf Seite 51 einen Supermarkt für Heimtierbedarf und kauft Vitaminpräparate, Kauspielzeug, Welpenfutter, eine Schlafbox und einen Wassernapf für einen kleinen Hund, den er halbtot geschlagen aus einer Mülltonne gerettet hat.

Bei seiner Rettungsaktion hat Bob auch noch eine Frau namens Nadia kennengelernt, die ihn vielleicht nicht gerade gleich heiratet, aber zumindest schon mal in den Supermarkt für Heimtierbedarf begleitet und ihm zu den Vitaminpräparaten, der Schlafbox und dem Welpenfutter noch ein von Mönchen geschriebenes Buch über Hundeerziehung empfiehlt. Und als Bob alles zusammen an der Kasse bezahlt, fühlt er etwas, das ihm neu ist, und von dem er erst später versteht, was es eigentlich war: "Für einen Augenblick - vielleicht sogar eine Abfolge von Augenblicken, von denen keiner ausreichend hervorstach, um als alleinige Ursache gelten zu können - war er glücklich gewesen."

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Die restlichen 173 Seiten des Buches verbringt man damit, um Bobs zartes, seltenes Glück zu bangen. Und das aus gutem Grund. Denn die Bar, in der Bob arbeitet, dient der Mafia als Depot für Wettgelder. Eines Abends wird sie überfallen und plötzlich sieht sich Bob nicht nur mit Nadias gewalttätigem Ex-Freund konfrontiert, mit seiner eigenen geheimnisvollen Vergangenheit, seinem zwielichtigem Cousin und dem ausgeraubten Mafiaboss, sondern auch mit einem ehrgeizigen Polizisten, der seine große Chance sieht, sich wieder nach oben zu arbeiten, nachdem er seinen alten Posten wegen einer Frauengeschichte verloren hat.

Der entscheidende Grund, sich um Bob zu sorgen, ist allerdings, dass sein Schicksal in den Händen des amerikanischen Schriftstellers Dennis Lehane liegt, der mit seinen Büchern "Mystic River" und "Shutter Island" bewiesen hat, dass er seinen Figuren kaum je eine tragische Wendung erspart. "Mystic River" wurde von Clint Eastwood verfilmt, "Shutter Island" von Martin Scorsese. Die hoch gelobte Verfilmung der Romanvorlage "The Drop" wird am 4. Dezember anlaufen, darin ist der inzwischen gestorbene Schauspieler James Gandolfini in seiner letzten Rolle zu sehen; wenn man das weiß, dauert es keine Sekunde um den Film als Ziel des nächsten Kino-Ausflugs in Betracht zu ziehen. Maren Keller

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Satire und großartiger Krimi: Robert Galbraiths "Der Seidenspinner"

Es gibt Rezensenten, die an Robert Galbraiths Kriminalroman "Der Ruf des Kuckucks" nicht die Aufklärung des Falls, sondern die Enttarnung der Autorin am spannendsten fanden. Eigentlich sollte niemand wissen, dass Galbraith gar nicht existiert. Die "Harry Potter"-Erfinderin J. K. Rowling wollte ihren Krimi über den Afghanistan-Veteranen Cormoran Strike, der sich als Privatdetektiv durchschlägt, unerkannt veröffentlichen.

Jetzt hat Rowling, erneut unter dem inzwischen etwas nutzlosen Pseudonym, mit "Der Seidenspinner" eine Fortsetzung geschrieben und dürfte damit auch diejenigen Kritiker überzeugen, die ihr aufgrund ihrer Fantasy-Vergangenheit den Wechsel ins Krimifach nicht zugetraut hatten. Was sehr viel damit zu tun hat, dass "Der Seidenspinner" nicht nur von der Aufklärung eines Mordes erzählt, sondern gleichzeitig als Satire auf die Eitelkeiten des Literaturbetriebs funktioniert.

Es könne sich nur um einen Publicity-Gag handeln, vermutet man im Umfeld des Schriftstellers Owen Quine, als dieser eines Tages verschwunden ist. Schließlich sei sein neuer Roman unlängst fertig geworden, und er habe einen Erfolg bitter nötig. Darüber dass Quine seinen Misserfolg durchaus verdient habe, sind die meisten seiner Bekannten sich einig: ein Abzocker sei er, ein Griesgram und Grobian, ein talentloser Schmarotzer.

Was Quine wiederum von seinem Umfeld gehalten hat, kann man seinem Romanmanuskript entnehmen, einem Schlüssellochbuch voller bizarrer Szenen von Sex und Gewalt. Sämtliche Protagonisten in "Bombyx Mori" haben reale Vorbilder: Quines Verleger, sein Lektor, seine Agentin, seine Ehefrau und seine Geliebte. Und sie alle werden zu Verdächtigen, als Quines Leiche gefunden wird, arrangiert wie in einer besonders scheußlichen Szene aus "Bombyx Mori".

So wie der Leser eines Kriminalromans selbst zum Detektiv wird, muss im "Seidenspinner" der Privatdetektiv zum Leser werden. Denn Cormoran Strike ist fest davon überzeugt, dass die Lösung des Rätsels in Quines letztem Roman zu finden ist. Natürlich grübelt Strike nicht die gesamten 670 Seiten lang über dem Manuskript. Zum einen arbeitet er noch an weiteren Fällen (meistens Scheidungsangelegenheiten, aber von etwas muss man ja leben), zum anderen wollen gewonnene Einsichten überprüft werden.

Und so humpelt der Kriegsveteran, erneut unterstützt von seiner Assistentin Robin, die sich immer noch nicht entscheiden kann, ob sie in ihren Chef verliebt ist oder ihren langjährigen Freund heiraten soll, ein ums andere Mal durch das zunehmend winterliche London. Das besitzt streckenweise durchaus gehobenen Reiseführer-Charme, allerdings wünscht man sich das ein oder andere Mal, Strike möge eine Abkürzung nehmen, sodass er seinem Ziel (und wir der Auflösung der Geschichte) ein wenig schneller näherkommen möge.

Von diesen gelegentlichen Umwegen abgesehen, ist Rowling ein an den Klassikern geschulter Kriminalroman gelungen, der sich aber keinesfalls darauf beschränkt, gängige Vorbilder zu zitieren. Keine große Literatur, aber ein großartiger Krimi. Marcus Müntefering

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bonngoldbaer 28.11.2014
1. Ich hab's gewusst
Schon als ich "Harry Potter und der Stein der Weisen" gelesen habe wusste ich, dass diese Frau eine gute Krimi-Autorin werden könnte. Schön, dass sie jetzt diesen Weg geht.
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