Krimis des Monats Eine Geschichte über unsere mörderische Gegenwart

Walter Kirns "Blut will reden" erzählt von einem Preppy-Hochstapler. Jim Nisbets "Der Krake auf meinem Kopf" spielt unter Junkies und Altrockern. Flore Vasseurs "Kriminelle Bande" macht den Niedergang Frankreichs zum Krimi-Stoff.
Der Psychopath, der gern Ripley wäre: "Nur die Sonne war Zeuge" als Vorbild für einen Mörder

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Foto: ddp images

Hart, sarkastisch und bitterböse: Jim Nisbets "Der Krake auf meinem Kopf"

Jim Nisbet ist einer dieser Autoren, für die es keinen Platz zu geben scheint im modernen Literaturbetrieb. Seit rund dreißig Jahren schreibt der Mann - Gedichte, Theaterstücke, Kriminalromane - quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Nicht weil er es will. Sondern weil die Leser etwas anderes wollen: melancholisch sinnierende Kommissare, die sich durch sinnfreie Killerplots quälen, oder als Krimis getarnte Reise- und Gourmetführer.

Dass Nisbets "Der Krake auf meinem Kopf" in Deutschland überhaupt erscheint, ist Frank Nowatzki und seinem kleinen Berliner Verlag Pulp Master zu verdanken, der seit bald zwei Jahrzehnten den Marginalisierten unter den Noir-Autoren eine Heimat bietet.

Mit aktuellem Krimi-Mainstream hat Nisbets bereits 2007 geschriebener Roman wenig gemein - auch wenn der 67-Jährige diesmal mit einem Serienkiller aufwartet. Doch taucht der erst nach gut 200 Seiten auf, zu einem Zeitpunkt, da die meisten Leser sich damit abgefunden haben werden, dass vielleicht gar nicht allzu viel passieren wird in dieser Geschichte dreier Dropouts, die eher zufällig eine Leiche entdecken.

Erzählt wird der Roman zunächst von Curly Watkins, einem abgehalfterten Musiker mit Kraken-Tattoo auf dem blanken Schädel, das an wildere Tage gemahnt (und an Frank Norris' gewaltiges Kalifornienepos "Der Oktopus" aus dem Jahr 1901). Er gehört zu den Verlierern im vom Web-2.0-Boom getriebenen San Francisco der Nullerjahre, der Stadt, die wie keine andere in den USA für Gegenkultur und gesellschaftlichen Wandel steht - Beatniks, Hippies, Schwule, Punks fanden hier ihre Heimat. Doch inzwischen haben sie kaum einen Platz mehr zwischen den Hightech-Millionären und den Dotcom-Sklaven, die sich mit dem vagen Versprechen auf künftigen Reichtum für ihre 70-Stunden-Woche bezahlen lassen.

Wie so viele Veteranen der Gegenkultur hat auch Curly längst resigniert, singt für ein paar lausige Dollar in einem Pseudo-Boheme-Café beliebte Songs, kommt gerade so über die Runden. Das Leben ist etwas, das irgendwie passiert. Wie an dem Tag, als er seinen alten Bandkumpel Ivy besucht. Die beiden reden ein bisschen, über Poesie und die vage Idee, die Band wieder zusammenzubringen, dann rauchen sie etwas Heroin. Und ehe er es sich versieht, steckt Curly im tiefsten Schlamassel: Ivy und seine Exfreundin Lavinia überreden ihn, einen Metalmusiker ausfindig zu machen, um dessen Schulden einzutreiben. Es wird eine ziemlich chaotische Suche, geprägt von Streitereien, Nörgeleien, sophistischen Diskussionen über Nichtigkeiten und der Beschaffung weiterer Drogen. Trotzdem finden die drei den Musiker - seine Leiche. Und kommen dabei einem Serienmörder in die Quere.

Was Nisbet dann tut, kann nur als radikal bezeichnet werden: Curly hat als Erzähler ausgedient, der Leser findet sich unvermittelt im Kopf des Killers wieder. Für quälend lange 70 Seiten sperrt Nisbet uns hier ein, lässt uns teilhaben an der Erinnerung an seine Taten, an seinen Selbstzweifeln (der Roman wandelt sich zum Porträt des Mörders als gescheiterter Künstler) und an seinen Motiven.

Auch wenn diese Erzählstruktur einen Bruch mit den Konventionen des Genres darstellt: "Der Krake auf meinem Kopf" steht dennoch klar in der Tradition des Noir. Weil Nisbet eine Geschichte über unsere mörderische Gegenwart erzählt, aus der Sicht der Ausgeschlossenen, der Verzweifelten. Hart, sarkastisch und bitterböse. Marcus Müntefering

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Foto: Pulp Master

Jim Nisbet:
Der Krake auf meinem Kopf

Pulp Master; 320 Seiten; 14,80 Euro.

Kalt ist das Leben der Eliten: Flore Vasseurs "Kriminelle Bande"

Es gibt einen Ermordeten in diesem Buch, aber es fällt schwer, in ihm das Opfer zu sehen. Die wahren Opfer hier sind andere: Der pensionierte Apotheker Dimitris Christoulas, der sich vor dem Parlament erschießt und davor murmelt: "Ihr seid nicht meine Vertreter". Die arbeitslose Spanierin, die ihre Organe im Internet verkauft. Die griechischen Eltern, die ihre Kinder ins Heim geben, weil sie dort besser versorgt sind. Vor allem aber die europäische Idee.

Flore Vasseurs Roman "Kriminelle Bande" spielt im Frankreich unserer Zeit und handelt von der Finanzindustrie. Er wird erzählt aus der Perspektive einer ganzen Reihe Karrieremenschen, die alle gemeinsam die Pariser Elite-Universität HEC besucht haben und seitdem ganz unterschiedlich Karriere gemacht haben: Sébastien arbeitet für eine weltweit aktive Investmentbank mit Sitz in New York. Clara ist Journalistin bei einer Wirtschaftszeitung, die selbst in wirtschaftlicher Not steckt und mit jeder Ausgabe den Journalismus einmal mehr verrät. Bertrand ist als Ministeriumsbeamter vom Idealisten zum Technokraten geschrumpft. Vanessa vertuscht in einer Kommunikationsagentur die Skandale ihrer Kunden aus Wirtschaft und Politik. Jérémie kümmert sich als Berater um misslungene Investments. Alison schikaniert als reiche Hausfrau ihr Kindermädchen. Nur Antoine ist aus dem System ausgebrochen und lebt als Hacker abseits der Elite. Sie alle verbindet nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die schwelende Angst um ihre eigene Sicherheit - die ganz konkret wird, als einer von ihnen beschließt, die geheimen Geschäfte der Investmentbank öffentlich zu machen, die aktiv Staatshaushalte manipuliert.

Der eigene Statusverlust und der Kollaps des Staates sind der permanente Bedrohungshintergrund in diesem Buch, und Vasseur müht sich ununterbrochen, neue Metaphern zu finden für das unausweichliche Unglück. Nicht immer erfolgreich: Da wird auf der Titanic auf den Eisberg zugesteuert, Krieg geführt oder am Lenker eines verminten Lasters eine Buckelpiste entlang gefahren. Dabei wäre dieser sprachliche Katastrophenkitsch gar nicht nötig. Die kalten Vokabeln der Finanzkrise sind Furcht einflößend genug. Vasseur, die selbst Absolventin der Pariser Elite-Universität HEC ist, arbeitet als Wirtschaftsjournalistin in Frankreich und schreibt auch in ihren Reportagen und Berichten über die unheilvollen Verbindungen zwischen Politik und Wirtschaft. Ihr Wissen merkt man diesem Buch in jeder Zeile an.

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Foto: Haffmans & Tolkemitt

Flore Vasseur:
Kriminelle Bande

Roman.

Haffmans & Tolkemitt; 250 Seiten; 19,95 Euro.

Und weil dieses Buch so offensichtlich nicht nur thematisch, sondern auch formell auf der Höhe der Zeit sein will, sind auf die Seiten immer wieder QR-Codes gedruckt, die Leser per entsprechender App zu weiterführenden Quellen leiten. Man kann das für Spielerei halten oder für Service. Oder für ein Fluchtangebot aus dem schrecklichen, kalten Leben dieser Elite, die sich vor Machthunger verloren hat und deren Dramen Vasseur in Sätzen wie diesem einfängt: "Er hat eine Familie haben wollen. Er wohnt mit Menschen zusammen, die er nicht kennt." Maren Keller

Mord wie im "Preppy Handbook": Walter Kirns "Blut will reden"

Er behauptet, die Privatnummer von George W. Bush zu kennen, sein Nachbar ist angeblich der damalige Vizepräsident Dick Cheney. Teile seiner Kunstsammlung, so seinen Rothko, will er dem Museum of Modern Art geliehen haben. Und dann nennt er sich auch noch Rockefeller. In der Kriminalgeschichte "Blut will reden" erzählt Walter Kirn von einem authentischen Fall: Der Geschichte des deutschstämmigen Christian Gerhartsreiter, der sich als Clark Rockefeller ausgibt.

Kirn lernt ihn 1998 kennen, als Rockefeller über das Internet einen Rassehund kauft. Der junge Schriftsteller ist nicht nur von Rockefellers gewinnendem Wesen fasziniert: Als vermeintlicher Millionenerbe und angeblicher Abkömmling einer der großen US-amerikanischen Dynastien erscheint Rockefeller als Inbegriff des geglückten amerikanischen Traums vom ganz großen Geld.

Weil der Multimillionär sich als nahbar erweist, entwickelt sich eine Freundschaft, von der Kirn nicht ahnt, wie sehr sie auf Gegenseitigkeit beruht. Rockefeller ist nicht nur Hochstapler, er ist ein psychopathischer Mörder, der sich in anderer Leute Leben schleicht, um deren Gewohnheiten zu kopieren, und sie dann töten will. Seine Persönlichkeit hat er zusammengesetzt aus Hitchcock-Filmen, dem "Preppy Handbook"  und Patricia Highsmiths klassischem Hochstaplerroman "Der talentierte Mr. Ripley", dessen Kinofassung - "Nur die Sonne war Zeuge" - er liebt.

Walter Kirn, bekannt durch den mit George Clooney verfilmten Roman "Up in the air", erzählt "Blut will reden" mit einem klassischen Mittel des US-amerikanischen Journalismus: Der groß angelegten literarischen Reportage in Ich-Form. Magazine wie "Vanity Fair" kultivieren dieses Format, nicht ohne dabei auf eine in deutschsprachigen Blättern ziemlich unübliche Gepflogenheit verzichten zu können: Weil die Texte mitunter viel zu lang sind, wird das Ende, vom Haupttext getrennt, im hinteren Drittel der Zeitschrift weggedruckt.

"Blut will reden" hat viele Elemente einer derartigen "Vanity Fair"-Reportage: Die Faszination für die Eleganz der neuenglischen Upperclass, das Unerhörte eines Kriminalfalls, aber auch die ums Reporter-Ich kreisende Geschwätzigkeit. Kirn berichtet, wie er Rockefeller kennengelernt hat, wie dem der Prozess gemacht wurde, wie er schließlich inhaftiert wurde - und überdehnt seinen Stoff durch ausführliche Passagen über sein eigenes Leben.

Im Prozess gegen Rockefeller meint ein Zuhörer, den Grund von dessen Erfolg durchschaut zu haben: "Weil er unterhaltsam war". Für "Blut will reden" gilt dies leider nur mit Abstrichen. Sebastian Hammelehle

Die Krimis des Monats finden Sie an dieser Stelle das nächste Mal am 29. August

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Foto: C.H.Beck

Walter Kirn:
Blut will reden

Eine wahre Geschichte von Mord und Maskerade.

C.H.Beck; 288 Seiten; 19,95 Euro.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.