Neue Linke Lafontaine mit Latte macchiato, bitte!

Linkssein ist wieder so hip wie ein Pali-Tuch um den Hals. Doch ist das Ausdruck echter Haltung oder bloßer Hype? Christian Rickens nähert sich in seinem neuen Buch "Links" einem Lebensgefühl zwischen Pose, Protest und Piefigkeit. Lesen Sie exklusiv auf SPIEGEL ONLINE Auszüge.

Es kam mir vor, als hätten mir die neunzig Minuten Zugfahrt zwischen Hamburg und Berlin einen Zeitunterschied beschert wie nach einem Interkontinentalflug. An einem Samstag im August 2007 kam ich um kurz nach 15 Uhr im Radialsystem an, einem Veranstaltungszentrum in Friedrichshain, direkt an der Spree gelegen. Hier schien früher Morgen zu herrschen. Einzelne verschlafene Gestalten saßen über Latte macchiato und Apple-Laptop, sorgfältig darauf bedacht, trotz nach vorne gebeugter Kopfhaltung ihre Ray-Ban-Sonnenbrillen nicht ins Rutschen zu bringen. Nach einigem Suchen fand ich schließlich Holm Friebe, den Veranstalter dieser seltsamen Zusammenkunft.

Friebe: Blogger, Buchautor und Mitglied der "Zentralen Intelligenz Agentur", nach eigener Beschreibung "ein kapitalistisch-sozialistisches Joint Venture mit dem Anspruch, neue Formen der Kollaboration zu etablieren."

Friebes Enthusiasmus fiel doppelt auf inmitten so viel Müdigkeit. "Christian", rief er, "wir haben es tatsächlich geschafft, ein ganzes Kongressformat in die Nacht zu verlegen." Nicht von neun Uhr morgens bis fünf nachmittags, wie sonst auf allen Kongressen dieser Erde, lief das Programm, sondern von neun Uhr abends bis fünf Uhr morgens. Am Nachmittag wiederum sollte sich das abspielen, was auf normalen Kongressen das Abendprogramm bildet: rumschlendern, Leute treffen, außerdem ein paar lockere Veranstaltungen, die ein bisschen abseits des eigentlichen Themas liegen.

Linksliberalismus 2.0

Den Schlaf-wach-Rhythmus aus purer Lust am Experiment auf den Kopf zu stellen - an einem solchen Kollektivversuch hatte ich mich zuletzt mit vierzehn während meiner Konfirmandenfreizeit beteiligt.

Für eines der etwas abseitigen Themen am Nachmittag hatte mich Holm Friebe angerufen: Zusammen mit ihm und der Internetjournalistin Mercedes Bunz sollte ich über eine Frage diskutieren, die bereits in sich wie ein Widerspruch klang: "Was wäre ein linker Neoliberalismus?"

Nun, man darf zu Recht annehmen: Die Vorsilbe "neo" war vor allem der Lust an der Provokation geschuldet. Ein kleiner Gruß an all jene Linken, die beim Begriff Neoliberalismus am liebsten sofort einen fachkundige Exorzisten hinzuziehen möchten. In Wirklichkeit ging es bei unserer Diskussion um einen neuen linken Liberalismus, ganz ohne neo.

In ihrem Eingangsstatement erweckte Mercedes Bunz den Urvater der sozialen Marktwirtschaft, Walter Eucken, zum Leben, und inzwischen finden sich in einschlägigen Blogs auch genug Vorschläge, wie sich der linke Neoliberalismus etwas weniger knallig benennen ließe. Zum Beispiel "Linksliberalismus 2.0". Ein treffender Begriff, denn der ganze dreitägige Kongress schien unter dem Oberbegriff zu stehen: Wie lebt man frei, ohne von Guido Westerwelle umarmt zu werden? Und wie lebt man solidarisch, ohne gleich bei den Jungs von Ver.di zu landen?

Den Zwiespalt zwischen Links-sein-wollen und Frei-sein-wollen trugen viele der Kongressteilnehmer auch in ihrem eigenen Leben aus: Da war Rainer Langhans, der Mitbegründer der Kommune 1, dem zu Ehren Friebe den Kongress unbedingt noch mit einem symbolischen Sit-in abschließen wollte. Da war Stefan Niggemeier, der eine gutbezahlte Redakteursstelle inklusive Dienstwagenanspruch bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gekündigt hat, um mit seinem Bild-Blog gegen die Lügen der "Bild"-Zeitung anzuschreiben. Da war der US-amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann, der davon träumt, den Kapitalismus durch eine neue Selbstversorgergesellschaft zu ersetzen. Da war die Autorin Kathrin Passig, die 2006 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat und mich an diesem Nachmittag in eine Diskussion über die Kulturgeschichte des Maschinengewehrs verwickelte.

Mit anderen Worten: Es wimmelte von klugen Köpfen. Man hatte ständig das Gefühl, sich unter den Menschen zu bewegen, die eigentlich unsere Parlamente und Konzernzentralen bevölkern sollten. Die aber genau dazu überhaupt keine Lust haben - weil sie frei sein wollen.

Okay, das ist die nette Interpretation.

Die weniger nette: Ich war in eine Versammlung von verpeilten Spinnern geraten, die noch mit Ende dreißig ihre Adoleszenz ausleben und die, Gott sei Dank, in diesem Land nichts zu melden haben. Aber mir gefällt die nette Interpretation besser.

"Brüder, zur Sonne, zur Freiheit"

In jedem Fall ließ sich hier mit Händen greifen, dass es so etwas wie eine neue Boheme in Deutschland gibt, die den Wert vom selbstbestimmten Leben wiederentdeckt. Hochgebildete, hochproduktive, Internet-affine Menschen, die wahrscheinlich morgen als Unternehmensberater bei McKinsey anfangen könnten - die sich aber allesamt lieber als Freiberufler in ungesichertenmateriellen Verhältnissen durchschlagen.

Menschen in den Zwanzigern und Dreißigern, die sich im modischen Zitatenschatz ihrer Elterngeneration bedienen: Nie habe ich so viele Palästinensertücher, Che-Guevara-Shirts und Vollbärte gesehen wie an diesem Nachmittag in Berlin. Linke Symbole, die jedoch aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst waren: Keiner der Anwesenden wäre je einem undurchsichtigen argentinischen Guerillaführer in den Dschungel gefolgt - gibt's da überhaupt WLan? Und ich bin sicher, alle Anwesenden hatten überaus differenzierte Ansichten zum Nahostkonflikt.

Man kokettierte mit dem eigenen Linkssein, aber keinesfalls wollte man sich wie anno 68 in die Zwänge eines linken Kollektivs einfügen. Stattdessen stand links vor allem für den Traum von einem selbstbestimmten Leben und für die Überzeugung, dass nicht in erster Linie die Zahl der Untergebenen, die Größe des Dienstwagens und der Titel als Executive Vice President von einem erfüllten Leben künden. Friebe selbst hat diesem Milieu in seinem Buch "Wir nennen es Arbeit" ein Denkmal gesetzt.

Es ging um einen linken Begriff von Freiheit, und je länger wir an diesem Nachmittag nachdachten und diskutierten, desto klarer wurde mir: Ja, es gibt Verbindungslinien zwischen links und (neo) liberal…

Stichwort Materialismus: Sozialistische wie neoliberale Ideologie sind im Kern materialistisch. Es geht darum, wie ein möglichst großer Kuchen erzeugt wird und wie er am gerechtesten verteilt wird. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Es geht also nicht in erster Linie um Ordnungsbegriffe wie Familie, Religion, Nation, Werte, Kultur. Neoliberale wie Linke sollten sich allen Versuchen entgegenstellen, gesellschaftliche Konflikte anhand solcher klassisch-konservativer Begriffe umzudeuten.

Dass der "Stern"-Journalist Walter Wüllenweber in Berlin-Neukölln immer wieder aufs Neue den Untergang des Abendlandes feststellen kann, liegt eben nicht an Werten, die aus heiterem Himmel verlorengingen, und noch weniger an einem "Clash of Civilizations" zwischen christlicher und islamischer Kultur. Es liegt in erster Linie an den verlorengegangenen einfachen Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe und an fehlenden ökonomischen Anreizen für die arbeitslosen Bewohner Neuköllns, sich zu bilden oder sich auch nur nach neuen Jobs umzuschauen - ein zutiefst materialistischer Konflikt.

Stichwort Internationalismus: Linke Ideologie ist seit jeher internationalistisch. Das Recht auf ein besseres Leben macht nicht an Grenzen halt. Und deshalb kann auch kein wirklicher Linker etwas dagegen haben, dass polnische Handwerker bei uns Fliesen verlegen und Slowaken den VW-Touareg zusammenschrauben. Linkssein verträgt sich nicht mit Protektionismus und mit dem Lafontaineschen Gerede von Fremdarbeitern. In dieser Bejahung der Globalisierung könnten sich Linke und Neoliberale die Hand reichen.

Stichwort Optimismus: "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" singen gestandene Genossen auch noch heute manchmal, und in dieser Zeile steckt ja die schöne Überzeugung: Es lohnt sich, für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Eine Hoffnung, die zum Kern liberaler wie linker Ideologie gehört - im Gegensatz zum konservativen Weltbild. Das Morgen wird besser als das Heute. Dieser Optimismus scheint Sozialdemokraten und Linkspartei im politischen Alltag vielfach verlassen zu haben. In ihrem Bestreben, das einmal erreichte Maß an Umverteilung gegen die bedrohliche Welt da draußen zu verteidigen, wirken sie eher wie konservative Bewahrer. Thomas E. Schmidt hat ja in der "Zeit" sehr zutreffend angemerkt, dass die Linkspartei das erste sozialistische Projekt ist, das ohne Fortschrittsglauben auskommt.

Das Grundrecht auf Fernsehen

Wenn man noch einen Schritt weiter zurücktritt, dann kann man das, was sich im Radialsystem abspielte, ins große Schisma linker Ideologie einordnen. Linke sind ja seit jeher davon überzeugt, dass der Mensch zur Freiheit zweierlei braucht: zum einen die Freiheit von staatlicher Unterdrückung, zum anderen die Freiheit von Armut und Ausbeutung. Nur beides zusammen, gesellschaftlich-politische wie ökonomisch-soziale Freiheit, ergibt wahre Freiheit im linken Sinne.

Beide Dimensionen der Freiheit stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander, das sich durch die gesamte linke Ideologiegeschichte zieht: Wer ausschließlich die soziale Freiheit betont, landet in der DDR: totale materielle Absicherung bei weitgehender politischer Unterdrückung. Wer ausschließlich die politische Freiheit betont, landet beim Anarchismus. Alle Spielarten linker Ideologie bewegen sich letztlich irgendwo im Kontinuum zwischen diesen beiden Extremen.

Verglichen mit dem, was heute die Linkspartei fordert, tendiert die Boheme vom Spreeufer wahrscheinlich deutlich stärker in Richtung gesellschaftlich-politischer Freiheit. Trotzdem ist die linke Boheme kein bisschen weniger links als Lafontaine und Gysi - auch wenn sich im Radialsystem sicherlich keine Mehrheit für flächendeckende Mindestlöhne gefunden hätte.

Zwei weitere Pole linker Ideologie bezeichnen Ausmaß und Methoden gesellschaftlicher Veränderung. Bereits im 19. Jahrhundert zeigten sich diese Pole in den Auseinandersetzungen zwischen linken Revisionisten und noch linkeren Revolutionären, später dann zwischen staatstragenden Sozialdemokraten und umstürzlerischen Kommunisten. Kernfrage: Halte ich das derzeitige Gesellschaftssystem innerhalb des legalen Rahmens für reformierbar - also über Interessenvertretung, Wahlsiege Gesetzesänderungen etc.? Oder glaube ich, dass nur eine revolutionäre Veränderung des Gesellschaftssystems linken Idealen zum Durchbruch verhelfen kann?

Um es gleich am Anfang klar zu sagen: In diesem Buch argumentiere ich für eine linke Perspektive, die politische Freiheit deutlich höher bewertet, als es Linkspartei und dem linken Flüge der SPD derzeit in den Sinn kommt. Zugleich will ich diesen neuen linken Liberalismus auf revisionistischem Wege verwirklicht sehen - durch das Werben um Menschen und Mehrheiten. Für eine wie auch immer geartete revolutionäre Veränderung in Deutschland sehe ich keine realistische Option, und noch wichtiger: keine Legitimation. Was berechtigt die Revolutionär dazu, dem Land einen Weg vorzuschreiben, für den sie auf demokratische Weise kein Mandat gewinnen können?

Ja, ja, natürlich kenne ich all die Theorien über die Beschränkungen parlamentarischer Demokratie und warum durch sie nie der wahre Willen der Bevölkerung umgesetzt wird. Kritische Theorie, Bewusstseinsindustrie, you name it. All diese Theorien ändern nichts am grundlegenden Legitimationsproblem von Revolutionären in einer Demokratie: Es gibt innerhalb einer linken Weltsicht keine legitime Instanz, die einem Revolutionär zubilligen könnte, erleuchteter zu sein als der Rest der Bevölkerung - außer seiner eigenen Hybris.

Ich halte auch die Marktwirtschaft für begrüßenswert

Linke müssen sich endlich daran gewöhnen: Die Mehrheit der Deutschen will abends tatsächlich vor allem in Ruhe fernsehen und hat alles Recht dazu.

Die Ablehnung von Revolution sollte nicht verwechselt werden mit der Ablehnung linker Utopien. Im Gegenteil, Linke müssen endlich wieder lernen, von einem besseren Morgen zu träumen, anstatt nur die Welt von gestern zu verteidigen. Aber legitim umgesetzt werden können diese utopischen Ziele in Deutschland nur auf "revisionistischem" Weg.

Liebe Linke, es kommt noch schlimmer: Ich halte nicht nur die parlamentarische Demokratie, sondern auch die Marktwirtschaft für außerordentlich begrüßenswert. Der ökonomische Wettbewerb um das beste Angebot zum niedrigsten Preis in freien Märkten, das individuelle Streben nach materiellem Vorteil als Motor des Fortschritts: All dies sind wunderbare Mechanismen, die es auch für Linke zu nutzen und zu erhalten gilt.

Die Fragen, über die in diesem Buch diskutiert werden soll, sind subtiler als der platte Gegensatz Staat oder Macht: Welche Lebensbereiche sollten dem Markt überantwortet werden, welche nicht? Wie geht die Gesellschaft mit denjenigen um, die im ökonomischen Wettbewerb unterliegen?

Die neue Boheme, die ich im Radialsystem kennenlernte, versucht die richtige Mischung aus Wettbewerb und Solidarität, aus Gewinnstreben und Gemeinsinn zunächst einmal im eigenen Leben umzusetzen. Sicher, mit seinem kreativ-digital-freiberuflichen Latte- und Lotterleben verkörpert dieses Milieu eine winzige Minderheit in Deutschland. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein neues Lebensgefühl zunächst in der großstädtischen Boheme breitmacht und von dort nach und nach in den Rest des Landes sickert.

Wer genau hinsieht, merkt schon heute: Immer mehr Menschen begreifen sich selbst (wieder) als links - was immer sie auch im Einzelnen darunter verstehen mögen. Nicht nur in Berlin, sondern überall in Deutschland.

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