Neue Provinzromane Po an Po, das stresst mich so

Nanu, was ist in Süddeutschland los: Martina Brandl zeigt die Schwäbische Alb als Ort stadtmüder Müßiggänger. Bei Michael Wallner lässt sich ein Schwarzwälder von einer Niedersächsin verwirren. Und die Bayern? Konzentrieren sich auf Fußball und Sex - zumindest bei Markus Kavka.

Schäfer in Münsingen: "Hintern an Hintern"
dapd

Schäfer in Münsingen: "Hintern an Hintern"


Warum durch enge Röhren rasen? Martina Brandls "Schwarze Orangen"

Wenn eine Komödiantin in "7 Tage, 7 Köpfe" und im "Quatsch Comedy Club" aufgetreten ist und einen Bestseller mit dem Titel "Halbnackte Bauarbeiter" veröffentlicht hat, ist mit dem Schlimmsten rechnen: Entertainmenthölle. Nun hat Martina Brandl einen Provinzroman geschrieben. Die Landlustwelle ist offenbar endgültig im Mainstream angekommen. Und doch wirkt es 2011 avantgardistisch, sich, wie Brandl, nach 20 Jahren in Berlin wieder dort niederzulassen, wo man herkommt: In Geislingen an der Steige, wo der Zug von Stuttgart nach München die Schwäbische Alb hoch kriecht. Die neue Schnellbahntrasse ist schließlich noch nicht gebaut - und wird es nach dem Wahlsieg Winfrieds Kretschmanns vielleicht auch ein bisschen später.

Der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands gibt Anlass, manches Klischee über die Bewohner des süddeutschen Hinterlandes neu zu justieren. Brandls Buch könnte dabei hilfreich sein: Zeigt es doch die Bewohner eines fiktiven Städtchens namens Maulheim als erstaunlich postmaterialistisch eingestellte Müßiggänger. Schwäbischer Fleiß ist hier unbekannt. Es entspinnt sich eine so leichte, wie nichtige Sommerkomödie, die - in Baden-Württemberg ist die Infrastruktur auch der kleinsten Gemeinde bekanntlich besser als die ganzer Bundesländer im Norden - zu einem Gutteil im Freibad spielt.

Anders als in den klassischen Kleinstadtgeschichten der bundesdeutschen Literatur taugt die Metropole nicht als Sehnsuchtsort in diesem Provinzroman neuen Typs. Keiner will weg aus Maulheim, weil fast jeder der Protagonisten schon mal draußen war in der Welt und feststellte: "Konnte man dafür geboren sein, in überfüllten Zügen Hintern an Hintern mit wildfremden Menschen vier Meter tief unter der Erde durch dunkle, enge Röhren zu rasen?"

Brandl erspart ihren Lesern die solcher Dorfseligkeit innewohnende Beschränktheit. Sie stellt alles in Frage und löst ihre, mit lobenswert unaufdringlicher süddeutscher Sprachfärbung, im Ton einer spöttischen Kleinstädterin erzählte Geschichte mit leichter Hand in Wohlgefallen auf. Das ist ziemlich vergnüglich. Mag es auch eine Tote geben und einen, eigentlich unnötigen, Kriminalfall, der die Geschichte am Laufen hält - es geht für den Leser herrlich entspannend zu in diesem Kaff. Nur ein Verdacht bleibt: Dass die wirkliche schwäbische Provinz mit Martina Brandls Maulheim nicht mithalten kann. Sebastian Hammelehle

HSV heißt Heimat-Sport-Verein: Markus Kavkas "Rottenegg"

Früher gab es ja die Midlifecrisis. Da ließen Männer, die Familien gegründet und sich im Beruf etabliert hatten, die also erwachsen geworden waren, von einem Moment auf den anderen alles fallen und machten etwas ganz Verrücktes. Was aber, wenn sie nun, wie es vor ein paar Jahren in einem Buchuntertitel hieß, nicht mehr älter werden? Wenn sie ihre Jugend bis weit ins mittlere Alter verlängern, weiter Drogen nehmen, Nächte durchtanzen? Gregor Herzl, der 40-jährige Held des Romans "Rottenegg", ist so einer. Und als ihn die Krise voll erwischt - als Moderator beim Musikfernsehen rausgeschmissen, von der Freundin betrogen und getrennt, körperlich zusammengebrochen - macht er etwas ganz Verrücktes: Er verlässt Berlin, geht heim zu Mama, zurück aufs Land, ins bayerische Rottenegg.

Rottenegg gibt es wirklich, es liegt in der Nähe von Ingolstadt. Aus der Gegend stammt auch Markus Kavka, schon ein bisschen über 40 und früher das Aushängeschild des deutschen MTV. Genauer gesagt kommt er aus Manching, einem Ort, der - hübsche Pointe - in Kavkas Romandebüt hauptsächlich als Brutstätte brutal blutgrätschender Innenverteidiger vorkommt, die es auf die Knochen des nun wieder beim HSV Rottenegg kickenden Stürmers Herzl abgesehen haben (auch den HSV gibt es tatsächlich, das Kürzel steht für Heimat-Sport-Verein).

Außer beim Fußball revitalisiert sich der Berufsjugendliche beim Sex mit der Tochter des örtlichen Busunternehmers, mit der er sich von der Mutter verkuppeln lässt. Und auch das Berufsleben kommt wieder in Gang: In der Großraumdisco bestreitet Herzl einen Elektro-Abend und im Oberzentrum Ingolstadt gibt es einen lokalen Fernsehsender, der ihm eine gutdotierte Show anbietet. Es sind Momente, in denen Provinz und Metropole gar nicht so weit voneinander entfernt scheinen: H&M und das Internet gibt es eben überall.

So wie Herzl in Rottenegg in den gemütlichen bayrischen Dialekt verfällt, so gemütlich erzählt auch Kavka die Schnurren vom Leben in der Provinz, mit denen er ja auch seine Moderationen immer wieder garniert. Doch bald schon wird's archaisch, mit Volksfestprügeleien und Eifersuchtsprügeleien - und dem Heimgekehrten wird an den Kopf geworfen: "Du mit deinem Jugendfernsehen da oben in Berlin. Ihr mit eurer urbanen Kultur."

Leider ein nicht untypisches Beispiel für die wenig subtile Art, wie Kavka Land- und Stadtmenschen voneinander abgrenzt. Sein Gregor Herzl verliert nie ganz die leicht hochnäsige Haltung, die Dagebliebenen bleiben immer Abziehbilder. Weil zudem die Sprache oft ungelenk und die Dramaturgie vorhersehbar ist, kann "Rottenegg" nur in Passagen überzeugen. Eine Kolumne oder eine Moderation hätten es auch getan. Felix Bayer

Cherchez la Norddeutsche: Michael Wallners "Kälps Himmelfahrt"

Im frankophilen Baden dürfte die Redewendung "Cherchez la femme" wohl bekannt sein - "Cherchez la Norddeutsche" allerdings, das gibt es nur bei Michael Wallner: In seinem Roman "Kälps Himmelfahrt" ist es eine Frau aus Niedersachsen, die das Leben des Schwarzwälder Tierarztes Kälp für ein paar Tage aus dem Takt bringt. Der klassische, alle Gattungen gleichermaßen behandelnde Landveterinär, von dem es ja heißt, dass er am Aussterben sei, weil sich ein Gutteil der Tierärzte nur noch mit Pferden oder aber mit Kleintieren befasst, ist eine Romanfigur, die kaum schlauer gewählt sein könnte angesichts des massiven Erfolgs nostalgischer Illustrierter wie "Landlust".

Wallner, bekannt geworden mit verdächtig kitschig betitelten Romanen wie "April in Paris" oder "Die russische Affäre" hat sich offenbar mit dem Metier befasst. Immer wieder lässt er seinen Kälp eine halbe Seite lang ein Tier kurieren - und doch ist "Kälps Himmelfahrt" kein Wohlfühlbuch für Leute, die vom Landleben träumen. Dafür ist der Stoff, in dem es um gescheiterte Beziehungen zwischen den Geschlechtern wie den Generationen gleichermaßen geht, zu düster.

Vor der Kulisse des verschneiten Südschwarzwaldes entfaltet sich in den Tagen zwischen Heiligabend und Neujahr ein Kriminal- und Liebesdrama. Wallner hat nicht nur die Hauptfigur, sondern auch Handlungsort- und zeit akkurat konstruiert, ohne dabei den Stereotypen zu verfallen, zu denen eine winterliche Schwarzwaldgeschichte verleiten könnte. Die Nüchternheit des Romans allerdings ist zugleich seine größte Schwäche: Wozu ein für die deutschsprachige Literatur derart ungewöhnlicher Ort, eine derart ungewöhnliche Hauptfigur, wenn man die speziellen Schwingungen des Provinzlebens nicht in den Zwischentönen wiederzugeben vermag? Wallner ist nicht Arnold Stadler, nicht Hermann Lenz - sein Buch mag in Süddeutschland spielen, seiner Atmosphäre merkt man das nicht an. Der Schwarzwald bleibt Staffage. Trotz Holunderschnaps brennenden Benediktinern.

So ist "Kälps Himmelfahrt" nicht viel mehr als eine Variation des alt bekannten Themas von der plötzlich auftauchenden, exotischen Frau - dass es ausgerechnet eine Wolfsburgerin ist, die den einsamen Wolf Kälp durcheinander bringt, das allerdings ist eine ziemlich kuriose Pointe. Sebastian Hammelehle



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Reyno 30.03.2011
1. Ländle
Vielleicht ist es auf'm Ländle im Ländle noch mal anders. Und es gibt sie sicher auch die Unterschiede zwischen Schwaben und Badenern. Nur meine Bekannten, die unten ein zeit lang in Stuttgart gearbeitet haben konnten die Vorurteile größtenteils bestätigen. Müßigang gilt da unten als aller Laster Anfang.
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