"Eure Väter, wo sind sie?" Tribunal gegen die USA

Kriminelles Spiel mit Irrläufern: Nach dem Zeitgeist-Hit "The Circle" entwirft Dave Eggers erneut ein klaustrophobisches Setting mit kritischer Aussage. Angeklagt? Amerika!
Von Thomas Andre
Stars and Stripes, runtergerockt: Dave Eggers' neuer Roman nimmt sich Amerika vor

Stars and Stripes, runtergerockt: Dave Eggers' neuer Roman nimmt sich Amerika vor

Foto: JUSTIN SULLIVAN/ AFP

Ein Mann dreht durch. Er dreht durch, kommt sich dabei aber rational vor, denn er geht ja ziemlich durchdacht vor. Sieben Menschen zu betäuben und zu überwältigen, sie dann, jeden einzeln für sich, in eine ausrangierte Militäranlage zu schaffen und in den Baracken in Einzelhaft zu nehmen: Dazu gehört organisatorisches Talent.

Thomas ist der Antiheld in Dave Eggers' neuem Roman. Der trägt den wirklich sensationellen Titel "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?" und ist auch sonst ungewöhnlich. Der formale Clou besteht in einer völligen Auslassung beinah allen romanhaften Schreibens, die Handlung vollzieht sich einzig in Dialogen. Thomas ist ein nicht sehr erwachsen wirkender Mittdreißiger, der dem Typus des wütenden jungen Mannes entspricht; ein innerlich tobender Rebell ist, der jetzt mal kurz Ernst macht. Von all seinen Kidnapping-Opfern will er etwas wissen. Ganz allgemein: Warum die Welt so beschissen ist. Und warum er so eine klägliche Rolle in dieser Welt spielt.

Weil er seinen Zorn zielgerichtet loswerden will, sind seine Geiseln gut gecastet. Die eigene Mutter ist dabei, bei der Thomas sich über seine verwahrloste Kindheit beschwert. Ein ausgebildeter Astronaut muss für verblassende Träume büßen und die Annahme bestätigen, dass Leistung sich nicht lohnt. Ein ehemaliger Kongressabgeordneter muss die Orientierungslosigkeit ausbaden, die Thomas für sich und seine Generation in Anspruch nimmt. "Findet einen Ort für uns", ruft er dem wohlwollenden Alten zu, der sich wie alle anderen auf Thomas' klaustrophobisch-kriminelles Spiel einlassen muss.

Nicht zurechnungsfähig

Thomas weiß nicht, wie eitel sein Auserwähltheitsglaube ist - ist nicht jede Generation auf ihre Weise verloren? Um seinem Leidensdruck auch einen konkreteren Anlass als die ideell unbehauste Gegenwart zu geben, baut Eggers seinem Protagonisten eine tatsächliche und eingebildete traumatische Vergangenheit.

Als Schüler war er zur Nachhilfe bei einem Mathelehrer, der ihn missbrauchte. Und kurz bevor Thomas seine Berufung als Entführer entdeckt, hat er den Verlust seines einzigen Freundes zu beklagen. Passenderweise rauschte auch der in einen überdrehten Zustand, in dem er nicht zurechnungsfähig war; er fuchtelte mit dem Messer und wurde dabei von den Pistolenkugeln einer Polizeieinheit durchsiebt. Der Lehrer und einer der Polizisten befinden sich auch im persönlichen Gefängnis des St. Thomas, der sich für einen guten Menschen hält, der für eine gerechte Sache kämpft.

Was Eggers mit seinem Setting produziert, soll wohl so etwas wie die literarische Zustandsbeschreibung des alltäglichen Unglücks sein, das einem auch und vielleicht gerade in einem Land wie Amerika ereilen kann. Lebensläufe gelingen nicht immer, und wer das eigene Verkorkst-Sein zu lange beklagt, kommt irgendwann auf die Idee, eine stillgelegte Army-Basis mit ausgewählten Interviewpartnern zu bevölkern. "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?" ist ein Tribunal gegen die USA mit ironischem Unterton: Wenn das US-Amerika der Gegenwart für eines nicht steht, dann ist das der Dialog zwischen Gegnern.

Pervertierter Dialog

Diesen Dialog - pervertiert durch seinen Zwangscharakter - wählt Eggers nun aber zur Grundlage eines Romans, der durch diese Entscheidung vor allem statisch wird. Der Roman fügt sich außerdem in ein zwischen fiktionalen und nicht-fiktionalen Textformen changierendes, stilistisch weit gefächertes Werk; diesmal kommt Eggers der Bühnentauglichkeit so nah wie nie.

Die Erzählweise des mittlerweile zum prominentesten US-Schriftsteller seiner Altersklasse aufgestiegenen Autors hat spätestens mit der vieldiskutierten Internet-Dystopie "The Circle" freilich einen Grad an Deutlichkeit erhalten, der nerven kann. Das ist auch bei diesem neuen Buch so, das der versierte Vielschreiber Eggers nun zügig nachschiebt. Hinsichtlich des Themengespürs kann man Eggers nichts vorwerfen - wer will im Hinblick auf die Irr- und Amokläufer, die die Vereinigten Staaten regelmäßig heimsuchen, nicht davon sprechen, dass die traurigen Seelen der Mittelschicht ein Problem dieses psycho-soziologisch verheerten Landes sind?

Aber es ist eben auch so, dass "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?" ein Buch ist, das vor Weisheit ganz tumb ist und sein Verfasser ein Mann, der über allen moralischen Fragen die ästhetischen aus den Augen verloren hat.

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Dave Eggers:
Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?

Aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel

Kiepenheuer & Witsch;
224 Seiten; 18,99 Euro.