Neuer Roman von Rainald Goetz Im Rudel beißen, einsam sterben

Abnutzungskampf in Deutschlands Machtzentralen. Mit "Johann Holtrop" wagt Rainald Goetz ein Panorama von Machtgewinn und Machtverlust in der Führungsetage - mit viel Wucht und etlichen Anspielungen auf reale Mediengrößen: Thomas Middelhoff, Mathias Döpfner und Gerhard Schröder.

Schriftsteller Rainald Goetz: Offene Auseinandersetzung
Suhrkamp Verlag

Schriftsteller Rainald Goetz: Offene Auseinandersetzung

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Am Anfang steht eine Entlassung. Der Vorstandsvorsitzende Johann Holtrop, 48 Jahre alt, Herr über 80.000 Mitarbeiter und eine Bilanzsumme 15 Milliarden Euro, trennt sich vom Leiter einer Niederlassung in Ostdeutschland.

Der - "zu alt, mental erschöpft", rote Haut, stark parfümiert, dazu Alkoholproblem - mag aus Holtrops Sicht am Ende sein. Ein leichtes Opfer, mit dessen Abgang sich auch die Verantwortung für "graue Anschubzahlungen, stille Spenden, Kuverts mit Geld und die Rechnungen ohne Gegenleistung" abschieben und damit aus der Welt schaffen lässt. Doch anders als erwartet, wehrt der Entlassene sich. Nicht sonderlich vehement, aber doch stark genug, um Holtrop, der zu Beginn dieses Buchs noch im Zenit seiner Karriere steht, eine Wunde zu versetzen. Eine Wunde, die - im Moment der Verletzung noch kaum ernst genommen - unscheinbar schwelt und letztlich letal ist.

Da hat das Buch längst seinen ersten Toten gehabt in einem mit der Spannung eines Thrillers erzählten ersten Teil. Dazu seine zahllosen Hinweise auf Figuren der Zeitgeschichte. Nicht nur, dass Gerhard Schröder (während dessen Amtszeit "Johann Holtrop" großteils spielt) am Rande dabei ist. Bei manchem Detail der Beschreibung des Asperg-Konzerns und seines Lenkers Holtrop ist offensichtlich, dass die Bertelsmann AG und deren früherer Chef Thomas Middelhoff eine Inspirationsquelle waren.

Offene Auseinandersetzung

Dazu kommen Nebenfiguren wie der Verleger einer seit "Jahrzehnten vergeblich um Seriosität bemühten" Zeitung namens "Der Tag". Der wird vom mächtigen Chefredakteur der Konkurrenz unter Drohungen bedrängt, einen Mitarbeiter zu entlassen, weil der in einer Weise über des Chefredakteurs Freundin geschrieben hatte, die den bis aufs Blut reizte. Es bedarf keines sonderlichen Spürsinns um dahinter Parallelen zu einem realen Geschehnis zu entdecken, dessen Protagonisten Mathias Döpfner und Frank Schirrmacher heißen - doch "Johann Holtrop" ist kein verklemmter Schlüsselroman oder gar ein vermeintlicher Schwedenkrimi, aus dem es gilt, versteckte Gemeinheiten herauszupicken.

Rainald Goetz, dessen Werk sich wie das keines anderen deutschsprachigen Gegenwartsschriftstellers aus der offenen Auseinandersetzung mit der Realität und ihren Protagonisten speist, hat mit "Johann Holtrop" das geschrieben, was seit Jahren immer wieder von ihm erhofft, in Andeutungen sogar versprochen und letztlich doch nicht wirklich erwartet worden war: einen großen Roman über das Deutschland der jüngsten Vergangenheit.

Anders als in seinen vorigen Arbeiten "Loslabern" oder "Klage" konzentriert Goetz sich nicht auf Kultur oder Kulturbetrieb, sondern erfasst in der Totalen den Bereich, in dem sich die entscheidenden Schlachten des vergangenen Jahrzehnts abgespielt haben: Die Führungsetagen der Weltkonzerne - ein Bereich, in den sich die deutschsprachige Literatur kaum einmal wagt.

Überspanntes Kind

"Johann Holtrop", wie viele Bücher Goetz' in drei Teile gegliedert, schildert Aufstieg und Fall seiner Titelfigur mit Wucht und Rasanz. Dabei kommt der Erzähler der Figur Holtrop besonders im zweiten Teil des Buchs erstaunlich nahe: Holtrop ist eben nicht nur die erwartbar leere Menschenruine des westlichen Erfolgstypus im Stile von Bret Easton Ellis' oder Michel Houellebecqs Romanfiguren, sondern eine erstaunlich vielschichtige, letztlich sogar vage sympathische Gestalt, wenn zwischenzeitlich die Verachtung für sein Umfeld aus ihm herausbricht. Ein singulärer Charakter unter lauter Karrieristen, ein Machtmensch, der um die Macht nicht verbissen kämpft, sondern sie mit überlegenen Mitteln gewinnt - um sie dann zu vertändeln wie ein überspanntes Kind.

Die Welt, in der sich Holtrop großteils bewegt, ist, so unterschiedlich die von Goetz geschilderten Typen auch sein mögen, eine hermetisch organisierte Männerwelt - Frauen aber spielen im Roman immer wieder eine entscheidende Rolle. Gerade, weil sie in ihren nach herrschendem Chefetagenverständnis zwischen Herrscherin, Beuteobjekt und Schmuckstück changierenden Rollenzuschreibungen aus dem Rudel herausstechen.

Es mag den Autor vielleicht sogar Mühe gekostet haben, den typischen Rainald-Goetz-Furor zu zügeln und in diesem Buch ganz in den Dienst einer unbarmherzig voranschreitenden Erzählung zu stellen. Und doch funkeln sie regelmäßig auf: Die pointierte Empörung, die schnelle, vernichtende Beschreibung, der enttäuschte Moralismus, der sich im Bonmot entlädt, Kombinationen wie "Bodenständig-keitsverblödetheit", "Vitalitätsgenie" oder "kitschtosende Wände" in denen Goetz' Sprachmächtigkeit sich verdichtet.

So entwickelt sich in "Johann Holtrop" ein brillant gemachtes Sittenbild, das keinesfalls nur ein Bild eines Jahrzehnts ist, sondern ein Bild der Macht an sich. Mag sich der alte rheinische Kapitalismus auch Tatmenschen wie Holtrops bedient haben, um die nötige Weltmarktfähigkeit für das 21. Jahrhundert zu erlangen - am Ende ist man dieses Beschleunigungsmotors überdrüssig.

Wie in einem düsteren Adventskalender geht Holtrop im dritten, in 24 kurzen Teilen erzählten Teil des Buches an seinem eigenen Ideengebäude zu Grunde. Ein klassisches Ende für einen überraschend klassischen Roman.

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