Neuer Thriller von James Ellroy Heimat des Hasses

Polizisten im Blutrausch, Demagogen in Aktion: Mit "Blut will fließen" legt der US-Starautor James Ellroy einen Verschwörungsschocker vor, in dem höchste politische Kreise Hass in der Bevölkerung streuen - die vielleicht brutalste Abrechnung des Amerikaners mit seinem moralisch verwilderten Land.
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Ellroy-Meisterwerk: Die Geschäftemacher des Hasses

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Die Hasspredigt - wenn es nach James Ellroy geht, ist sie eine amerikanische Erfindung. Keine der rund 800 Seiten seines neuen Romans "Blut will fließen" schlägt man um, ohne dass ein weiterer menschenverachtender Demagoge auftritt. Es gilt die Devise: Der Hass muss sprießen, erst dann kann das Blut fließen. Und daran sind bei Ellroy vor allem die Mächtigen interessiert, Polizeibosse genauso wie Präsidentschaftskandidaten. Deshalb lassen sie in alle Richtungen Angst und Missgunst verbreiten: gegen Schwarze und Juden, gegen Linke und Presseleute, gegen Schwule und Hippies.

Ausgerechnet im Jahr 1968 beginnt diese vielstimmige Symphonie des Hasses, mit der Ellroy die Trilogie "Underworld USA" abschließt. Auch die beiden vorangegangenen Werke des Zyklus beschäftigen sich mit dem großen Schulterschluss von Verbrechen und Verbrechensbekämpfung, von Mafia und Politik, aber erst vor dem Hintergrund der "Love And Peace"-Ära entfaltet die "War And Hate"-Strategie von Ellroys Protagonisten ihre gesamte Perfidität: Statt der Blumen der Flowerpowerkinder sprießt hier nur die Saat des Bösen.

Nein, 1968 stellt für Ellroy keine Zeitenwende dar. Aufbruchstimmung oder Fortschrittsoptimismus wollen bei ihm nicht aufkommen. Für ihn war es eher das Jahr, in dem die letzten Hoffnungen begraben wurden. John F. Kennedy wurde schon vorher erschossen, 1968 dann schließlich auch Bruder Robert und der Bürgerrechtler Martin Luther King.

Übriggeblieben sind jetzt drei Antipoden, die nach Ellroys Amerika-Deutung an einer großen Weltverschwörung arbeiteten: Der soziopathische Milliardär Howard Hughes, der hinter den kondomgeschützten Türklinken einer Hotelsuite in Las Vegas seinen unermesslichen Reichtum in allerlei Hassgeschäfte lenkt; der FBI-Direktor J. Edgar Hoover, der sich nach fast einem halben Jahrhundert in seiner Behörde noch immer mit aller Gewalt an die Führung klammert; und schließlich der republikanische Präsidentschaftskandidat Richard Nixon, der hier beim heimtückischen Kampf ums Weiße Haus den Grundstein für den Watergate-Skandal legte. Hughes, Hoover und Nixon: ein Triumvirat der Paranoia.

Nur beim Sex spielen Ideologie und Rasse keine Rolle

Wunderbare Auftritte haben diese längst mythischen Politgangster in Ellroys verschlungenem Verschwörungsszenario, in dem Dichtung und Wahrheit Hand in Hand gehen. Meistens aber heftet sich der Autor an die Fersen von den Handlangern der drei Hassprediger; an skrupellose Privatdetektive und Paparazzi, an mordbereite FBI-Schergen und Las-Vegas-Cops. Einige kennt man bereits aus den beiden vorangegangen Romanen, aus ein "Ein amerikanischer Thriller" (1995) und "Ein amerikanischer Albtraum" (2001).

In einer Sprache, die fast von allen Adjektiven und Relativsätzen entschlackt ist, beschreibt Ellroy die Verbreitung des Hasses durch die allen Kontrollinstanzen entschlüpfte Exekutive: Substantiv folgt auf Substantiv, Gewaltakt auf Gewaltakt. Aktionen von afro-amerikanischen Aktivisten wie den Black Panther werden unterwandert, Verleumdungstraktate in Umlauf gebracht, scharfe intellektuelle Bräute bis ins Schlafzimmer observiert.

Ebendort - und das macht die unvergleichliche Erzählkunst des Autors aus - kommt es zuweilen zu wirklich zärtlichen Annäherungen zwischen rechten Polizeischergen und linken Revolutionärinnen. Miteinander geschlafen wird in Ellroys Hass-Opus über Ideologie- und Rassengrenzen hinweg, was man freilich nicht als politischen Annäherungsprozess missverstehen darf. Weltanschauliche Motivationen geraten bei der Triebabfuhr eben zwangsläufig mal ins Hintertreffen.

Dass Ellroy so tief ins Leben seiner zumeist drogensüchtigen, paranoiden und sexuell gestörten Antihelden einsteigen kann, mag damit zu tun haben, dass er ihnen nach eigenen Aussagen einst in vielerlei Hinsicht ähnelte. Jedenfalls machte der Romancier nie einen Hehl aus den düsteren Abschnitten seiner Biografie: Spanner und Junkie, Schläger und Nazi - das alles war Ellroy nach eigenem Bekunden. Der von ihm lancierte Lebenslauf liest sich mal wie eine Krankenakte, mal wie ein Strafregister. Vor der Fertigstellung seines jüngsten Werks hatte der poetische Zyniker, wie einer seiner Cop-Protagonisten, eine aufreibende Liaison mit einer linken Intellektuellen.

Die berühmteste Verbrechenswaise der USA

Über weite Strecken ahmt Ellroy in "Blut will fließen" den protokollarischen Stil von Ermittlungsakten nach, dann wechselt er ins inoffizielle Hassidiom der Politgangster Hoover und Nixon. Doch so sehr er die Sprache auch den jeweiligen Charakteren anpasst, so pedantisch er die verschiedenen Milieus kopiert - überall steckt Ellroy drin. Angefangen hat er als Krimiautor, inzwischen ist der 61-Jährige das bizarrste Gesamtkunstwerk des amerikanischen Literaturbetriebs. Das Ego keines anderen US-Autors der Gegenwart ist so sehr im eigenen Werk aufgegangen.

Den Grundstein dafür legte er mit seinem epochalen Cop-Roman "Die schwarze Dahlie" aus dem Jahr 1987, in dem er das historische Verbrechen an einem Hollywood-Starlet, das einst zerstückelt aufgefunden wurde, zu einem Sittengemälde verarbeitet. Antrieb dazu war das eigene Trauma: 1958, da war Ellroy zehn Jahre alt, kam auch seine Mutter durch ein Gewaltverbrechen ums Leben. 1997 schließlich erschien "Die Rothaarige. Die Suche nach dem Mörder meiner Mutter", eine Mischung aus kriminalistischer Recherche und Familienbiografie. Kurz gesagt: Beim Verfassen seiner immer spannenden, meist alle Genregrenzen sprengenden Krimis hat sich Ellroy zur berühmtesten amerikanischen Verbrechenswaise hochgeschrieben.

Ein riskanter biografischer Ansatz - der durchaus einen gesellschaftspolitischen Mehrwert besitzt: Denn die Unbehaustheit seines eigenen Lebens hat er auf unnachahmliche, krankhaft pedantische Art auf die Unbehaustheit seiner Heimat übertragen. Unschuldig waren beide nie, weder er selbst noch Amerika.

Diese Nation, so sieht es jedenfalls James Ellroy, wurde auf Hass gebaut.

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