Neumeier-Bildband Fünf Kilo voller Intimitäten

Der Mann weiß, was Detailliebe ist. In einer akribischen Retrospektive blickt der Choreografenstar John Neumeier auf sein Schaffen zurück. Der Fünf-Kilo-Fotoband bringt sogar bleischwere Druckseiten zum Tanzen.

Von


Mit Büchern über Ballett verhält es sich ein bisschen so wie mit einer Diaschau von der letzten Reise der Großeltern an die Mecklenburgische Seenplatte. Die Bilder sind schön, denn die Landschaft ist es auch – aber das, was da projiziert wird, ist irgendwie weit weg, viel zu statisch und deshalb ein bisschen tot - spätestens nach der dritten Schilfnahaufnahme mit Wasserbirke im Hintergrund wird's daher öd.

Neumeier-Buch "In Bewegung": Gedrucktes Denkmal

Neumeier-Buch "In Bewegung": Gedrucktes Denkmal

Außer man ist Fan. In Leidenschaft entbrannt für die vorpommersche Landschaft. Ähnlich gilt das wohl auch für ein Buch über Ballett: Ist man Fan, liest man Tanz, blättert begeistert durch Fotostillleben. Wer derart passioniert ist, weiß auch den gewichtigen Bildband des Choreografen John Neumeier zu schätzen, den der langjährige Leiter des Hamburg Balletts jetzt hat auflegen lassen.

Das Œuvre zählt, ohne Personenverzeichnis, ganze 571 Seiten, wiegt an die fünf Kilogramm und nimmt sich daher schon rein äußerlich recht enzyklopädisch aus. "In Bewegung" heißt der großformatige Brocken, mit dem Neumeier seiner 34-jährigen Karriere in Hamburg ein gedrucktes Denkmal setzt.

Dass es sich um ein umfassendes Werk handelt, daran lässt der gebürtige Amerikaner keinen Zweifel. Das Buch beginnt noch "Vor dem Beginn" mit einem "Vorspiel": der Korrespondenz Neumeiers mit dem Journalisten und Kritiker Kurt Peters anlässlich seines Wechsels von Frankfurt am Main nach Hamburg. Peters entrüstet sich über die 16 Entlassungen im Hamburger Ensemble, mit denen Neumeier seine Ära an der Elbe einleitete.

Die stürmischen (Spiel-)Zeiten danach sind akribisch aufgelistet und werden allesamt vom Meister textlich unterfüttert und theoretisch überbaut – von der ersten 1973/1974 bis zur 34. Spielzeit 2004/2005.

Beinah intim wirkt dieser Werkstattbericht: Gedanken zu den einzelnen Stücken aus dem Notizbuch des einstigen Cranko-Tänzers, Reflektionen über die Compagnie, Zeitungskritiken, Skizzen sind darin enthalten.

Neumeiers Retrospektive auf sein Schaffen detailversessen zu nennen, wäre untertrieben: Man erfährt sogar, dass die unbestrittene Koryphäe am 20. Oktober 1983 mit Jil Sander beim Essen saß und die beiden "in positivster Atmosphäre" über ihre Kostümentwürfe für ein Mozart-Ballet plauderten.

Liebhabern des klassischen Tanzes, die doch lieber gucken als lesen, bleiben Fotos von Proben und Inszenierungen – in den gespannten Sehnen, positionsgewinkelten Füßen und konzentrierten Gesichtern lässt sich trotz aller Statik des (Gutenberg-)Mediums die Bewegung zumindest erahnen.


Buch John Neumeier: "In Bewegung". Collection Rolf Heyne, München; 576 Seiten; 135 Euro.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.