Netzkritiker James Bridle Sie verstehen das Internet nicht? Gut für Sie!

Informatiker James Bridle sagt, Algorithmen richten eine "Verwüstung" in unserem Denksystem an. Er fordert, dass der Mensch sich unabhängig vom Netz macht - geht das?
James Bridle: "Anerkennung des Nichtwissens"

James Bridle: "Anerkennung des Nichtwissens"

Foto: Mikael Lundblad

Die Cloud - als nebulöse Metapher hat sie Geschichte gemacht: So schwebte im Mittelalter noch eine "Wolke des Nichtwissens" über Europa. Gott sei nicht mit Vernunft zu verstehen, schrieb ein unbekannter englischer Mystiker in seiner Schrift "Cloud of the Unknowing" im 14. Jahrhundert. Er riet deshalb dazu, das Vernunftdenken abzustellen - um so zu mehr "Frieden und Ruhe" zu finden.

Heute nun umspannt uns die Cloud als globales IT-Netzwerk: Daten schwirren als komplexes Geflecht im virtuellen Raum. Nach draußen wirkt das Netz oft intransparent wie eine Black Box, nach drinnen so durchlässig wie Big Brother.

Schon vor zwei Jahren warnte der britische Schriftsteller und Informatiker James Bridle deshalb in einem Essay vor einer "dunklen Zeit", in der sich die Technik gegen den Menschen wendet . Netzwerke und Suchmaschinen - eine "dunkle Kunst für sich" laut Bridle - gründeten auf automatisierten Algorithmen. Sie seien damit abgekoppelt von jeder menschlichen Logik. Laut Bridle richteten sie deshalb eine "Verwüstung" in unserem Denksystem an.

Mehrwissen ist keine Lösung

Über diese Verwüstung hat er nun ein Buch geschrieben: "New Dark Age" - tatsächlich ist der Inhalt aber weniger pessimistisch, als der Titel vermuten lässt. Die Cloud beschreibt Bridle zwar als "gierige Industrie", die von uns mehr und mehr Kontrolle übernehme. Selbst tägliche Abläufe wie Nachrichten, Einkäufe oder Bankgeschäfte würden immer unverständlicher: Lagerarbeiter fahren bei Amazon auf Anweisung von Barcodescannern durch die Hallen, Touristen landen mit dem Auto plötzlich im Meer. Geleitet von einem Navigationssystem.

Sind wir also permanent geistig umnebelt von einer Cloud? Tatsächlich liegt für Bridle in der scheinbaren Diskrepanz zwischen Netz und Verstand die Lösung: Netzdenken passe oft nicht zum menschlichen Denken. Die Internetlogik sei deshalb an sich schon ein Problem. Bridle empfiehlt in seinem Buch deshalb ähnlich wie der mittelalterliche Mystiker eine Anerkennung des Nichtwissens.

Anzeige
Bridle, James

New Dark Age: Der Sieg der Technologie und das Ende der Zukunft

Verlag: C.H.Beck
Seitenzahl: 320
Für 25,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

03.12.2022 20.38 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

"Unwissenheit ist Stärke": In George Orwells Roman "1984" war das noch der propagandistische Slogan einer Überwachungsdiktatur. Bridle dagegen sieht im Nichtwissen eine Chance, sich von bestimmten Denkmustern zu befreien: Das Grundproblem liege demnach in der Idee der Aufklärung, dass mehr Wissen automatisch zu besseren Entscheidungen führe. Die Cloud als Verknüpfung von Wissen habe sich so zu einem "globalen System enormer Macht und Energie" entwickelt. Trotzdem wären aber eben oft falsche Entscheidungen getroffen worden. Bridle nennt Atombomben, fehlgeleitete Flugzeugcrews. Die Schlussfolgerung: Mehrwissen sei keine Lösung. "Das, was die Welt eigentlich aufklären und erleuchten soll, verdunkelt sie in der Praxis."

Bridle schafft es in seinem Buch so, Perspektiven radikal zu drehen: Wissen wird zu Glauben - Nichtwissen zur Erkenntnis. Unwissen kann "produktiv, ja sogar erhaben sein", schreibt Bridle. Selbst Enthüllungen wie die eines Whistleblowers Edward Snowden stellt Bridle als gesteuert von "Angst und Paranoia" infrage. Nicht die Cloud an sich sei gefährlich - sondern der "unkritische, nichtdenkende Glaube" an ihre Wahrheit.

Genau hier bleibt Bridle in seiner Argumentation allerdings stecken. Wenn die Wahrheit nicht in der Cloud liegt - wo liegt sie dann? Wenn die Cloud für den Menschen nicht zu verstehen ist - woher sollen wir dann wissen, dass sie sich vom menschlichen Denken unterscheidet? Der Autor fordert ein menschliches Denken, das vom Netz unabhängig ist. Wie aber soll sich der Mensch aus einem Denksystem befreien, das er selbst produziert hat?

Eines dieser festgefahrenen Denksysteme zeigte Bridle 2017 selbst in seinem Video "Autonomous Trap 001". Auf einem Parkplatz probierte er, wie sich ein selbstfahrendes Auto mit ein paar Farbstrichen einfangen lässt. Auf einem Parkplatz malte Bridle zwei kreisförmige Linien. Die äußere gestrichelt, die innere durchgezogen. Das Auto fuhr in den Kreis und kam nicht mehr raus. Der Grund: Die innere durchgezogene Linie hinderte den Autopiloten am Weiterfahren.

Bridle nannte die Installation in einem Interview eine "Falle" . Sie zeige, wie sich Maschinenintelligenz von menschlicher unterscheide. Man könnte aber auch sagen: Der Autopilot handelte genau so menschlich falsch, wie er programmiert war. In der Cloud hieße das: Übertragungsfehler.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.