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Nick Hornbys "Miss Blackpool": Revolte und Revolver

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"Miss Blackpool" von Nick Hornby Gehen wir zu mir oder sehen wir bei dir?

Als Fernseher noch der entscheidende Grund für Sex waren: In "Miss Blackpool" erzählt Nick Hornby die Geschichte der Sechziger - am Beispiel einer Schönheitskönigin, die TV-Star wird.

Als Verfasser des Fußballbuchs "Fever Pitch" und des Popromans "High Fidelity" hat es Nick Hornby geschafft, zwei typisch englische Themen derart zu vereinnahmen, dass man ihn selbst für einen archetypischen Engländer hielt; zumindest in Deutschland, wo sein Verlag keinen einzigen seiner Romantitel ins Deutsche übersetzt hat: "About A Boy", "A Long Way Down", "Juliet, Naked". Sein neuer Roman heißt hierzulande "Miss Blackpool", im Original allerdings "Funny Girl" - ob es irgendwo im deutschen Verlagswesen Verantwortliche gibt, die glauben, dass "die Leute" einen solchen Titel nicht verstehen?

"Miss Blackpool" spielt in den Sechzigerjahren. Jener Zeit, die so sehr Geburtsstunde aller modernen Großbritannienklischees ist, dass es, wenn man davon absieht, dass über die Sechzigerjahre alles gesagt ist, tatsächlich nur einen Autor geben kann, bei dem es zumindest folgerichtig erscheint, dass auch er es noch mal versucht: Nick Hornby.

Wie Matthew Weiner in "Mad Men" greift Hornby zum Trick, die Sechzigerjahre am Beispiel einer Branche zu erzählen. Was in "Mad Men" die Werber Manhattans waren, sind in "Miss Blackpool" die Fernsehleute der BBC. Jung sind sie, kreativ sind sie - und so sehr beseelt vom Willen alles ganz neu und ganz anders zu machen, dass sie sich als Hauptdarstellerin ihrer neuen witzigen Fernsehserie eine völlig unbekannte Nachwuchsdarstellerin aussuchen: Barbara Parker aus Blackpool hat es im unwirtlichsten aller nordenglischen Seebäder zur Schönheitskönigin gebracht, sich dann als Verkäuferin eines Londoner Kaufhauses vergeblich um Männerbeziehungen bemüht und wurde schließlich in einer Bar von einem Agenten entdeckt.

Blaue Strümpfe, verrutscht irgendwie

Es ist eine miefige, unglamouröse, technisch altmodische Welt, die Hornby beschreibt. Fast niemand hat ein Telefon und junge Frauen interessieren sich für Männer nur deshalb, weil sie hoffen, dass die zu Hause einen Fernseher haben. Die Ehen sind freudlos, die Partner entweder heimlich homosexuell, asexuell oder anderweitig verliebt. Man könnte fast sagen: "Miss Blackpool" ist lobenswert ernüchternd. Wäre da nicht die Hauptdarstellerin Barbara, die sich als Fernsehstar schnell Sophie Straw nennt. Sie hat einfach Glück, weil sie "die richtigen Menschen im richtigen Augenblick" trifft.

"Miss Blackpool" ist voll von derartigen Wendungen, die wohl kaum den Anspruch auf philosophische Tiefe erheben: "Schauspieler waren im großen und ganzen attraktiver als normale Menschen", "Prominente gab es wie Sand am Meer". Manchmal sind die Formulierungen in der Übersetzung auch einfach nur schief: "Edwinas Intelligenz stellt sich als ein wenig schwerfällig heraus, und ihre blauen Strümpfe sind voller unhinterfragter Annahmen und langer, knochiger Beine."

Nun wird Hornby von seinen Lesern nicht als brillanter Stilist geliebt, sondern als warmherziger, alltagsnaher Erzähler. Die Geschichte von "Miss Blackpool" leidet weniger unter sprachlichen Unzulänglichkeiten, als darunter, dass Hornby sich nicht auf die "Miss Blackpool", auf seine Hauptdarstellerin konzentriert. Beim Versuch, den Roman eines ganzen Milieus zu schreiben, verzettelt er sich in Nebenhandlungen, bei denen es um die Drehbuchautoren, den Produzenten, den männlichen Hauptdarsteller von Sophies Serie geht. Doch der Großteil dieser Nebenfiguren bleibt blass, die Schilderung des langsamen gesellschaftlichen Fortschritts in den Sechzigern austauschbar. Mal steht das Beatlesalbums "Revolver" für die entscheidende Zeitenwende. Man hat schon davon gehört, auch in "Mad Men".

Würde "Miss Blackpool" nicht ausgerechnet im Team einer besonders geistreichen Fernsehserie spielen, man könnte Nick Hornby vielleicht sogar die vielen ungelenken Dialoge verzeihen - kaum aber, dass er bei seinem Buch einfach das Ende weggelassen hat.

Wie immer, wenn ein Schriftsteller offenbar ratlos ist, auf welchen Schluss seine Geschichte zulaufen könnte, endet auch "Miss Blackpool" mit einem Epilog. Der Leser erfährt, wie es den Hauptfiguren bis in die Gegenwart ergangen ist. Ein Roman, der in seinen eigenen Wikipedia-Eintrag ausfranst.

Auf der vorletzten Seite liefert Hornby eine Erkenntnis, die das ganze Buch zusammen fasst: "'Es ist trotzdem nicht witzig', sagte Bill". Wären die Sechziger so dröge gewesen wie dieser Roman, sie wären längst vergessen.

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