Nietzsches 100. Todestag "Trend-Designer" des Individualismus

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat Nietzsche in seiner Rede anlässlich des 100. Todestages des Philosophen als einen "Trend-Designer" des Individualismus bezeichnet. Seine Leistung habe darin bestanden, aus dem "Zufall Nietzsche" ein "Ereignis Nietzsche" zu machen.


Nietzsche: Nazis wurden sein "klebrigstes Klientel"
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Nietzsche: Nazis wurden sein "klebrigstes Klientel"

Weimar - Sloterdijk hob in seinem Vortrag vor der Stiftung Weimarer Klassik hervor, dass Nietzsche kein Vater des Nationalsozialismus gewesen sei. Das müsse jeder wissen, der sich mit den Schriften des Philosophen auskenne. "Zu schneidend war Nietzsches Einsicht, dass es die Versuchung der Deutschen ist, sich nicht gut zu fühlen, wenn sie nicht ständig andere herabsetzen können", sagte der Karlsruher Professor.

Sloterdijk stellte aber auch die Frage in den Raum: "Hätte er nicht wissen können, dass aus dem Gesindel, das er zurückstieß, sein klebrigstes Klientel werden sollte?" In den "Werbefeldzügen der NS-Bewegung" habe der Philosoph nur deshalb eine Rolle spielen können, weil man seine unversöhnlich individualistischen und avantgardistischen Grundwertungen nicht beachtet habe.

Hitlers Erfolgsstrategie habe darin bestanden, "einen Pop-Nationalismus mit einem Event-Militarismus so zu verbinden, dass er die Massennarzissmen auf dem kürzesten Weg befriedigte". Für das "Kitsch-System der Nationalsozialisten" sei Nietzsche wegen seiner antideutschen, antikollektivistischen, antimilitaristischen und anti-antisemitischen Haltung ungeeignet gewesen, betonte Sloterdijk.

Nietzsche sei bei all seinen Ansprüchen auf Originalität in vielen Hinsichten ein "privilegiertes Medium zur Exekution von Zeittendenzen gewesen", die sich auch ohne ihn Bahn gebrochen hätten. Seine Leistung habe aber darin bestanden, den Zufall namens Nietzsche in ein Ereignis gleichen Namens umzuwandeln. In diesem Sinne sei er ein "Trend-Designer" gewesen.

"Der Trend, den er verkörperte und formte, war die individualistische Welle, die seit der Romantik unaufhaltsam durch die bürgerliche Gesellschaft ging und durch sie zu gehen nicht aufhört.", sagte Sloterdijk. Nietzsche habe verstanden, dass das unwiderstehlich kommende Leitphänomen in der Kultur von morgen das Bedürfnis sein würde, sich von der Masse zu unterscheiden.

Der weltberühmte Philosoph hatte die letzten drei Jahre seines Lebens in geistiger Umnachtung in Weimar verbracht und war dort 55-jährig am 25. August 1900 gestorben. Seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche hatte ihn gepflegt und ein Archiv für ihren Bruder errichtet. Sie unterhielt später auch Kontakte zu führenden Nationalsozialisten.



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