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Prächtige Familiensaga: Zwischen Sowjets und Schokolade

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Familiensaga "Das achte Leben" Der verführerische Geschmack heißer Schokolade

Der Roman des Jahres: Nino Haratischwilis "Das achte Leben" erzählt auf prächtige Weise von Liebe und Hass, Aufstieg und Fall des Kommunismus - und von einem Geheimrezept für Kakao, das nur die Frauen in der Familie kennen.
Von Thomas Andre

Die Frauen in diesem Riesenroman sind meistens Opfer, sie verblühen zu früh, sie müssen ins Exil, sie werden von Stalins Mörderbande getötet. Sie irren durch den weiten und grausamen Osten, um ihre Männer nach Hause zu holen, aber die Männer wollen zur Nomenklatura gehören. Sie zieht es nach Leningrad und Moskau.

In Nino Haratischwilis Saga "Das achte Leben (Für Brilka)" mag das weibliche Prinzip noch so sehr seine mütterlichen Instinkte ausspielen - es ist der Eindringling Russland, der die georgische Heimat der Jaschi-Sippe, von der Haratischwili in ihrem dritten Roman erzählt, mit seinen Welteroberungsplänen nimmt wie eine willfährige Frau. Der mächtigste Mann in Moskau ist Stalin, der selbst aus Georgien stammt und in diesem fünf Generationen umspannenden Epos nie namentlich auftaucht, sondern als "Generalissimus" - erkennbar ist er dennoch leicht.

Haratischwili, die 1983 in Tiflis geboren wurde und seit 2003 in Hamburg lebt, geht es in ihrem Tolstoische Ausmaße annehmenden Epos nicht nur um Aufstieg und Fall des Kommunismus. Sie bettet das von Tragödien und Triumphen, Liebe und Hass, von Anpassung, Verrat und Widerspruchsgeist berstende Familienbuch der Jaschis ein in die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts. Von der zaristischen Epoche bis ins Nachwende-Berlin, das ist ein gewaltiges Tableau: Und weil Haratischwili dieses mit ihren prächtig ausgeleuchteten Figuren und Szenen ganz ausgezeichnet bestückt, hat sie mit "Das achte Leben (Für Brilka)" in mancherlei Hinsicht den eigentlichen Roman des Jahres geschrieben.

Beinahe Seifenoper-hafter Pageturner

In einer Zeit, in der für viele längst das Kino und opulent ins Bild gesetzte TV-Serien die Narrativfunktion der Kunst übernommen haben, ist Haratischwilis Mammuttext auch ein Statement. Sie hat das Kunststück fertig gebracht, an den geschichtlichen Ereignissen entlang einen Pageturner zu schreiben, gerade weil sie die Wendepunkte und Brüche des Russenreichs in eine beinah Seifenoper-hafte Schicksalsgedrängtheit übersetzt.

Im Mittelpunkt der von der Ururenkelin Niza zusammen getragenen Chronik stehen die Geschwister Kostja und Kitty: Während jener als Apparatschik fest mit dem System verbunden ist, wird diese mit der Unbarmherzigkeit der Sowjetunion konfrontiert. Sie trägt das Kind eines georgischen Nationalisten im Bauch, der im Krieg an der Seite der Nazis kämpft. Die Reaktion des Machtapparats ist gnadenlos. Das Ungeborene wird Kitty herausoperiert. Auch sonst bleiben die Körper in diesem stoisch an die Erzählbarkeit auch schrecklicher Ereignisse glaubenden Buch nicht unversehrt. Am Ende ihres Lebens, das Kitty über weite Strecken als erfolgreiche Künstlerin in London verbringt, verfällt sie wie schätzungsweise zwei Drittel des Personals dem Alkohol.

Indem Haratischwili formal auf das strikte Nacheinander der Geschehnisse verlässt, unterstreicht sie die Kausalität der staatlichen Repressionen und deren Folgen für die Menschen. Manchmal mag sie es mit den Schicksalsschlägen übertreiben. Ganz sicher ist "Das achte Leben (Für Brilka)" auch eine Ästhetik des Unglücks, das von vagen Momenten des Glücks begleitet wird, deren Klebrigkeit in Szenen einer Art süßen Bonbonkitschs zutage tritt.

Wunderschöne Geliebte

Tatsächlich ist es der verführerische Geschmack heißer Schokolade, der den Gang der Handlung vorantreibt. Gegründet wurde die Dynastie der Jaschis auf einer Schokoladen-Manufaktur, und das Geheimrezept für das süchtig machende Getränk kennen nur die Frauen in der Familie. Auch in anderen Momenten zitiert Haratischwili den magischen Realismus der südamerikanischen Literatur.

Das Schicksal der Figuren ist stark mit der tatsächlichen Sowjet-Geschichte verbunden. Haratischwili recherchierte in Russland und Georgien auch die Lebensgeschichte des Geheimdienstchefs Lawrenti Beria, der im Roman als "Kleiner Großer Mann" auftritt und auf unheimliche Weise mit der zwar zerrissenen, aber durch Kostja Jaschis Bürokratendasein zur kommunistischen Bonzenschicht gehörenden Familie verbunden ist. Der mächtige Geheimdienstmann nimmt sich Kostjas und Kittys als wunderschön beschriebene Tante Christine zur Geliebten.

Eine Affäre, die Christine teuer zu stehen kommt. Wer in den Bannkreis des stalinistischen Systems gerät, der verliert seine Freiheit - und im Falle Christines seine Schönheit. Ihr nach einer Verzweiflungstat verätztes Gesicht ist die hässliche Fratze des Kommunismus. In einer ihrer vielen kühnen Volten lässt Haratischwili den monströsen Geheimdienstler zudem als heimlichen, unehelichen Vater eines hohen Kulturbeamten auftreten, der Kostjas einziger Freund ist und Kittys letzte Liebe wird.

Die im Titel dieses wagemutigen Romans auftauchende und mutterlos aufwachsende Brilka ist als Vertreterin der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zur Welt gekommenen Generation keineswegs frei. Hineingeboren in das postsowjetische Chaos, trägt auch sie die grausame Geschichte des Kontinents in ihrer DNA. Eine Diskontinuität der Erfahrung gibt es nicht, als Nachfahrin ist sie zumindest mittelbar vom Schicksal der Älteren betroffen.

Die Schriftstellerin Nino Haratischwili, die mit ihrem Debüt "Juja" 2010 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, mit "Mein sanfter Zwilling" eine mitreißenden Familienroman verfasste und als Dramatikerin mehrfach ausgezeichnet wurde, wurde selbst vom Strom der Ereignisse mitgerissen. Sie gehört zu den hoffnungsvollen deutschsprachigen Autorinnen ihrer Altersklasse. Als in eine Sprachgemeinschaft Eingewanderte hat sie eine Außenperspektive auf die Worte, die sie beim Schreiben benutzt. Es sind Worte, die einer Sprache angehören, die, wie sie es in "Das achte Leben (Für Brilka)" formuliert, "anfangs eisig und bitter" schmecke, dann aber ihren Geschmack "in den von Algen und dunkelgrünem Moos" verwandele , um anschließend "wieder streng, aber angenehmer" zu werden - "und später, viel später, schmeckte für mich das Deutsch nach reifen Kastanien und nach Höhe, ja, nach einer schwindelerregenden Höhe".