Stockholm Literaturnobelpreis geht an Abdulrazak Gurnah

Mit ihm hatte niemand gerechnet – der tansanische Schriftsteller Abdulrazak Gurnah gewinnt den Nobelpreis für Literatur. Die Jury lobte ihn für seine »kompromisslose und mitfühlende« Durchdringung der Auswirkungen des Kolonialismus.
Nobelpreisträger Gurnah

Nobelpreisträger Gurnah

Foto: Simone Padovani / Getty Images

Den Nobelpreis für Literatur erhält in diesem Jahr der tansanische Schriftsteller Abdulrazak Gurnah. Die Akademie lobte vor allem, dass er sich in seinem Werk kompromisslos mit den Auswirkungen des Kolonialismus auseinandersetzt, sowie mit dem Schicksal von Flüchtlingen, die eine »Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten« überwinden müssten.

Gurnah publizierte zehn Romane und zahlreiche Kurzgeschichten. Auf Deutsch erschien von Gurnah etwa »Das verlorene Paradies«. Damit gelang ihm der Durchbruch als Schriftsteller. Das Buch, so die Akademie, entstand aus einer Forschungsreise nach Ostafrika um 1990. Erzählt werden eine Coming-of-Age-Geschichte und eine traurige Liebesgeschichte, in der unterschiedliche Welten und Glaubenssysteme kollidieren.

Die koloniale Perspektive auf den Kopf stellen

Gurnah wurde 1948 geboren und wuchs auf der Insel Sansibar auf, kam aber Ende der Sechzigerjahre als Flüchtling nach England. Bis zu seiner jüngsten Emeritierung war er Professor für Englische und Postkoloniale Literaturen an der University of Kent, Canterbury. Erst 30 Jahre nach seiner Flucht konnte Gurnah zum ersten Mal wieder nach Sansibar zurückkehren.

Das Nobelkomitee lobt an Gurnahs Werk, dass er bewusst mit Konventionen breche, um die koloniale Perspektive auf den Kopf zu stellen. Sein Roman »Die Abtrünnigen« (2005) über eine Liebesaffäre werde so zu einem klaren Widerspruch zu dem, was er »die imperiale Romanze« genannt hat.

Als 21-Jähriger begann er im Exil zu schreiben. Obwohl Swahili seine Muttersprache ist, verfasste er sein Werk hauptsächlich auf Englisch. Der »Stuttgarter Zeitung« sagte Gurnah einmal, dass Literatur für ihn etwas Universelles sei, weshalb er auch nicht darauf achte, die Orte und Kulturen, die westlichen Lesern vielleicht fremd vorkommen würden, zu erklären: »Als ich mit fünf­zehn das erste Mal Anna Ka­re­ni­na las, weinte ich, ob­wohl ich nichts wusste über das Russ­land des 19. Jahr­hun­derts. Tol­stoi schreibt über mensch­li­che Ge­füh­le, die alle ver­ste­hen kön­nen.«

In einem Telefon-Interview mit einem Mitarbeiter des Nobelkomitees zeigte Gurnah sich äußerst überrascht. Er hatte die Nachricht für einen Streich gehalten, bis er dann selbst die Verkündung im Livestream sah.

Dotiert ist der Literaturnobelpreis mit zehn Millionen Kronen (rund 950.000 Euro), vergeben wird er von der Schwedischen Akademie. Letztes Jahr gewann die US-amerikanische Lyrikerin und Essayistin Louise Glück die Auszeichnung. Sie hatte damals nicht zu den Favoritinnen gezählt.

In den vergangenen Jahren prägten Skandale das Gremium. Unter anderem hatten 2017 insgesamt 18 Frauen gegen Jean-Claude Arnault, damals Leiter eines Akademie-nahen Kulturforums und Ehemann des damaligen Jurymitglieds Katarina Frostenson, Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung vorgebracht, Arnault wurde später wegen Vergewaltigung verurteilt. 2018 fiel die Vergabe aus.

Im Jahr darauf wurden deshalb zwei Preise vergeben: an die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk sowie an den Österreicher Peter Handke. Der Nobelpreis für Handke sorgte für internationale Kritik. Der Autor hatte sich während der Jugoslawienkriege mit Serbien solidarisiert und 2006 auf der Beerdigung des sechs Jahre zuvor gestürzten serbischen Ex-Diktators Slobodan Milošević eine Rede gehalten.

Der Preis für Literatur ist der vierte in dieser Woche vergebene Nobelpreis. Am Montag, Dienstag und Mittwoch waren bereits die Nobelpreise für Medizin, Physik und Chemie vergeben worden. Unter den Preisträgern sind auch der deutsche Klimaforscher Klaus Hasselmann und der deutsche Chemiker Benjamin List. Am Freitag wird der Friedensnobelpreis vergeben und am Montag die Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaften.

xvc
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