Nobelpreis für Orhan Pamuk West-östliches Nagelbrett

In der Türkei ist sein Werk umstritten, im Rest der Welt wird er als Mittler zwischen Orient und Okzident gefeiert. Nicht zuletzt wegen seines politischen Engagements wird Orhan Pamuk jetzt mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet – und das, obwohl er sich nach einem literarischen Elfenbeinturm sehnt.

Von Jenny Hoch


"Entschuldigen Sie bitte, dass ich so viel von Politik gesprochen habe. Die Welt, der ich angehören möchte, ist natürlich eine Welt der Phantasie." Orhan Pamuks Worte aus seiner Dankesrede für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im vergangenen Jahr machen das Dilemma dieses Autors deutlich: Als dezidiert politischer Schriftsteller, als der er nicht zuletzt wegen seiner deutlichen Worte zur Kurden- und Armenierpolitik seines Landes berühmt geworden ist, hat er sich nie gesehen. Zwar war er damals der erste Autor in der muslimischen Welt, der die Fatwa gegen Salman Rushdie verurteile, und auch mit dem angeklagten kurdischen Schriftsteller Yasar Kemal solidarisierte er sich sofort, doch in seinen Romanen lag er stets quer zu allen politischen Lagern.

Viel eher sieht sich Pamuk in der Tradition der großen Romanciers des 19. Jahrhunderts, als "Geschichtenerzähler von Istanbul". Tatsächlich schrieb er wie kein anderer über seine Geburtsstadt und entfaltete darüber hinaus in seinen Romanen ein schillerndes Panorama der osmanisch-türkischen Vergangenheit. Seine Religion sei die Literatur, sagte der in einer großbürgerlichen, europabegeisterten Familie aufgewachsene Pamuk einmal in einem Interview mit dem SPIEGEL. Am liebsten würde er sich, das hat er oft betont, aus der "öden, dumpfen, deprimierenden Welt" in eine "tiefere, vielfältige, reichere Welt" flüchten.

Doch die Stockholmer Akademie hat mit ihrer Entscheidung, den 54-jährigen Pamuk mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen, eine politische Entscheidung getroffen. Damit hat sie Pamuk endgültig zu dem gemacht, worum er sich nie gerissen hat: zu einem politischen Autor. Kurz nach Bekanntwerden der Entscheidung, artikulierte Pamuk sofort seine Sorge um feindselige Reaktionen in seiner Heimat: "Unglücklicherweise macht die Tatsache, dass ich als erster Türke den Nobelpreis erhalte, die Sache ganz besonders und politisch", sagte der Schriftsteller, "das könnte zu einer weiteren Belastung werden."

Dennoch ist die Wahl nicht nur als Signal für eine friedliche Annäherung von Orient und Okzident zu verstehen, sondern auch als Aufforderung zu weiteren Schritten in Richtung eines Beitritts der Türkei zur Europäischen Union. Dafür hat sich auch Pamuk stets ausgesprochen – wenn auch teilweise aus egoistischen Gründen: "Ich dachte, dass ich mich nie wieder mit Politik beschäftigen müsste, wenn die Türkei den Anforderungen der EU in Sachen Menschenrechte und Meinungsfreiheit erst genügen würde", sagte er in einem Interview mit der "FAZ".

"Damit haben wir wohl letztlich alle überrascht, freute sich Horace Engdahl, Sekretär der Nobel-Akademie, bei der Bekanntgabe des Preisträgers. Da ist was dran, denn die Weltöffentlichkeit hatte sich nach den umstrittenen Entscheidungen für Elfriede Jelinek und Harold Pinter in den vergangenen Jahren gerade daran gewöhnt, dass das derzeitige Komitee offenbar ein Faible für Außenseiter hegt. Andererseits ist die Wahl Orhan Pamuks wenig überraschend. Gegen diese Konsenswahl im positiven Sinn wird im europäischen Raum niemand etwas einzuwenden haben. In der Türkei ist das anders. Dort ist Pamuk höchst umstritten, nicht nur in nationalistischen Kreisen. Doch diese führen, seitdem Pamuk den Massen-Mord an Kurden und Armeniern im Osmanischen Reich offen angesprochen hat, eine Hasskampagne gegen den Schriftsteller, die in einer Anklage wegen "Schmähung des Türkentums" kulminierte. Das Gerichtsverfahren wurde allerdings im Januar dieses Jahres eingestellt.

Vermittler zwischen den Fronten

Die literarische Qualität des Werkes von Orhan Pamuk steht außer Frage. Seine Bücher werden mit großer Zuverlässigkeit zu internationalen Erfolgen, sie wurden bisher in 34 Sprachen übersetzt und mit Preisen überhäuft - in Deutschland unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Kritiker loben seine "verzaubernde Sprache" und seine "elegante" Erzählweise. Pamuk wird als derjenige Autor gefeiert, der seine Leser oft zum ersten Mal mit der türkischen Welt vertraut macht und ihnen osmanische Geschichte nahe bringt. Gerade deshalb entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass im Westen vor allem die politische Seite seiner Person und seines Werkes im Vordergrund steht. Mit dem eskapistischen Leben im literarischen Elfenbeinturm, das sich Pamuk in Interviews oft gewünscht hat, ist es jetzt wohl endgültig vorbei.

Anders als seine vorherigen historischen Romane, wie etwa "Das schwarze Buch" oder "Rot ist mein Name", ist lediglich sein jüngster Roman "Schnee" dezidiert politisch: Getarnt mit einem Krimi-Plot thematisiert Pamuk das Aufeinanderprallen der Fronten von Verwestlichung und Islamisierung in der stellvertretend für die ganze Türkei stehenden Stadt Kars. Das Bild der Türkei, das er in diesem Gesellschaftsportrait zeichnet, ist keineswegs positiv. Es zeigt ein zerrissenes, von Verrat und Verzweiflung gezeichnetes Land.

Erst im Dezember vergangenen Jahres wurde Pamuk auf dem Weg in den Gerichtssaal von gewalttätigen nationalistischen Demonstranten attackiert. Ein Jahr später, genau am 10. Dezember 2006, wird er vor den Augen der ganzen Welt mit der höchsten Auszeichnung geehrt, die ein Dichter bekommen kann. Orhan Pamuk wird dieses breite Spektrum an Erfahrungen sicherlich gefallen. Denn für ihn zählten niemals nur die Extrempole des Lebens. Er denkt nicht in den schmalen Kategorien von gut oder böse, Ost oder West, Eigenes oder Fremdes, sondern bemüht sich unermüdlich um gegenseitiges Verständnis: "Solange das Wesen und die Menschlichkeit anderer verdrängt und nicht dargestellt werden, ist es viel einfacher, sie ohne schlechtes Gewissen grausam zu behandeln." Solange es aber Schriftsteller wie Ohan Pamuk gibt, wird dieses schlechte Gewissen mit jedem seiner Worte ein Stückchen größer.



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