Nobelpreis für Vargas Llosa Lateinamerika feiert seinen Jahrhundert-Literaten

Er galt schon so lange als Mitfavorit, dass kaum noch jemand an die Ehrung glaubte. Jetzt ist die Freude über den Literaturnobelpreis für Mario Vargas Llosa in Lateinamerika riesig - der Autor selbst glaubte erst an einen "perversen Witz", als er von der Ehrung erfuhr.


Hamburg - "Dies ist ein großer Tag für Peru", schwärmte Perus Präsident Alan Garcia Perez. "Die Welt erkennt seine Intelligenz an, seine Liebe zu Freiheit und Demokratie." Mario Vargas Llosa bekommt den Literaturnobelpreis 2010 - und seine Heimat bricht in Jubelstürme aus.

"Peru und die Freiheit feiern", titelte die Zeitung "El Comercio" aus der Hauptstadt Lima. Die Entscheidung des Nobelpreiskomitees sei die beste Nachricht, mit der die Peruaner aufwachen konnten. Limas Erzbischof Juan Luis Cipriani Thorne würdigte den "mutigen und offenen Geist" des Schriftstellers. Vargas Llosas Sohn Álvaro sagte dem chilenischen Sender Radio Cooperativa, der Preis zeichne "eine Person aus, die sich mit Körper und Seele der Literatur gewidmet hat". Weil sich sein Vater für die Freiheit in Lateinamerika eingesetzt habe, sei die Ehrung auch eine Anerkennung der Freiheit.

Die Akademie würdigte damit den 74-Jährigen vor allem für seine Analyse der Machtstrukturen mit "messerscharfen Bildern". Er selbst hielt die Ehrung erst für einen Scherz: Er habe gedacht, es sei ein "perverser Witz", zitiert ihn die chilenische Zeitung "La Tercera". Der Madrider Zeitung "El Mundo" sagte er: "Ich kann es immer noch nicht glauben." Seine Frau habe früh am Morgen ein Telefongespräch entgegengenommen, dann gesagt, sie habe nicht verstanden, was der Anrufer wollte.

"Man rief mich bald darauf erneut an, und dann hat man mir gesagt, dass ich die Auszeichnung erhalten habe." Er sah sich offenbar selbst schon nicht mehr als hoffnungsvollen Kandidaten: "Seit mehreren Jahren war mein Name nicht mehr im Zusammenhang mit dem Nobelpreis genannt worden", zitiert ihn "El Mundo".

"Dieser Preis geht nicht nur an den Schriftsteller, er geht auch an sein Instrument, die spanische Sprache, diese wunderbare, energiereiche, kreative und moderne Sprache", sagte Llosa weiter. "Sie verbindet 500 Millionen Menschen auf der ganzen Welt mit unterschiedlichem Lebensstil und unterschiedlicher Kultur. Ich weiß nicht, ob ich ohne diese wunderbare Sprache überhaupt Schriftsteller geworden wäre."

Preis sorgt für neues Bild von Lateinamerika

Der Preis an ihn rücke zugleich die lateinamerikanische Literatur in den Blickpunkt. "Lange hat der Rest der Welt die Kultur Lateinamerikas einfach ignoriert. Diese Länder standen für viele für Diktatoren, Katastrophen und Revolutionen. Das hat sich Gott sei Dank geändert. Mittlerweile weiß die Welt, dass es hier auch Maler, Musiker und Denker gibt. Ja, und auch Schriftsteller."

Überall in Lateinamerika gab es nun begeisterte Reaktionen. Die argentinische Zeitung "La Nación" hob das "umfassende und vielfältige Werk" des Schriftstellers hervor. Die mexikanische Zeitung "El Universal" rief dazu auf, jeder Leser möge mitteilen, welches Buch von Vargas Llosa er am liebsten gelesen habe.

Sein Werk sei monumental dank seines "intellektuelles Feuers", urteilte der kolumbianische Schriftsteller Héctor Abad Faciolince. Und auch sein früherer Freund und späterer Rivale Gabriel García Márquez meldete sich offenbar per Twitter - mit einem Wort: "Gleichstand". Der Kolumbianer gewann den Preis 1982, als bis jetzt letzter Südamerikaner.

Westerwelle gratuliert

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) schickte Glückwünsche: "Mit diesem Preis wird ein Werk von herausragender dichterischer Kraft ausgezeichnet, das auch ein Zeugnis Ihres tief empfundenen politischen Engagements für eine freiheitlich verfasste Gesellschaft ist." Vargas Llosa habe nicht davor zurückgeschreckt, sich direkt einzumischen und politische Verantwortung anzustreben. Vargas Llosa habe immer wieder Unterdrückung, Korruption und die Arroganz der Mächtigen wortgewaltig kritisiert. "Ihre engagierten Äußerungen zu aktuellen Themen haben als Plädoyer für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit Wirkung gezeigt", schrieb der Außenminister.

Suhrkamp-Verlag im Glück

Bei Vargas Llosas deutschem Verlag wurde gejubelt. "Wir sind alle im Glück", sagte Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz auf der Frankfurter Buchmesse. "Es ist eine wunderbare Entscheidung." Vargas Llosa sei "ein ganz großer Erzähler seiner Zeit. Er hat den Satz geprägt: 'Literatura es fuego' (Literatur ist Feuer) - und genauso sind seine Werke". Der Schriftsteller stehe "für das politische und historische Gedächtnis, er steht für eine bessere Welt".

Berühmte Werke von Vargas Llosa
1967: "Das grüne Haus"
Der aus einer Erzählung entwickelte Roman "La Casa Verde" schildert am Beispiel eines Provinzbordells das Scheitern von Menschen an den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen Südamerikas. Mehr...
1962: "Die Stadt und die Hunde"
Vargas Llosa schreibt in dem Roman, auf Spanisch "La ciudad y los perros", über das Überleben der jungen Schüler in Limas Militärakademie unter einem menschenverachtenden Erziehungsregime.
1969: "Gespräch in der Kathedrale"
In "Conversación en la Catedral" werden zwei Lebensgeschichten in der Zeit des peruanischen Diktators Manuel Odría von 1948 bis 1965 zu einer dichten Geflecht über Korruption und Machtmissbrauch verwoben.
1973: "Der Hauptmann und sein Frauenbataillon"
Der Soldat Pantaleón Pantoja versucht in dem Roman "Pantaleón y las visitadoras", ein Prostituierten-"Services" für die Armee im peruanischen Urwald einzurichten.
1981: "Der Krieg am Ende der Welt"
Vargas Llosa erzählt in "La Guerra del Fin del Mundo" von einem historisch verbürgten Volksaufstand Ende des 19. Jahrhunderts im brasilianischen Nordosten - ein von Gewalt und Grausamkeit gezeichnetes Panorama über die Anfänge der Republik Brasilien.
1993: "Der Fisch im Wasser"
In seiner Autobiografie "El pez en el agua" schildert er neben Kindheit und Jugend in Lateinamerika sowie Exil in Europa auch die Auseinandersetzung mit dem Establishment in seiner Heimat und seine gescheiterte Kandidatur für das Präsidentenamt Perus. Mehr...
1993: "Tod in den Anden"
Mit "Lituma en los Andes" beschreibt Vargas Llosa den täglichen Überlebenskampf der Bauern und Indios Perus, die im Kampf maoistischer Rebellen gegen Sicherheitskräfte zwischen die Fronten geraten. Mehr...
2000: "Das Fest des Ziegenbocks"
Der Roman "La Fieste del Chivo" über den 1961 von Attentätern getöteten dominikanischen Diktator Rafael Trujillo ist eine Parabel über die Faszination der Macht. Mehr...
2004: "Das Paradies ist anderswo"
Vargas Llosa folgt in "El Paraíso en la otra esquina" den Spuren des nach Tahiti gereisten französischen Malers Paul Gauguin und dessen revolutionärer Großmutter - und erforscht dabei deren Utopien, die zugleich Menschheitsutopien sind. Mehr...

Die deutsche Literaturexpertin Michi Strausfeld freute sich "riesig - das ist wohlverdient". Die Hispanistin hatte als Literatur-Scout Vargas Llosa 1980 für den Suhrkamp Verlag gewonnen und ihn jahrzehntelang betreut. Jürgen Dormagen, Vargas Llosas langjähriger Lektor in Deutschland, lobte die Werke als einzigartig und "außerordentlich lebendig": "Er hat es wie kein anderer verstanden, das Leben in Peru und die Gewalt, die das Leben bedeutet, in seinen Werken nachzuzeichnen." Besonders sein Buch "Das Fest des Ziegenbocks" lasse den Urtypus des lateinamerikanischen Diktators "derartig spürbar werden, dass es dem Leser unter die Haut geht".

"Ein kluger, politischer, wunderbarer Autor"

Der deutsche Literkritiker Marcel Reich-Ranicki findet die Entscheidung zwar "gar nicht so dumm" - Vargas Llosa sei ein guter Schriftsteller. Zu Begeisterungsstürmen ließ er sich dennoch nicht hinreißen: "Man soll ihn nicht so hoch hängen und gleich von Flaubert reden, das wäre übertrieben."

Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck, lobte den Preisträger, fand aber auch kritische Worte. Vargas Llosa habe sich "in seinem Werk und in seinen politischen Einlassungen immer deutlich positioniert und für die Einhaltung der Menschenrechte nicht nur in Lateinamerika eingesetzt. Seine Wandlung vom Revolutionär zum konservativen Kritiker jeglicher linker Politik und zum Marktliberalen hat mich jedoch stets irritiert."

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels beglückwünschte Vargas Llosa als "einen der letzten Großen der Generation lateinamerikanischer Autoren, die den Boom erzeugt haben, mit dem die lateinamerikanische Literatur in den Blick Europas kam. Ein kluger, politischer, wunderbarer Autor und Erzähler", sagte Gottfried Honnefelder. 1996 hatte der Verein Vargas Llosa mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Suhrkamp-Geschäftsführer Thomas Sparr teilte unterdessen mit, dass er keinen Lieferengpass für die Werke Mario Vargas Llosas erwartet: "Wir halten mehrere zehntausend Bücher vor. Wir sind auf eine große Nachfrage vorbereitet."

ore/kgp/dpa

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
saul7 07.10.2010
1. ++
Zitat von sysopDer peruanische Präsident ist begeistert:*Sein Land feiert den Literaturnobelpreis für*Mario Vargas Llosa. In ganz Lateinamerika sorgte die Nachricht für Freude.*Llosas deutscher Verlag zeigte sich beglückt - aber es gab auch vorsichtige Kritik. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,721845,00.html
Es ist keine so schlechte Wahl! Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass Philip Roth diesmal endlich den Preis bekommen hätte. Er wird wohl darüber hinwegsterben...Schade!
.Wajakla. 07.10.2010
2. Liberalismus!
Yay! Ein großer Liberaler erhält einen Preis, dessen er würdig ist. Auszug aus dem FAZ-Artikel: >>Es ist nicht gut und vielleicht ein historischer Fehler, dass in Deutschland seit einigen Jahren Liberalismus nur mit Wirtschaftsliberalismus assoziiert wird. Dadurch konnte es geschehen, dass die große Tradition des liberalen Gedankens wie der Bewusstseinskern des Kapitalismus selbst wirken konnte. "Diese Sicht der Dinge", so schreibt Llosa, "ist nicht weniger dumm, als das, was die Marxisten einst gepredigt haben. Die Marxisten erklären alles ökonomisch, und mache Liberale glauben, der Markt könne aller Probleme Herr werden. Aber kein einziger großer Liberaler hat so primitiv argumentiert."
Tuxeedo 07.10.2010
3. Erklärung
Kann mir mal irgendwer erklären, warum jedes Jahr gebetsmühlenartig aufgeheult wird, daß nicht Philip Roth den Preis gekriegt hat? Als sei Philip Roth der bedeutendste Autor der Welt... Am witzigsten ist meist Marcel RR, der seit gefühlten 36 Jahren für Mr Roth trommelt, und sich oft genug wie ein maulendes Kind gebärdet, daß die Schweden schon wieder nicht auf ihn gehört haben.
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