Nobelpreis-Jury Streit um bedrohten Autor Saviano

In "Gomorrha" beschrieb er die Methoden der Mafia, seitdem lebt Roberto Saviano in Angst - und soll jetzt mit dem Tod bedroht worden sein. Schriftsteller fordern eine Stellungnahme der Nobelpreis-Jury. Doch in Stockholm streitet man lieber.


Stockholm - Anfang Oktober hatte Roberto Saviano seinen Entschluss gefasst: "Ich werde Italien verlassen, zumindest für einige Zeit, dann sehen wir weiter", sagte der italienische Autor der Zeitung "La Repubblica".

Schriftsteller Saviano: Leben in ständiger Angst
AFP

Schriftsteller Saviano: Leben in ständiger Angst

Zuvor hatte die Zeitung unter Berufung auf ein abtrünniges Mafia-Mitglied berichtet, die Verbrecherorganisation Camorra wolle Saviano noch vor Weihnachten mitsamt seinen Bodyguards ermorden. Grund: Sein Buch "Gomorrha" habe "zu viel Lärm gemacht".

Öffentlich formiert sich derzeit Unterstützung für den Schriftsteller - und auch die Nobelpreis-Juroren sind gefordert: Wie die Zeitung "Svenska Dagbladet" am Donnerstag berichtete, hat die in der Schwedischen Akademie vertretene Autorin Kerstin Ekman eine öffentlich Stellungnahme der Jury zugunsten des Italieners verlangt.

Ekman verwies dabei auch auf einen Aufruf, den unter anderem der Nobelpreisträger Günter Grass und sein türkischer Kollege Orhan Pamuk mit veröffentlicht hatten.

Horace Engdahl, der Ständige Sekretär der Nobelpreis-Jury, lehnte die Forderung jedoch ab und nannte die Drohungen gegen Saviano "eine Polizeiangelegenheit und keine Frage mit Blick auf die Verteidigung der Meinungsfreiheit".

Damit droht dem Gremium, das vor knapp zwei Wochen den Literaturnobelpreis dem Franzosen Jean-Marie Le Clézio zuerkannt hatte, ein ähnlicher Streit wie um den britischen Schriftsteller Salman Rushdie.

Auch damals hatte Ekman den Protest angeführt: So hatte sie zusammen mit einem weiteren Juror ihre Mitarbeit in der Akademie 1989 eingestellt, weil ihre damalige Forderung nach öffentlicher Solidarität mit dem durch "Todesurteile" islamistischer Fundamentalisten bedrohten Rushdie abgewiesen worden war. Da Mitgliedschaften in der Akademie auf Lebenszeit gelten, gehört die Autorin jedoch weiter nominell zur 18-köpfigen Nobelpreis-Jury.

Ekman wertete ihren damaligen Protest als Erfolg. In einem Beitrag für die Zeitung "Expressen" schrieb die Autorin, die Akademie habe ihre Haltung zu Rushdie inzwischen "geändert" und sich danach auch zur Verfolgung der Schriftstellerin Taslima Nasreen aus Bangladesch geäußert.

Zum Fall Saviano sagte Ekman, der Schriftsteller habe "Mut gezeigt gegenüber der Gewalt von Gangstern, die ihn genau wie andere zuvor umbringen lassen können".

"Um Gottes Willen, die Bedrohung schreibender Menschen geht uns doch wohl alle an!", schloss Ekman ihre Aufforderung an die Akademie.

In einer Mail an "Svenska Dagbladet" erklärte Engdahl indes seine ablehnende Haltung damit, dass "es keine gegensätzlichen Ansichten hierbei gibt, was richtig und was falsch ist". Der italienische Staat denke über die Drohungen gegen Saviano genauso wie die Schwedische Akademie.

ber/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.