Nobelpreisträger gegen "FAZ" Grass erwirkt einstweilige Verfügung

Erst vergangene Woche hatte Günter Grass die Blattmacher der "FAZ" auf der Buchmesse dafür angegriffen, ohne sein Einverständnis private Briefe veröffentlicht zu haben. Jetzt hatte er vor dem Landgericht Berlin mit seiner Klage auf Urheberschutz Erfolg.


Berlin/Frankfurt am Main – Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" darf zwei Briefe, die Günter Grass in den Jahren 1969 und 1970 an den früheren Bundeswirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller (1911-1994) geschrieben hatte, nicht mehr in großen Wortlautauszügen verbreiten. Die Zeitung hatte die Korrespondenzen am 29. September veröffentlicht. Grass hatte Schiller darin gedrängt, seine NSDAP- und SA-Vergangenheit öffentlich zuzugeben. Diese Briefe hatten vor dem Hintergrund des späten Geständnisses des Schriftstellers, in seiner Jugend Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, zu weiteren Diskussionen geführt.

Kläger Grass: Urheberrecht verletzt
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Kläger Grass: Urheberrecht verletzt

"Die Briefe genießen Urheberschutz" und betreffen auch das allgemeine Persönlichkeitsrecht, begründete der Richter des Landgerichts Berlin seine Entscheidung. Das Gericht erklärte, dass persönliche Briefe unter den Urheberschutz fallen, wenn sie "Ausdruck einer individuellen Schöpfung sind." Das müssten keine "hochgeistigen Erzeugnisse literarischer Prägung" sein - entscheidend sei, dass sie sich "durch die Art der Sprachgestaltung oder Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen, kulturellen, politischen oder sonstigen Fragen von gewöhnlichen Briefen abheben." Die Diskussion um Grass' Mitgliedschaft bei der Waffen-SS rechtfertige kein "dringendes Bedürfnis an der wörtlichen Wiedergabe großer Teile der Briefe", entschied der Richter, daher bestehe kein öffentliches Interesse an großen Auszügen aus den Briefen.

Die "FAZ" hatte sich aus genau diesem Grund für die Publikation entschieden. Es gehe um die Glaubwürdigkeit einer öffentlichen Person - dies stehe über den Persönlichkeitsrechten des Autors. Die darin enthaltenen Äußerungen stünden in einem "offenkundigen Widerspruch zum eigenen Verhalten" von Grass und die Öffentlichkeit habe ein Recht darauf, dies zu erfahren, sagte die "FAZ". Der Geschäftsführer der Zeitung, Roland Gerschermann, hatte betont, dass die Briefe nicht an den Privatmann Schiller, sondern an seine Dienstadresse adressiert waren. Die Briefe werden außerdem in einer Dissertation zitiert. Auf die Frage, ob sich die Zeitung mit Grass einigen werde, hatte Mitherausgeber Frank Schirrmacher gegenüber dem SPIEGEL geantwortet: "Nein. Herr Grass kann uns gern verklagen. Wir sehen dem Verfahren gelassen entgegen." Die "FAZ" will das Urteil prüfen und wahrscheinlich Widerspruch einlegen. Gerschermann sagte, er habe die Urteilsbegründung noch nicht lesen können.

Grass hatte den Blattmachern bereits am vergangenen Freitag auf der Buchmesse vorgeworfen, sein Urheberrecht verletzt zu haben. Die Briefe seien "persönlich" und daher nicht für eine Veröffentlichung bestimmt. Weiterhin hatte er das Blatt angegriffen, indem er den Machern vorhielt, mit den Methoden der "Bild"-Zeitung zu arbeiten. Er sei enttäuscht, wie die Zeitung mit seinen Erinnerungen an den Krieg umgegangen sei, sagte der Schriftsteller. Er habe der "FAZ" nicht gestanden, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein - dies stehe im Buch, so Grass. Die "FAZ" habe Teile seiner Autobiografie "wider bessere Kenntnis" zu einem Bekenntnis gemacht.

amg/dpa



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