Psychostück aus der österreichischen Provinz Das Ende ist Nähe

Religiöse Verirrung und Schuldkomplex in der österreichischen Provinz: In seinem Roman "Eine Ahnung vom Anfang" erzählt Norbert Gstrein von einer verhängnisvollen Beziehung zwischen Schüler und Lehrer.

Romanthema österreichisches Hinterland: Verblasene Erlöserphantasien
TVB Wald - Königsleiten

Romanthema österreichisches Hinterland: Verblasene Erlöserphantasien

Von Thomas Andre


Ein verklemmter Jesus-Fan stellt in dem etwas betulich betitelten Roman "Eine Ahnung vom Anfang" den Fluchtpunkt aller Projektionen dar. Eine rätselhaft verkorkste Figur namens Daniel, die nach dem Abitur in einem österreichischem Kaff nichts mit sich anzufangen weiß. Aus lauter Langeweile hält er es anscheinend für eine gute Idee, mit seinem Lehrer abzuhängen. Der versorgt ihn mit Lesestoff und gründelt mit dem Teenager über tiefere Sinnschichten des Lebens.

Der idyllische Sommer an einem Mühlenhäuschen am Fluss ist aber nur das Vorspiel dieses Psychostücks, das auf der Longlist des Deutschen Buchpreises steht. Auf der ist Norbert Gstrein einer der bekanntesten Autoren, aber auch der, der am gemächlichsten erzählt - wenn der Roman auch mit einem Aufsehen erregenden Ereignis beginnt: Jahre nach der Begegnung mit seinem Lehrer steht Daniel im Verdacht, eine Bombenattrappe mit messianischer Botschaft ("Kehret um") auf dem Dorfbahnhof hinterlassen zu haben. Ein terroristischer Akt? In dem Örtchen herrscht Aufruhr - und aufgrund der alten Verbindung wird der Lehrer argwöhnisch beäugt.

Während Daniel schon länger von der Bildfläche verschwunden ist, stiefelt sein ehemaliger Lehrer störrisch zwischen Dorfschenke, Lehrerzimmer und Naturidyll umher: Er will seinen Ex-Schüler, den er ohnehin idealisiert, nicht aufgeben. Dabei verstrickt er sich tief in die eigene Vergangenheit. In der Erzählgegenwart taucht die seltsame Schülerfigur gar nicht auf; sie ist nur noch Gegenstand von Vermutungen - nicht zuletzt denen des Lehrers selbst. Der ist der eigentliche Protagonist des Buchs. Denn es geht in "Eine Ahnung vom Anfang", dessen Handlung sich nur über wenige Tage erstreckt, nicht um die Verirrungen eines Heranwachsenden und vermeintlich Radikalisierten, sondern um die Frage, wie viel Nähe ein Erzieher zu seinem Schüler zulassen darf.

Familie von Selbstmördern

Der pädagogische Eros ist zuletzt derart oft Thema der deutschsprachigen Literatur gewesen, dass man fast schon von einem Fetisch sprechen kann: Judith Schalansky ("Der Hals der Giraffe"), Nina Bußmann ("Große Ferien"), Jan Böttcher ("Das Lied vom Tun und Lassen") - sie alle schrieben Romane über die verhängnisvolle Nähe zwischen Lehrern und Schülern.

Jetzt also lässt der in Hamburg lebende österreichische Schriftsteller Gstrein, Jahrgang 1961, seine Hauptfigur in ein fatales Abhängigkeitsverhältnis mit einem Schüler stolpern. Der Pädagoge spielt im Buch die Rolle des aufgeklärten Vernunftmenschen, der umgeben ist von Drama und Verirrung: Er entstammt einer Familie von Selbstmördern und projiziert, angetrieben von einem Schuldkomplex, seine Geschichte des Verlusts auf den vaterlos aufwachsenden Daniel. Der wiederum hat viele verblasene Erlöserphantasien und wenig erotischen Erfolg beim anderen Geschlecht. Außerdem trifft er auf einen falschen Propheten in Person eines sinistren amerikanischen Reverends, der als Gegenspieler des Lehrers auftritt und unbescholtene Dorfmenschen auf den rechten Weg bringen will. Beim religiös empfänglichen Daniel geht seine Saat auf.

Das gesamte Personal in "Eine Ahnung vom Anfang" ist eine eher spaßbefreite Ansammlung von Charakteren, eine Armee von Trauerklößen. Jeder hat etwas verloren, mindestens seine Lebensträume, seine Heimat, oft sogar einen geliebten Menschen. In dieser Lesart ist Gstreins Buch eine kunstvolle Ausgestaltung der Unglücksfälle, die einen Menschen treffen können. Als Surrogat, das Leerstellen besetzt, bleibt oft nur der Glaube.

Religiöses Brodeln in der Provinz, eine bedrückende Enge der Gemeinschaft, die sich in einem Einzelnen einen Sündenbock sucht: So ähnlich kennt man das auch aus Jan Brandts brillantem Debüt "Gegen die Welt". Auch dort heißt der Verstoßene Daniel und ist ein wandelndes Rätsel.

Formal geht Gstrein in seiner Verrätselung des Outsiders noch etwas weiter. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des Lehrers, dessen Antrieb im Fortgang der Handlung allerdings selbst immer schleierhafter wird. So erscheint er immer mehr als weltfremder Sonderling mit homoerotischen Anwandlungen; letzteres ein Motiv, das in Schulromanen selten fehlen darf. Gstreins Erzählweise ist psychologisch angelegt, der Autor lässt den Lehrer ausschweifend über sich selbst und die Gesellschaft reden - und schafft es paradoxerweise doch, die Bedingungen seiner Existenz zu vernebeln. Eine Technik, die den Protagonisten Auswege lässt. "Eine Ahnung von Anfang" ist ein Buch über das Verschwinden, ein Roman der Entsagung im Diesseits - und doch wacht Gott hier über niemanden.

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