Octave Mirbeaus "628-E8" Blendgranate zwischen Buchdeckeln

Endlich auf Deutsch: Octave Mirbeaus Dekonstruktions-Großtat "628-E8", die nur vordergründig eine Art Reisebuch ist. Ein unerhörter Meilenstein der Literaturgeschichte.

Octave Mirbeau, etwa 1895: Blendgranate zwischen Buchdeckeln
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Octave Mirbeau, etwa 1895: Blendgranate zwischen Buchdeckeln


Octave Mirbeau ist ein missverstandener Meister. Wer ihn in Deutschland kennt, wird vermutlich "Tagebuch einer Kammerzofe" gelesen haben, vielleicht noch "Der Garten der Qualen". Vielleicht hat er ihn danach als schlüpfrigen Grenzgänger abgetan, als Exzentriker, der mit Lust und einem gewissen Fingerspitzengefühl Perversionen schildert.

Nun endlich erscheint sein Meisterwerk erstmals auf Deutsch. Es lässt das literarische Schaffen dieses Autors in neuem Licht erscheinen.

"628-E8" ist der Titel des Buches aus dem Jahr 1907 - benannt nach dem Nummernschild des Autos, mit dem der Autor durch Europa fährt. Ein Reise-Tagebuch also?

Nein. "628-E8" ist eine Blendgranate zwischen Buchdeckeln. "Ein wenig" schreibt Mirbeau in "628-E8", handele das Buch von einer Reise durch Frankreich, Holland, Belgien, Deutschland, aber "vor allem ein wenig von mir selbst". Später stellt er in Frage, ob es "ein Tagebuch", ob es "überhaupt eine Reise" sei. Oder nicht eher "Träume, Träumereien, Erinnerungen, Impressionen, Erzählungen".

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  • Octave Mirbeau (Autor), Dirk Dahmer (Fotograf):
    628-E8

    Aus dem Französischen von Wieland Grommes.

    Weidle; 602 Seiten; 29 Euro.

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Vor dem von Zeile zu Zeile schweifenden Auge des Leser dekonstruiert Mirbeau lustvoll sein Buch. Er legt Fährten, führt den Leser auf Holzwege, errichtet komplexe Gedankengebäude, um sie im nächsten Absatz mit einer Pointe fortzuwischen. So offenbart er ganz nebenbei das poetische Programm dieses grandiosen Experiments: Die Zerstörung des Romans.

Schon 1891 schrieb der Autor einem Freund: "Die Minderwertigkeit des Romans als Ausdruckmittel widert mich an." Lieber wollte er Bücher "reiner Gedanken und Empfindungen ohne den Rahmen des Romans" schreiben.

Was klingt wie das Rezept für ein sperriges Machwerk, wird in den Händen Mirbeaus zu einem gewitzten, kurzweiligen, unerhörten, ebenso bizarren wie bösartigen Meilenstein der Literaturgeschichte.

Mirbeau zitiert lustvoll lange Gespräche mit Freunden und Bekannten und erzählt von seinem urkomischen Chauffeur und Mechaniker Charles-Louis-Eugene Brossette. Er berichtet darüber, welche Tiere bei der Autofahrt am häufigsten aus eigener Blödheit überfahren werden und kürt den Menschen zum Sieger dieses Wettstreits. Er zieht schamlos über sein Heimatland oder den deutschen Kaiser her. Und wie aus dem Nichts taucht plötzlich ein rund 50-seitiger Exkurs über den Tod von Balzac auf, in dem der Autor reichlich Schmutzwäsche hervorkramt - dies löste in Frankreich einen Skandal aus.

Die Schändung eines literarischen Nationalheiligtums, die Verächtlichmachung eines Landes oder gleich des Menschen an sich: All diese Teile des Werkes entpuppen sich als Gespinste des Autors. Die Freunde, mit denen er spricht, existieren gar nicht, die Skandale, die er über Balzac offenbart, sind zum Teil Fiktion. Und sein Chauffeur hieß in Wirklichkeit Paul Taillebois.

So ist "628-E8" auf den ersten Blick ein merkwürdiger Reisebericht, auf den zweiten ein herrliches Wirrwarr - und auf den dritten ein Meisterwerk der Dekonstruktion.

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