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Debatte über Text eines Täters Verlag stoppt Auslieferung eines Sammelbandes über Männlichkeit

Sollte ein Mann über einen sexuellen Übergriff schreiben, den er begangen hat – obwohl die Betroffene es nicht wünschte? Diese Frage führte den Kanon Verlag nun dazu, seinen Sammelband »Oh Boy« vom Markt zu nehmen.
Symbolbild für Abwehr: »Eine Überschreitung körperlicher, nicht bloß verbaler, Grenzen«

Symbolbild für Abwehr: »Eine Überschreitung körperlicher, nicht bloß verbaler, Grenzen«

Foto: Getty Images

Was ist passiert?

Der Berliner Kanon Verlag hat zum Wochenende die Auslieferung seines Sammelbandes »Oh Boy. Männlichkeit*en heute« gestoppt. Alle digitalen Formate und eventuelle Nachauflagen des Buches werde es nur noch ohne den Beitrag »Ein glücklicher Mensch« geben, hieß es in einer Stellungnahme, die der Verlag auf seiner Website und via Instagram verbreitete.

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Damit reagiert der Verlag auf Reaktionen, die sich nach einem gekürzten Abdruck des Beitrags von Mitherausgeber Valentin Moritz im Schweizer Magazin »Annabelle« verstärkt hatten. Er war dort überschrieben mit der Zeile »Männlichkeit: Ich will kein Täter sein – aber ich bin einer«. Inzwischen ist der Text auf der Website von »Annabelle« ebenfalls gelöscht .

Worum geht es?

»Oh Boy. Männlichkeit*en heute« wurde am 12. Juli veröffentlicht. Der Sammelband umfasst 18 »mutige Selbstbefragungen« – unter anderem von Kim D’Horizon, 2022 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, sowie die dafür nominierten Philipp Winkler und Mithu Sanyal (die das Nachwort beigesteuert hat). Auch der aktuelle Belletristik-Preisträger der Leipziger Buchmesse, Dinçer Güçyeter, ist dabei. Herausgeber sind der Schweizer Autor Donat Blum und Valentin Moritz aus Deutschland, der seinen eigenen Beitrag »Ein glücklicher Mensch« betitelte.

Auf eine Instagram-Nachricht des Verlags, die die Veröffentlichung feierte , antwortete eine Person mit dem Nutzernamen y_walove, die darin schrieb, sie sei im Mai 2022 Betroffene eines sexuellen Übergriffs durch Valentin Moritz geworden. »Ich habe ihm ausdrücklich nach dem Übergriff gesagt, dass ich NICHT möchte, dass er seine gewaltvolle Aneignung meines Körpers als Gegenstand seines Textes im Buch verwendet«, schrieb y_walove – und rief zum Boykott des Buches auf.

Erst auf Nachhaken der Initiative »Keine Show für Täter«, Wochen später, kündigte der Verlag eine Stellungnahme an. Die kam am vergangenen Donnerstag. »Anschuldigungen und Boykottaufrufe über ein anonymes Profil sowie einen nicht-personalisierten Instagram-Account« hätten den Verlag erreicht. In der geäußerten Kritik werde »besonders die fehlende Opferperspektive betont. Dies ist der Wahrung von Privat- und Intimsphären geschuldet, gibt aber zu Recht Anlass zur Kritik. Wir nehmen diese Kritik sehr ernst.«

Was steht in dem Text?

Der Text setze sich auf literarische Weise mit patriarchaler Gewalt auseinander, hieß es weiter in der ersten Reaktion des Verlags: »Der Erzähler sucht darin eine Sprache für männliche Täterschaft.« Ob und wie über sexualisierte Gewalt aus Täterperspektive gesprochen werden sollte, sei »eine hochkomplexe Frage, deren Beantwortung viel Schmerz verursachen kann. Aber die unserer Ansicht nach gestellt werden muss.«

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In seinem Beitrag »Ein glücklicher Mensch« nimmt Moritz lange Anlauf, um das zu benennen, was passiert ist. »Ich rede noch immer um den heißen Brei herum. Dabei glüht der ganze Text längst vor Schamesröte. Wieso kann ich es nicht aussprechen, endlich dem monströsen Elefanten im Raum einen Namen geben?«, schreibt er. Später heißt es dann: »Ich will kein Täter sein, aber ich bin mindestens einmal einer geworden: Ich habe einen sexualisierten Übergriff begangen.« Der Schriftsteller versucht in dem Text auszuloten, wie es dazu kommen konnte: »Es war keine Vergewaltigung, bei Weitem nicht. Aber eine Überschreitung körperlicher, nicht bloß verbaler, Grenzen. Anstatt einen Konsens einzuholen und mich der Frau zuzuwenden, habe ich mich über sie erhoben und nur auf meine Lust gehört.«

Wie geht es weiter?

In einem Kommentar zum ursprünglichen Post hatte Moritz Ende der Woche dann angekündigt, dem Verlag nahezulegen, bei kommenden Auflagen auf einen Abdruck seines Textes zu verzichten. Er behauptete, sein Vorschusshonorar bereits vor Drucklegung an eine Organisation gespendet zu haben, »die Frauen und Zugehörige anderer Geschlechtsidentitäten in Fällen von sexualisierter Gewalt berät«. So wolle er auch mit etwaigen weiteren Gewinnen aus dem Buch verfahren.

In der Zwischenzeit meldeten sich zwölf andere Autoren des Sammelbandes zu Wort. Sie haben sich vom Text inzwischen distanziert, unter anderem Jayrôme C. Robinet, Kristof Magnusson, Daniel Schreiber, Deniz Utlu, Peter Wawerzinek und Philipp Winkler. In ihrem Statement schreiben sie, sie hätten nicht gewusst, »dass entgegen des ausdrücklichen Wunsches der betroffenen Person ein sexualisierter Übergriff Gegenstand eines Textes in dieser Anthologie wurde«. Sie wollen daher an der Verbreitung der vorliegenden Version des Buches nicht weiter mitwirken.

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Wie reagiert der Verlag?

Der Kanon Verlag beschloss in der Folge, den Vertrieb zu stoppen und schrieb über Valentin Moritz’ Text: »Wir sind zu der Erkenntnis gelangt, dass dessen Veröffentlichung ein Fehler war.« Der Verlag räumt in seiner Stellungnahme ein, während des Entstehungsprozesses von »Oh Boy« schon von einem tatsächlichen Vorfall gewusst zu haben. Valentin Moritz habe mitgeteilt, dass es eine Betroffene gebe und diese nicht wünsche, dass er einen Text über den Vorfall verfasse.

Man habe dann mit den Herausgebern einen Weg gesucht, dennoch einen »Text über ein Tabuthema zu ermöglichen, in dem es um Scham, Reue und Prägungen geht«. Dieser Weg habe sich als »nicht richtig« erwiesen. »Für diese Fehlentscheidung und die dadurch entstandenen Verletzungen möchten wir aufrichtig um Entschuldigung bitten«, schreibt der Verlag, insbesondere bei der Betroffenen.

»Wir bedanken uns für die ausführlichen Kommentare und die konstruktive Kritik, die uns in den letzten Stunden erreicht haben«, schließt die Stellungnahme. Man nehme sie sich sehr zu Herzen für die zukünftige Verlagsarbeit.

feb