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03. Juli 2013, 11:17 Uhr

"Huck Finn" als Graphic Novel

Platz frei, ich bring 'ne Lady mit!

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Vom Mississippi an die Saale: Die junge Zeichnerin Olivia Vieweg hat den Klassiker "Huckleberry Finn" von Mark Twain nach Ostdeutschland verlegt. Eine warmherzige, lässige, hochsommerliche Graphic Novel, in der Huck ein Mädchen aus dem Eroscenter retten will.

"Mississippi" heißt hier nur ein Bordell. Anders als Mark Twains Roman "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" spielt Olivia Viewegs Graphic Novel "Huck Finn" nicht in den US-amerikanischen Südstaaten des späten 19. Jahrhunderts, sondern im Ostdeutschland der Gegenwart.

Die Geschichte beginnt in Halle an der Saale. Hier lebt Finn, ein schlaksiger Halbwüchsiger, seit dem Tod seiner Mutter bei einer Witwe. Während die beim Jugendamt stolz von den Fortschritten ihres Pflegesohns berichtet, streunt Finn durch das Ödland von Halle-Neustadt - und lernt, als er am Hinterausgang eines Eroscenters gegen die Wand pinkelt, ein Mädchen kennen.

Bei Mark Twain war es ein entlaufener Sklave, mit dem sich Huck Finn auf die Reise machte. Bei Olivia Vieweg, einer 25-jährigen Zeichnerin, die mit dem Zombie-Comic "Endzeit" und mit Mangas eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, ist aus Jim ein Mädchen namens Jin geworden: Eine junge Asiatin, die im "Mississippi" anschafft, ein Opfer des zeitgenössischen Menschenhandels. Über die Saale wollen die beiden zur Elbe und dann nach Hamburg.

Undogmatisch, antipädagogisch, human

Mark Twains "Huckleberry Finn" ist einer der großen US-amerikanischen Romane des späten 19. Jahrhunderts. Mag das Buch auch eher auf einem Fluss als "on the road" spielen - mit seiner Konzeption nahm Twain fast im Alleingang zwei der prägenden Genres des 20. Jahrhunderts vorweg: Road Novel und Road Movie.

Ins Deutsche lässt sich "Huckleberry Finn" aufgrund des darin verwendeten Slangs bis heute nur schwer originalgetreu übertragen. Dafür taugte es als Vorbild für zumindest eine höchst erfolgreiche Adaption: Wolfgang Herrndorfs Millionenseller "Tschick".

Olivia Vieweg macht aus den Vorgaben von Twains Roman das Beste: Auf Slang-Spielereien, die "Huckleberry Finn" in der deutschsprachigen Romanübersetzung stets ein wenig erzwungen wirken lassen, verzichtet sie. Die Grundstruktur der Geschichte setzt sie weniger frei um als Herrndorf in "Tschick", doch entwickelt ihr Comic derartigen Zauber, dass auch die schwächeren Passagen von Twains Plot - besonders die Familienfehde, in die Finn und Jin geraten - zumindest nicht stören. Schließlich ist auch ihr "Huck Finn" von einer undogmatischen, antipädagogischen und dabei umso humaneren Haltung getragen, die Twains Buch zu einem Klassiker gemacht hat, der fast 120 Jahre nach seinem Erscheinen noch immer lebendig wirkt.

Das liegt vor allem am Zeichenstil: Eigenständig, warmherzig, sehr atmosphärisch und derart lässig, dass man in die Geschichte ebenso schnell eintaucht wie Finn in die Saale. Vieweg hat es offenbar nicht nötig, ihr Selbstverständnis als ambitionierte Künstlerin durch eine prätentiöse Bildsprache unter Beweis zu stellen.

Die Hauptfiguren sind schlicht und liebenswert gezeichnet, sie verfügen über eine ausdrucksstarke Mimik. Durch die Farbgebung, die sich auf Rottöne beschränkt - Vieweg hat mit der Illustratorin Ines Korth zusammengearbeitet - entsteht eine sagenhaft hochsommerliche Stimmung. Die sozialen Hintergründe - von Alkoholismus über sexuelle Ausbeutung bis zur Deindustrialisierung Ostdeutschlands - deutet Vieweg dezent an. Ihre Graphic Novel ist, wie Twains Buch, für alle Altersgruppen geeignet: von 9 bis 99.

Und wie bei Twain ist zuletzt die Freundschaft wichtiger als die Bindung an eine dysfunktionale Familie, das gilt eben für Abenteuer auf dem Mississippi und für Abenteuer auf der Saale. Nur ein Handy hatte Huck damals noch nicht. Lässig rauchend ruft er im Comic Tom Sawyer an: "Halt einen Extra-Platz frei, ich bring 'ne Lady mit."

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Sam Byers' "Idiopathie", Hermann Lenz' "Neue Zeit", Kurt Krömers "Ein Ausflug nach wohin eigentlich keiner will", Paul Auster, J.M. Coetzee: "Here and Now", Joey Goebels "Ich gegen Osborne", David Bainbridges "Wir Middle-Ager"und Christoph Höhtkers "Die schreckliche Wirklichkeit des Lebens an meiner Seite"

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