Online-Literatur Die Party ist vorbei

Das literarische Online-Projekt "pool" gibt es nicht mehr. Zum Abschluss bringen die Initiatoren mit "The Buch" ein Nebenprodukt des bunten Netz-Treibens heraus, während im Internet auch weiterhin munter mit allen möglichen Formen der Literatur experimentiert wird

Von Jörg Schallenberg


Was vom "Pool" übrig blieb: The Buch

Was vom "Pool" übrig blieb: The Buch

"War schön so, gut und völlig unwichtig." Mit diesen Worten beendeten die Schriftsteller Elke Naters und Sven Lager im Juni eines der umfangreichsten und am prominentesten besetzten Internet-Literaturprojekte im deutschsprachigen Raum. Vor zwei Jahren starteten die beiden den "pool", in dem Schriftsteller und Journalisten, aber auch Fotografen und andere Künstler schreiben sollten - ohne nennenswerte inhaltliche Beschränkungen. Fest stand nur die grundlegende Überlegung, dass im "pool" vor allem kurze, schnelle, flüchtige Gedanken Platz finden sollten, die es bis in die vergleichsweise trägen Medien Buch oder Zeitung wohl nie geschafft hätten.

Die Gedanken flossen reichlich. Fast jeden Tag meldeten sich einige der am Ende mehr als 30 Teilnehmer zu Wort, es entrollte sich ein ständig verändernder Text, der sich aus Dialogen, Monologen, Diskussionen, Fragmenten, Gedichten, Skizzen, Fotos und kleinen Erzählungen speiste und fast so etwas wie ein Alltagstagebuch wurde, das manche banal, oberflächlich und belanglos fanden, viele aber als eine authentische, dynamische und neue Form der Kommunikation schätzten - was auch an der Qualität der Teilnehmer lag.

Eckhart Nickel, Christian Kracht, Georg M. Oswald oder Carmen von Samson tauschten ihre Gedanken u.a. mit Andrian Kreye, dem New Yorker Korrespondenten der "Süddeutschen Zeitung", "SZ-Magazin"-Starschreiber Moritz von Uslar oder dem Schweizer Tom Kummer, Experte für Borderline-Interviews.

Ob dabei Literatur oder tatsächlich eine neue Internet-Literatur entstanden ist, bezweifelt Initiator (und Mitschreiber) Sven Lager allerdings: "'pool' war kein Literaturprojekt, oder doch? Von vornherein Literatur im Netz machen zu wollen, ist etwas für Ehrgeizige. Das Internet ist, was das betrifft, eine Schule des Scheiterns. Es entsteht vielmehr eine Vermischung von Literatur, Kunst, Film und Musik." Und, laut Lager, ein angenehm frischer Nebeneffekt: "Die Literatur wird dabei ein wenig entlüftet. Es gibt viel zu viel Kunsthandwerk und junge Autoren, die schreiben wie aus Pommern vertriebene Landjunker. Im Netz gibt es zwar auch viel Müll, aber darunter finden sich manchmal Perlen."

Es ist allerdings gar nicht so leicht, diese zu entdecken, denn in den vergangenen Jahren hat sich im Internet eine längst unübersichtliche Anzahl von Projekten mit ganz unterschiedlichen Ansätzen rund um die Literatur entwickelt. Ähnlich wie der "pool" ist das "Forum der 13" angelegt, in dem etwa Tanja Dückers, Norbert Niemann, Thorsten Krämer und Georg M. Oswald schreiben. Allerdings geht es im "Forum" nicht so bunt und kurz zu wie im "pool", stattdessen beherrschen mitunter sehr tief schürfende Theorietraktate über Literatur, Politik, Gott und die Welt das Bild.

Verrisse, Verrisse, Verrisse: "Lit-Ex"-Seite im Internet

Verrisse, Verrisse, Verrisse: "Lit-Ex"-Seite im Internet

Im "tage-bau" hingegen veröffentlichen rund 50 registrierte Autoren jeweils einen Beitrag zum aktuellen Tag - so soll ein gemeinsames Tagebuch entstehen. Auf einen Zeitraum von 24 Stunden konzentriert sich "23.40 - Das kollektive Gedächtnis", das insgesamt 1440 Texte zu jeder Minute eines einzigen, fiktiven Tages versammeln will. Hier kann, wie bei zahlreichen anderen Projekten auch, jeder schreiben, der möchte. Das österreichische "house" ist ein experimenteller Kunst- und Kommunikationsraum, und in München veröffentlichen zwei Exzentriker ein vergnügliches Magazin namens "Lit-Ex", das nur Verrisse publiziert. Es gibt von Sammlungen erotischer Kurzgeschichten bis zu einer "Lyrik vom Wiehern des Mondes". Nichts, was es nicht gibt.

Nur den "pool", den gibt es nicht mehr, denn, wie Lager und Naters auf der letzten Seite ihres Taschenbuchs schreiben, es haben "sich alle sattgesehen oder sind gegangen. Die Gastgeber tragen die Aschenbecher weg. Wir wollten es immer als Party verstehen, irgendwann machen wir die nächste." Allerdings erscheint pünktlich zum Ende des "pools" nun "The Buch", das viele Texte von "pool"-Autoren versammelt - und ebenfalls im Internet entstand. Sven Lager: "The Buch war organischer als der 'pool', in dem linear geschrieben wurde. Jeder konnte über ein Jahr die Arbeit der anderen mitverfolgen und seinen Text immer wieder ändern."

Die Texte des Buches sind trotzdem, im Gegensatz zum "pool", kaum aufeinander bezogen, dafür wirkt ihre Ansammlung aber genauso vielfältig, banal, genial und hoffnungslos durcheinander. Und dass Cathy Skene und Elke Naters statt des in der Literatur klassischen Briefwechsels nun eine hastige E-Mail-Korrespondenz veröffentlichen, könnte sogar doch noch einen neuen Stil schaffen.

Sven Lager/Elke Naters (Hrsg.): "The Buch - Leben am Pool"; Kiepenheuer & Witsch, Köln; 378 Seiten; 25,50 Mark



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