Oscar Wilde Später Tribut an den Dichter-Dandy

Von jungen Lesern neu entdeckt und von der Gay-Community zum Märtyrer erhoben, wird Oscar Wilde immer umfassender rehabilitiert. Bücher, Hörspiele, Tagungen und Comics ehren den 100. Todestag des irischen Poeten.
Von Timo Hoffmann

Als ihn in einer kleinen Kammer des schlichten Pariser Hotels "D'Alsace" die Spätfolgen einer verschleppten Mittelohrentzündung quälten, konnte von Ästhetizismus keine Rede mehr sein: Aufgedunsen, von Hautausschlag entstellt und seit Wochen unrasiert hatte Oscar Wilde zuletzt sogar selbst bemerkt, "immer mehr einem großen Affen" zu gleichen. Nicht einmal mehr sein Name klang geschwungen und poetisch: Aus dem Zuchthaus entlassen, hatte er sich zur Tarnung schon 1897 in Sebastian Melmoth umbenannt. Doch erst am 30. November 1900 um 13.50 Uhr entkam er, 46 Jahre alt, endgültig der Hetzjagd, mit der ihn die spätviktorianische Gesellschaft verfolgt hatte.

So jämmerlich Wilde nach der zweijährigen Strafe für homosexuelle Beziehungen - gesundheitlich, moralisch und finanziell ruiniert - zu Grunde ging, so pompös wird er nun, zum 100. Todestag, öffentlich rehabilitiert: Besonders die Briten zollen dem gebürtigen Iren mit Ausstellungen, Lesungen, Symposien, Theateraufführungen und Buchveröffentlichungen so demonstrativ Respekt, dass der Verdacht aufkommt, es handele sich um einen Fall nationaler Vergangenheitsbewältigung. Überall mittendrin: Wildes Enkel und emsiger Gralshüter Merlin Holland, federführend auch bei zwei der drei derzeitigen Ausstellungen in London.

Von den Sammlungen im Barbican Centre  (bis 12. Januar 2001), im Geffrye Museum  (bis 21. Februar 2001) und in der British Library  (bis 4. Februar 2001) steht vor allem Letztere im Rampenlicht. Denn dort ist das über 50 Jahre lang unauffindbare und erst vor zwei Wochen mysteriös aufgetauchte Aquarell zu bestaunen, das Toulouse-Lautrec 1895 kurz vor Wildes Prozessbeginn von ihm anfertigte. Ein Privatmann, der anonym bleiben will, behauptet die Tageszeitung "Guardian", habe es zur Verfügung gestellt.

Ehrender Eifer ist auch hier zu Lande zu beobachten. Ebenfalls "auf das Datum reagieren" wollte Angela diCiriaco-Sussdorff, Dramaturgin des WDR. Mit Hilfe eines Regisseurs, eines Komponisten und namhaften Sprechern wie Axel Milberg hat sie Wildes einzigen Roman "The Picture Of Dorian Gray" als dreiteiliges Hörspiel inszeniert und ist sich sicher, damit "nicht nur die hohen Würdenträger der Literatur" zu erreichen: "Denn er hat Themen benutzt, die jeden beschäftigen: Leben, Liebe und Tod."

Dass sich inzwischen überwiegend junge Forscher dem Sohn eines Arztes und einer Lyrikerin zuwenden, berichtet der Dresdener Anglistik-Professor Uwe Böker, dessen Einladung zu einer Wilde-Konferenz im September 50 Kollegen folgten, teilweise aus Neuseeland, den USA, Russland und Ungarn. Böker ahnt: "Er hat den Dissens vorweggenommen, der heute die Gesellschaft prägt."

Denn im Kampf für ihre Rechte kommt der globalen Gay-Community die Wilde-Renaissance gerade recht. Er sei vorsichtig dabei, Idole zu ernennen, holt Hans-Jürgen Köster vom kleinen Hamburger Schwulen-Verlag MännerschwarmSkript  aus. "Aber durch die Art und Weise, wie Wilde sein Leben geführt hat, ist er ein Vorbild."

Was eine humorvolle Huldigung nicht ausschließt: Während große Verlage wie Suhrkamp und Ullstein mit neu aufgelegten Gesamtausgaben oder neuen Biografien aufwarten, bringt MännerschwarmSkript den Originaltext des Bühnenstücks "The Importance Of Being Earnest" als Comic im "Tim und Struppi"-Stil heraus.

Das große Gedenken bahnte sich schon an, als vor drei Jahren Brian Gilberts Film-Biografie "Oscar Wilde" in die Kinos kam. Beworben vom Slogan "The Story Of The First Modern Man", brillierte darin der bekennend homosexuelle Schauspieler, Autor und geistige wie optische Wilde-Epigone Stephen Fry in der Rolle seines Lebens - auch wenn der biologische Nachfolger Holland schimpfte, der Streifen hinterlasse bei Laien "den Eindruck eines Mannes, der nur mit jungen Männern ins Bett sprang". Aber wie lautet doch einer der Myriaden von Wildes schlauen Sinnsprüchen: "Verwandte sind nichts als eine Gesellschaft von Leuten, die keine Ahnung davon haben, wie man leben soll, noch den Takt besitzen, zur rechten Zeit zu sterben."

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