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Neue Bilderbücher: Wiedersehen mit Onkel Willi

Foto: Doro Göbel; Peter Knorr/ Beltz & Gelberg

Neue Bilderbücher Grüne Haare und splitterfasernackt

In den Kitas wird derzeit an den Osterkörbchen gebastelt. Natürlich gehören Schokoladen-Eier hinein - aber am besten in Kombination mit einem nicht ganz so süßen Buch. Aber welches? Wir haben da ein paar Tipps.

Das Wimmelbuch

Man kann nur vermuten, dass die Illustratoren Doro Göbel und Peter Knorr nicht wussten, was sie taten, als sie ihr neues Wimmelbuch konzipierten: "Unser Zuhause" dreht sich um neun kreisförmig angeordnete Häuser und deren Bewohner, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Das Buch beginnt frühmorgens mit dem Haus von Juli und Caspar, die ein Baby erwarten. Dann geht die Reise gegen den Uhrzeigersinn rund um den Block, auf jeder Seite steht ein Haus im Fokus, die anderen sind im Anschnitt oder gar nicht zu sehen. Auf der letzten Doppelseite ist es Nacht, und Juli und Caspar kehren mit dem Neugeborenen aus dem Krankenhaus zurück. In das Haus, das jeweils im Mittelpunkt des Bildes steht, kann man hineinschauen, die Fassade fehlt.

Mit "Unser Zuhause" kann man sich stundenlang beschäftigen, denn es gibt rund 30 Protagonisten, die auf fast jedem Bild zu sehen sind - von der kleinen Pauline, die mit ihrem Großvater einen Baum pflanzt, über Ludmilla, die auf der Suche ist nach jemandem, der ihre Stehlampe repariert, bis zu Alfred, der ein kleines Karussell auf dem Platz in der Mitte der Häuser betreibt. Und auch Onkel Willi, der schon in den Vorgängern "Der Ausflug" und "Was machen die da?"aufgetaucht ist, ist wieder dabei mit Leo, Leonie und Huhn Helga. Und dann gibt es noch lauter Nebengeschichten, zum Beispiel vom Kita-Häschen, das vom Marder ermordet und von den Kindern dann begraben wird. Farbenprächtig, detailmächtig, außerdem spannend, mal anrührend, mal lustig und originell - besser kann ein Wimmelbuch nicht sein.

Das pädagogische Buch

Rally und Lyra sind beste Kita-Freundinnen, und sie besuchen sich auch nach der Kita gerne. Aber an einem Freitag vergisst Rally ihren Lieblingsteddy Nalla bei Lyra. Doch statt den Teddy am Montag zurückzugeben, behält Lyra ihn: "Nalla ist so süß", denkt Lyra und kuschelt ihn in ihr Bett.

Natürlich hat Lyra ein schlechtes Gewissen, aber der Wunsch, den weichen Teddy zu behalten, ist größer. Auch wenn sie sieht, wie traurig Rally ist. Lyra ist schließlich so geplagt von Gewissensbissen, dass sie sogar wütend auf Rally ist, weil die ihren Teddy so vermisst. Ein paar Tage später aber besucht Rally wieder einmal ihre Freundin Lyra, und sie findet den Teddy. Rally ist überglücklich. Und am Ende bietet Rally ihrer Freundin an, dass sie sich das Kuscheltier teilen.

"Lyra ist ganz heimlich" der Schwedinnen Marie Norin (Text) und Emma Adbåge (Illustration) ist gezeichnet im fröhlichen Krickelkrakel-Stil, der ein bisschen an "Willy Wiberg" erinnert. Ja, es ist ein pädagogisch wertvolles Buch: Der Konflikt, dass ein kleines Kind das Spielzeug eines anderen Kindes unwiderstehlich findet und einsteckt, ist klassisch und damit realistisch. Dass ein Kind anbietet, sein Lieblingsspielzeug zu teilen, ist eher Pädagogik nach dem Prinzip: Lernen am Vorbild. Aber bei diesem Bilderbuch geht das in Ordnung, denn der Text ist ganz nah am Denken und Fühlen von Kleinkindern. Sie werden sich verstanden fühlen.

Das unpädagogische Buch

Riesige Kulleraugen, wüste, ewig lange grüne Haare und splitterfasernackt: So sieht die kleine Heldin in "Wild" aus, das gezeichnet und geschrieben ist von der in England lebenden Hawaiianerin Emily Hughes. Dieses Mädchen wächst in einem Wald auf, es wird von den Tieren groß gezogen. Von den Raben lernt sie das Sprechen, also "kra, kraaa", von den Bären das Lachsfangen, von den Füchsen das Spielen. "Sie verstand alles und war glücklich."

Doch dann wird sie von Menschen gefunden und von einem Psychiater aufgenommen, der ihr Sprechen beibringen will und das Leben in der Zivilisation. Aber sie mag keine Kleider, sie braucht kein Besteck, sondern beißt auf dem Tisch sitzend in ihr Steak, und sie möchte auch nicht mit Puppen spielen, sondern lieber Puppen zerstören. Da beschließt sie, in den Wald zurückzukehren, und sie nimmt Hund und Katz gleich mit.

"Ein zeitgemäßer Nachfolger von Maurice Sendaks ,Wo die wilden Kerle wohnen'", schreibt der Verlag auf der Rückseite des Buchs. Na ja, das ist dann doch ziemlich anmaßend, die psychoanalytische Tiefe hat "Wild" nicht. Aber das Buch ist faszinierend schön und eigenwillig und wild gezeichnet, und man versteht auf den ersten Blick, warum Emily Hughes einen Preis für Kinderbuchillustration gewonnen hat. Das Buch mit seinem Lob der individuellen Freiheit liegt ziemlich quer zu allen "Kinder brauchen Grenzen"-Pädagogen. Den Kindern selbst aber könnte die Botschaft gut gefallen.

Das lehrreiche Buch

Mit jeder Saison erscheinen neue Tierlexika und Tier-Sachbücher. Die meisten sind ernsthaft und biologisch orientiert. Die Schweizerin Adrienne Barman legt mit "Walross, Spatz und Beutelteufel" ein Werk vor, das im Untertitel treffend als "Sammelsurium" bezeichnet wird. Denn sie ordnet in ihren sehr bunten, humorvollen Zeichnungen die Tiere in Gruppen. Da gibt es die Tauchkünstler wie das Flusspferd, das fünf bis zehn Minuten schafft, und den Mississippi-Alligator, der 60 Minuten unter Wasser bleibt. Es gibt die Gezähmten, die Schlauen, die Langhälse und die Langohren, die Großfamilien, die Treuen und die Einzelgänger, die Verschwundenen und die Bedrohten.

Das Wunderbare an diesem Buch ist, dass man die Tiere plötzlich mit einem ganz anderen Blick sieht. Was zum Beispiel verbindet den Floh mit dem atlantischen Lachs? Beide können super springen. Was hat die Erdkröte mit dem Pfau gemein? Sie sind "spektakuläre Verführer". Und so fängt man beim Betrachten der Bilder automatisch an, über die Tiere zu sprechen, über ihr Verhalten, ihre Lebensweise und ihre Eigenheiten.

Da ist von den Eltern allerdings ziemliche Allgemeinbildung gefordert, denn es werden Fragen kommen. Wieso der Chinesische Flussdelfin 2006 ausgestorben ist, das ist nicht schwer zu raten, auch wenn man es nicht weiß: weil die Flüsse zu dreckig waren. Was aber brachte den Rußmamo 1907 zum Verschwinden? Da hilft im Zweifelsfall eine schnelle Internetverbindung zu Wikipedia: Eingeschleppte Tiere haben seinen Lebensraum auf Hawaii zerstört und die Eier gefressen.


Buchangaben:
Doro Göbel/Peter Knorr: Unser Zuhause - Eine Wimmelbilder-Geschichte. Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim; 16 Seiten; 12,95 Euro.
Marie Norin/Emma Adbåge: Lyra ist ganz heimlich. rororo rotfuchs; Reinbek; 30 Seiten; 12,99 Euro.
Emily Hughes: Wild. Sauerländer Verlag, Frankfurt/Main; 40 Seiten; 14,99 Euro.
Adrienne Barman: Walross, Spatz und Beutelteufel - Das große Sammelsurium der Tiere. Aladin Verlag, Hamburg; 216 Seiten; 24,90 Euro.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.