Preußler und die Kinderbuchdebatte Sprachkampf um die "Hexe"

Darf man das Wort "Negerlein" heute noch drucken? Der Name des nun verstorbenen Autors Otfried Preußler stand im Mittelpunkt einer Debatte um veraltete Sprache im Kinderbuch. Leidenschaftlich geführt wurde die Auseinandersetzung vor allem aus einem Grund: Alle lieben "Die kleine Hexe".
"Die kleine Hexe" von Otfried Preußler: Geliebt mit oder ohne "Negerlein"

"Die kleine Hexe" von Otfried Preußler: Geliebt mit oder ohne "Negerlein"

Foto: Thienemann Verlag

Wer nichts wusste über Otfried Preußler, wer keines seiner Bücher gelesen oder vorgelesen bekommen hat, der konnte in den vergangenen Wochen den völlig falschen Eindruck bekommen, Preußler sei ein schlimmer Rassist gewesen: Die Feuilletons stritten in der Debatte um Sprache im Kinderbuch am Beispiel der "Kleinen Hexe" von Otfried Preußler darum, ob Kinderbuchklassiker nachträglich verändert werden sollten (oder eben nicht dürften), weil (oder obwohl) sie Vokabeln enthielten, die zur Entstehungszeit der Bücher noch als harmlos und allgemein gebräuchlich galten, nach heutigem Verständnis aber verletzend und ausgrenzend sind.

Ausgelöst wurde diese Debatte durch die Entscheidung des Stuttgarter Thienemann Verlags, in Neuausgaben von "Die kleine Hexe" das Wort "Negerlein" zu streichen, das dort bisher gestanden hatte - in einer Karnevalsszene zur Beschreibung von Faschingsverkleidungen einer Gruppe von Kindern.

Niemand hat Preußler jemals Rassismus unterstellt

Die Debatte wogte hin und her, auf der einen Seite standen jene, die gegen Ausgrenzung und für einen bewussten, kritischen Umgang mit der Sprache sind, auf der anderen Seite die Verteidiger der Kunstfreiheit und der Unverletzlichkeit des Werkes. Zwischendurch wurde auch laut "Zensur!" gerufen und mit dem Grundgesetz gewedelt. Preußler selbst hat sich an dieser Debatte nicht beteiligt.

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Foto: Peter Kneffel/ picture alliance / dpa

Otfried Preußler hatte sich lange gegen eine nachträgliche Änderung seines Werks gestemmt - was aus Sicht eines Schriftstellers durchaus nachvollziehbar ist, denn kein Autor lässt sich gerne Korrekturen diktieren. Mit der Zeit sei bei Preußler aber die Einsicht gewachsen, dass die Authentizität des Werkes der sprachlichen Weiterentwicklung untergeordnet werden muss, sagte der Verleger Klaus Willberg Anfang 2013 der "taz" . 

Mit ausschlaggebend für die Zustimmung Preußlers (beziehungsweise der Familie des hochbetagten Autors) zur Streichung war offenbar ein Leserbrief von Mekonnen Mesghena an den Verlag. Mesghena, Leiter des Referats Migration & Diversity bei der Heinrich-Böll-Stiftung, hatte sich über "rassistische und ausschließende" Begriffe in Preußlers Buch beschwert. Darauf gestoßen war er, als er seiner siebenjährigen Tochter aus dem Kinderbuch vorgelesen hatte.

Und das ist an dieser Stelle, nach dem Tod Otfried Preußlers, deutlich hervorzuheben: Niemand hat dem herausragenden Autor Preußler jemals Rassismus unterstellt. Es ging allein um die Anpassung des 1958 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichneten, millionenfach verkauften, gelesenen und vorgelesenen Klassikers an den heutigen Sprachgebrauch - und um deren Zulässigkeit.

Die Debatte wurde denn auch nur aus einem einzigen Grund so leidenschaftlich geführt. Einem Grund, der eigentlich ein Kompliment ist für Otfried Preußler: Ob Befürworter oder Gegner der Änderung - alle lieben "Die kleine Hexe".

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