Storys von Ottessa Moshfegh Ganz schön hässlich

Wer Hygge sucht, ist bei US-Autorin Ottessa Moshfegh an der falschen Adresse. Sie erzählt hoffnungslose Geschichten von verpfuschten Leben - und das brillant.
Szene in US-Provinzstadt: Moshfegh beschreibt Figuren vom Rand oder aus der Mitte der Gesellschaft

Szene in US-Provinzstadt: Moshfegh beschreibt Figuren vom Rand oder aus der Mitte der Gesellschaft

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Scott Olson/ Getty Images

Jedes Jahr in den Sommerferien zieht es die geschiedene Lehrerin, Ich-Erzählerin der Geschichte "Ich mische mich unters gemeine Volk", nach Alna, ein heruntergekommenes Provinznest, wie es Tausende in den USA gibt. Die meisten Geschäfte haben längst dichtgemacht, nur an Fast-Food-Läden ist kein Mangel. Und an Drogen. Dreimal die Woche besorgt sich die namenlose Erzählerin bei den "Zombies" in der Toilette des Busbahnhofs Stoff. Ansonsten tut sie möglichst wenig in diesen Sommerwochen, sie genießt und teilt das Desinteresse der Bewohner Alnas, einer Stadt deren Trostlosigkeit für sie "etwas Tröstliches" hat.

Ein bisschen wirkt diese Geschichte aus Ottessa Moshfeghs Storyband "Heimweh nach einer anderen Welt", in den USA bereits 2017 erschienen, wie eine Vorstudie zu ihrem Roman "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" aus dem Jahr 2018, der ihr auch hierzulande große Aufmerksamkeit einbrachte. Darin erzählt die heute 38-jährige US-Amerikanerin von einer jungen New Yorkerin, die mithilfe von Psychopharmaka Schlaf und Vergessen sucht; und selten war es so aufregend, jemandem beim Nichtstun zu beobachten.

Das Gefühl der Entfremdung, irgendwie nicht von dieser Welt zu sein, teilen die meisten der Figuren in den 14 Geschichten dieser Sammlung, die bis auf eine Ausnahme zuvor in diversen Magazinen, darunter "Vice", "The New Yorker und "The Paris Review", erschienen sind. Moshfeghs Protagonisten sind Geschiedene und Witwer, Rentner und Pubertierende, Trinker und Drogensüchtige, Figuren vom Rand oder aus der Mitte der Gesellschaft, sie leben in Metropolen oder Kleinstädten.

Doch egal, welchen Alters sie sind und welcher Schicht sie angehören, sie alle sind Versehrte, Vereinsamte. Einige von ihnen haben bereits resigniert, andere suchen noch verzweifelt den Kontakt zu ihren Mitmenschen. Und wir schauen fasziniert dabei zu, wie sie scheitern, wie die Suche nach ein bisschen Zuneigung verlässlich in obsessives Verhalten umschlägt. Weil sie keine Vorstellung von einem besseren Leben haben, und weil sie nicht wissen, was Liebe und Empathie überhaupt bedeuten.

Sicherer Blick für das Groteske

Letztlich sind sie nur Beobachter ihres eigenen Lebens. Und manchmal auch Voyeure, die versuchen, am Leben teilzuhaben, indem sie anderen nachstellen. In "Eine ehrliche Frau", einer der besten Geschichten (brillant sind sie alle), erzählt Moshfegh von einem alten Mann, der seine junge Nachbarin beobachtet und belauscht. Sein absurder Plan: Er will sie mit seinem Neffen, einem Nichtsnutz, verkuppeln, um ihr näherzukommen. Doch in einer bösen, fast schon befreienden Wendung dreht die Frau die Situation um und demütigt ihren Stalker. Näher kommt man einem Happy End bei Moshefegh nicht.

Die Storys in "Heimweh nach einer anderen Welt" leben weniger von der Handlung, es sind eher Charakterstudien, Momentaufnahmen aus verpfuschten Leben. Moshfegh, die mit dem Krimi "Eileen" bekannt wurde und demnächst mit "Death in her Hands" einen Schauerroman veröffentlicht, schreibt mit einem sicheren Blick für das Groteske, für die Abgründe in scheinbar ganz alltäglichen Situationen. Stets vermittelt sie dem Leser dabei das Gefühl, nicht die ganze - im Zweifel schreckliche - Wahrheit zu erfahren. Der beste Humor, weiß Moshfegh, entspringt immer der Verzweiflung. Und so spürt sie der abseitigen Komik nach, die sich noch aus den ausweglosesten Konstellationen ergeben kann, in denen sich ihre Figuren verstricken.

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Titel: Heimweh nach einer anderen Welt: Storys
Herausgeber: Liebeskind
Seitenzahl: 336
Autor: [Moshfegh, Ottessa]
Übersetzung: Anke Caroline Burger
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So wie Mr. Wu, ein einsamer Mittvierziger, der glaubt, sich in die Kassiererin der örtlichen Spielhalle verliebt zu haben und ihr anonym SMS-Nachrichten schickt, sich aber nicht traut, sie anzusprechen und stattdessen bei Prostituierten und im Suff jämmerliche Erleichterung findet. Oder der Rentner aus "Nichts für gute Menschen", der nach dem Tod seiner Frau als Behindertenbetreuer einen neuen Sinn im Leben sucht und nach einem irrwitzig missglückten Geburtstagsausflug in einen Fast-Food-Laden mit seinen Schützlingen begreift, wie sehr er sein Leben verschwendet hat.

"Ein besserer Ort" heißt die finale Geschichte der Sammlung, es ist die stillste und die traurigste, und die teilweise grelle Komik der anderen Storys verwandelt sich hier in einen sanften Humor. Anders als die meisten von Moshfeghs Figuren sind die beiden Kinder aus dieser Story sicher, einen möglichen Ausweg aus ihrem trostlosen Dasein gefunden zu haben. Sie sind davon überzeugt, in Wahrheit von einem Ort zu stammen, der weder irgendwo noch nirgendwo ist, und nur eines ist klar: "dass er nicht hier ist, auf der Erde, bei euch blöden Menschen". Doch wenn sie einen Mord begingen - und den richtigen Menschen töteten -, so glauben sie, würde sich ein Portal öffnen, durch das sie zu ihrer wahren Heimat gelangen könnten.

Wenn Literatur uns einen Spiegel vorhält, damit wir uns selbst ein bisschen besser verstehen lernen, dann ist "Heimweh nach einer anderen Welt" altersfleckig und zerkratzt, und was wir darin sehen, ist meist grotesk verzerrt und stets erschreckend in seiner Wahrhaftigkeit. Moshfeghs Figuren erregen oft Abscheu und - seltener - Mitleid, ihre Geschichten tun weh, aber sie haben auch etwas Wohltuendes, etwas seltsam Tröstliches. Weil Moshfegh dem in unserer Gesellschaft allzu oft Verdrängten, weil sie Hässlichkeit und Verfall und Schmerz eine Stimme gibt. "Heimweh nach einer anderen Welt" funktioniert perfekt als Gegengift zur schönen neuen Unwirklichkeit der Selbstoptimierer, zu der Welt der Instagram-Girls und Diätgurus und Hygge-Magazine, in der Makel keinen Platz haben.

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