Paar-Geschichten Erst die Finanzkrise, dann der Seitensprung?

Unbändige Lust, unbändige Gier: Anne Enright verbindet eine Affäre elegant mit dem Ende des irischen Booms. Kathrin Gerlof setzt an, wo Hollywood aufhört. Und in Sarah Kuttners "Wachstumsschmerz" kommen sich zwei Kuttners in die Quere. Die interessantesten Beziehungsromane des Monats.
Romanthema Liebhaber: Die Geschichte falsch verstanden

Romanthema Liebhaber: Die Geschichte falsch verstanden

Foto: DPA

Anfang der Liebe, Ende des Booms: Anne Enrights "Anatomie einer Affäre"

Was war eigentlich als erstes da: die Finanzkrise oder der Seitensprung? In ihrem fünften Roman verbindet Booker-Prize-Gewinnerin Anne Enright die Geschichte einer beginnenden Affäre so elegant mit dem Ende des Wirtschaftsbooms in Irland, dass man tatsächlich ins Grübeln gerät, was wo gespiegelt wird: die unbändige Lust der Ehebrecher in der Gier der Immobilienspekulanten - oder andersrum?

"Ich fühlte mich, als hätte ich mein Leben getötet, und keiner war dabei umgekommen. Im Gegenteil, wir waren alle doppelt so lebendig." Als die IT-Spezialistin Gina Moynihan das erste Mal mit Seán, einem Nachbarn ihrer Schwester schläft, spürt sie bereits, dass in dem Seitensprung Ende und Anfang zusammenfallen. Etwas wird ihr altes Leben ersetzen. Aber was es ist, weiß sie noch nicht - und sie wird es letztlich auch am Schluss, als so vieles eigentlich erst beginnt, nicht wissen.

Rund zwei Jahre nach dem ersten Sex, im schneereichen Dubliner Winter von 2009, ist Gina wieder in ihr verwaistes Elternhaus eingezogen, eine Immobilie, deren Wert einst auf über zwei Millionen Euro geschätzt wurde, die nun aber als unverkäuflich gilt. In den kalten Räumen ihrer Kindheit erzählt Gina die Geschichte ihrer Affäre: "Das ganze Projekt handelt vom Scheitern. Es ist auf Scheitern ausgerichtet." Doch Ginas Spurensuche in den Anfängen ist nicht zu trauen. Mehrfach setzt sie an und ruft sich den ersten Blick, den sie auf Seán geworfen hat, vor Augen, durchlebt die ersten Momente, die sie zusammen verbracht haben. Jedes Mal sieht und spürt sie etwas anderes - und mit ihr die Leserin.

Virtuos legt Enright offen, wie sich die Eindrücke, die wir von Menschen gewonnen haben, verändern - teils, weil wir mehr über diese Menschen erfahren haben; teils, weil wir selbst jemand anderes geworden sind. So entwickelt sie aus dem vermeintlich einfachen Plot von zwei verheirateten Menschen, die eine Affäre beginnen, erstaunliche Spannung. Die Fakten der Geschichte von Gina und Seán - der Sex, die Trennung, der Tod der Eltern - sind eindeutig, doch zwischen ihnen schimmert immer wieder Neues durch, das uns anders auf die beiden Liebenden blicken lässt. "Ich habe mir eine Geschichte über meinen Liebhaber zurechtgelegt, aber ich hab sie falsch verstanden", sagt Gina irgendwann zu sich selbst. Dann fängt sie an, sich eine neue Geschichte über ihr Leben mit Seán zu erzählen.

Fast wünscht man sich, dass man auch diese neue Geschichte zu lesen bekäme. Doch dann setzt Enright einen so großartigen Schlusssatz, dass man trotzdem glücklich ist, dass dieses wunderbare Buch nach 320 Seiten endet. Hannah Pilarczyk

Buchtipp

Anne Enright:
Anatomie einer Affäre

Übersetzt von Hans-Christian Oeser, Petra Kindler

DVA; 311 Seiten; 19,99 Euro.

Shoplink Anne Enright "Anatomie einer Affäre" 

Fremdgehen oder treu sein? Kathrin Gerlofs "Lokale Erschütterung"

Ihre Liebe gegen die Welt - wehmütig erinnern sich Hanns und Veronika Grabowski an die Zeit, als sie im Hausflur eines Wohnheims buchstäblich unter einer Decke steckten, um sich vor den Blicken der anderen zu verbergen. Nun sind sie jenseits der 40, und auch ihre Liebe ist nicht mehr die Jüngste. Ungewollte Kinderlosigkeit, die Wende, die Arbeitslosigkeit. Vertrautheit ist Gewohnheit geworden, Zweisamkeit zu einer Abfolge von eingespielten Mustern.

Kathrin Gerlof setzt in "Lokale Erschütterung" an einem Punkt an, an dem ein Hollywoodfilm schon lange aufgehört hätte. Hanns und Veronika, das kinderlose Paar ohne Zukunftsvision, vertraut und entfremdet zugleich, ähnlich wie Hanna und Simon in Tom Tykwers Film "Drei". Soll man sich trennen oder bleiben? Fremdgehen oder treu sein? Der Roman porträtiert zwei vom Leben Versehrte, die kein wirkliches Pech hatten, aber auch kein richtiges Glück. In Hanns hat sich eine "dunkelblaue, fette Wut" angestaut, regelmäßig überrollen ihn anfallsartige Schimpftiraden. Veronika dagegen singt bei allzu großer Verzweiflung klassische Kinderlieder vor sich hin.

"Lokale Erschütterung" ist vieles zugleich. Ein Großstadt- und ein Wenderoman, ein Buch über die ostdeutsche Provinz, eine Geschichte über eine Liebe, die in die Jahre gekommen ist. Gleichzeitig ein Paradestück für die Analogie von Inhalt und Form: So, wie vieles im Leben der Protagonisten nicht stimmig ist, brechen auch die Sätze oft einfach ab. Das führt anfangs zwar eher zu einem Lesestakkato als zu einem Lesefluss, aber man gewöhnt sich daran. Denn bald ist man Gerlofs eindringlicher Beschreibung dieser Beziehungswelt erlegen.

Bis auf den Schluss ist die Geschichte nicht überraschend, dennoch bleibt sie spannend. Als Hanns für eine Stelle als Lokalredakteur in die Provinz zieht und über Abfallwirtschaft und Kegelbahneinweihungen schreibt, bleibt Veronika in Berlin zurück. Und dort liegt eines Tages die Erinnerung im Briefkasten. "Ich warte auch manchmal" schreibt da einer, "Sehnsüchtig. Auf dich". Der Leser weiß es seit dem Epilog, Veronika will sich nicht mehr erinnern: Mit 15 Jahren hat sie ein Kind geboren und zur Adoption freigegeben. Kann man so etwas tatsächlich vergessen? Und könnte es sein, dass ihr Sohn jener Daniel ist, der sich mit Hanns befreundet hat, jedes Treffen mit Veronika aber bisher vermieden hat?

Am Ende bleibt vieles offen. Ob Veronika sich auf den Polizisten einlassen wird, der sich in sie verliebt hat; ob Hanns eine Beziehung mit der Marktfrau mit den großen Brüsten beginnen wird; ob die Beziehung nach zwei Jahrzehnten gemeinsamer Gegenwart noch nicht zu verwittert ist, um bestehen zu bleiben. Am Anfang war ihre Liebe mal gegen die Welt gewesen, nun scheint die Welt gegen ihre Liebe zu sein. "Was mache ich denn jetzt?" lautet der letzte Satz. Der Leser hat es da leichter: Er kann das Buch zuklappen und sich auf Kathrin Gerlofs nächste traurig-schöne Beziehungsgeschichte freuen. Anne-Dore Krohn

Buchtipp

Kathrin Gerlof:
Lokale Erschütterung

Aufbau Verlag; 342 Seiten; 19,99 Euro.

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Als käme die Hauptfigur direkt aus der Werkstatt von Marlene Streeruwitz: "Wachstumsschmerz" von Sarah Kuttner

Eigentlich geht es in diesem Roman um Luise Albrecht. Ihr gehört das erste und das letzte Wort, und auch all die vielen Wörter, die sie zwischendurch sucht und leider nicht immer findet, um dieses komplizierte Leben zu beschreiben, drehen sich fast ausschließlich um sie. Das ist "okay" (eins ihrer Lieblingswörter), denn Luise ist eine wirklich nette, eine echt "okaye" junge Schneiderin mit einem Namen, dessen Klang leicht aus der Gegenwart kippt und in jene historischen Räume weist, in denen junge Frauen auf einen passablen Platz im Leben hoffen durften, wenn sie sich stets und brav in der Kunst der Selbstbescheidung übten.

Von dieser Kunst weiß Luise, die sich gern zeitgemäß "Lu" nennen lässt, leider nichts. Sie hat genug damit zu tun, sich in der Gegenwart zu verorten, und das verunsichert sie, denn sie schätzt Ordnung und Klarheit im Leben. Mit Hingabe räumt sie gleich zu Anfang ihren Kleiderschrank auf, und genauso ordentlich möchte sie ihre Erfahrungen in Lebensabschnittsschubladen verstauen, was ihr allerdings nicht nur deshalb schwerfällt, weil sie sich öfters ihres eigenen Alters vergewissern muss ("Ich bin zweiundreißig"). Sondern auch, weil der Schrank in einer Wohnung steht, die ihr für kurze Zeit ein Bild der Zukunft gab - dieses Bild ist nun schon wieder dahin. Unordnung und frühes Leid. Oder, wie der Verlag schreibt: "Quarterlife-Crisis".

Dabei hätte das Zusammenleben mit ihrem Liebsten Flo doch so schön sein können, dem netten, anspruchslosen - okay, vielleicht etwas zu anspruchslosen Flo mit seinem allerdings sehr sympathischen Sinn für Ordnung. Doch dem entzückenden Schauspiel, wie der knuffige Kerl liebevoll M&Ms nach Farben sortiert, um sie beim Castingshow-Gucken in seinem Magen wieder zu vereinen, wird Luise nie mehr beiwohnen können. Das schmerzt sie sehr, und den Grund für die Trennung zu finden, überfordert sie total - zumal ihr Denken von Rollenstereotypen und kitschigen Glücksphantasien derart verkleistert ist, als käme sie direkt aus der Romanwerkstatt von Marlene Streeruwitz, die ja an ihren Figuren gern demonstriert, welche Verheerungen der Konsum von Soaps, Werbung und Frauenzeitschriften in naiven Frauenseelen anrichten können.

Tatsächlich aber ist Luises Autorin die für fundamentale Medienkritik nicht sonderlich bekannte Sarah Kuttner, und gegen dieses "tatsächlich" hat es das "eigentlich" vom Anfang des Texts ziemlich schwer. Denn wo Kuttner draufsteht, hat "Sarah Kuttner" drin zu sein: der Roman als Statement der Marke.

Doch im Gegensatz zu Charlotte Roche, die ihre Prosa fiktionalisiert, um die Figur "Charlotte Roche" pointierter zu inszenieren, möchte Kuttner dieser Erwartung nicht entsprechen. Sie hat spürbar Interesse an Luises Geschichte, und diese Empathie ist eine schöne Eigenschaft dieses Buchs, die leider nur selten sichtbar wird, weil sich zu häufig mindestens zwei Kuttners in die Quere kommen: die Erzählerin und die Kolumnistin, die als Vertraute ihrer Leserinnen die gesammelten Lebensweisheiten einer Frau von Anfang dreißig ausplaudert. In dem Alter müsse frau ihre Erwartungen etwas bescheiden, erklärte Kuttner jüngst dem Fachblatt "Freundin", und statt der Suche nach dem großen Glück reiche doch auch "Zufriedenheit als Lebensziel". Klingt wie aus Zeiten, die nach Luise klingen. Aber natürlich auch irgendwie okay. Hans-Jost Weyandt

Buchtipp

Sarah Kuttner:
Wachstumsschmerz

S. Fischer Verlag; 288 Seiten; 16,99 Euro.

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