Bubble-Roman "Park" 74 Prozent Clint Eastwood, 69 Prozent Oprah Winfrey - beachtlich!

In seiner Internetblase wirkt alles gleich: Yoga-Tutorial, Artischockenfestival, Terroranschlag. Marius Goldhorn beschreibt den Smombie-Ennui im Roman "Park" mit viel erzählerischer Verspieltheit.
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lechatnoir/ Getty Images

Was passiert mit dem frei im Raum flottierenden Sperma, wenn Astronauten Sex haben? Und wie viel Potenzial hat wohl Kakerlakenmilch als das neue Superfood? Eine Frage und schon spuckt das Netz tausend Antworten aus. Aber wozu so lange aufhalten mit Anekdotischem? Weiter geht es in der Timeline: zwischen Yoga-Tutorials und Berichten zu einem Artischockenfestival erfährt man von verheerenden "Hungerkatastrophen durch Dürre in Mittelamerika. Ein Flugzeug war abgestürzt. Irgendeine Terrorzelle hatte sich in einem spanischen Ferienort, beim Versuch eine Bombe zu bauen, selbst in die Luft gesprengt".

Ob das Geschwätz in Chats und Foren oder Nachrichten von einer präapokalyptischen Weltordnung - was Arnold, der Protagonist aus Marius Goldhorns Roman "Park", im Laufe eines Tages auf seinem iPhone liest, es zieht belanglos an ihm vorüber. Denn er ist ein wahrer Smombie (eine Kontamination aus Smartphone und Zombie) und damit der Prototyp einer sich in digitaler Dekadenz wähnenden Gegenwartsgesellschaft.

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Goldhorn, Marius

Park: Roman (edition suhrkamp)

Verlag: Suhrkamp Verlag
Seitenzahl: 179
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08.02.2023 02.54 Uhr

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Da das Internet keinerlei Hierarchien abbildet, nutzt der 1991 in Koblenz geborene Autor in seinem Debüttext fast ausschließlich Hauptsätze. Seine strenge Lakonie macht alles gleich, differenziert nicht zwischen wichtig und unwichtig, sodass das Dasein als bloßes Nebeneinander von Informationen erscheint. Längst hat den Protagonisten eine unerträgliche Gleichgültigkeit erfasst, die immer wieder in Alpträumen und Selbstmordgedanken mündet. "Ich fühle mich wie jemand aus einem Sci-Fi-Movie, der in Kryostase gesteckt wurde, fünfzig Jahre später aufwacht und nicht mehr weiß, was seine Mission ist."

Wenn ihn nicht, wie er sich erhofft, Aliens retten, dann stellt Odile seine letzte Hoffnung dar. Um noch einmal an die gemeinsame, innig verbrachte Zeit anzuknüpfen, bricht Arnold nach einem Zwischenstopp in Paris bald schon nach Athen auf, wo seine Gefährtin einen Film dreht. Doch die vergangene Intensität lässt sich kaum mehr einfangen. Von der Liebesgeschichte ist eine eigenartige Fremdheit zurückgeblieben, die nach wenigen Tagen zu einem unterkühlten Abschied führt. Doch nicht genug der Tragik: Zum Schluss wird der Antiheld noch in eine die ganze Stadt lahmlegende Demonstration hineingezogen und strandet kurz darauf allein und ziellos am Flughafen.

Nicht nur mit seinem autistisch anmutenden Protagonisten, der sich gänzlich in den virtuellen Weiten verliert, sondern vor allem mit seinem auf Verknappung und Monotonie setzenden Sprachdesign präsentiert Goldhorn ein radikales Passepartout einer Gesellschaft im Stadium völliger Empathielosigkeit und emotionaler Leere. Inmitten der Wohlstandsblase sind Konflikte fern, solange man nicht selbst in sie involviert wird.

"Spaghettisierung" als Großmetapher

Indem der Roman jenseits der ernüchternden Sozialanalyse noch eine gehörige Portion Vergnügen bereitet, hebt er sich von den gängigen Dystopien der aktuellen Literatur ab. Mit ironischer Verve und wenigen Worten fängt der Autor Stimmungen und Szenen ein.

Dazu gehören Partys, auf denen Kunststudenten in Latzhosen zur Filmmusik von "Twin Peaks" tanzen, Befragungen der Health-App auf denkbare Krankheiten hin, Abgleiche der eigenen Stimme mit jener von Prominenten. Immerhin stimmt Arnolds zu 74 Prozent mit Clint Eastwood und zu 69 Prozent mit Oprah Winfrey überein. Auch von Animationen zu Schwarzen Löchern lässt sich der Protagonist ablenken. Die ziehen ganze Sterne wie einen Faden in sich hinein. Diese "Spaghettisierung" ließe sich wohl als kulturpessimistische Großmetapher des Romans auf das alles verschlingende Internet begreifen. 

Goldhorns trockener Humor entspringt einer ungebändigten Fantasie und feiert das Absurde. Insbesondere die Introspektionen seiner Hauptfigur zeugen von einer ungemeinen erzählerischen Verspieltheit: "Arnold wachte auf. Er hatte geträumt, er müsste auf einem Fahrrad und mit Kreide in der Hand auf staubigen Straßen im Mittleren Westen den Weg zu Marcel Duchamps Hochzeit einzeichnen." Solche Prosa entspringt einem echten Freigeist und lässt nur ein prägnantes Fazit zu: beachtlich!

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