Neuer Bestseller von Pascal Mercier Von Wortohnmacht eingekreist

Der "Nachtzug nach Lissabon" machte ihn zum Bestsellerautor. Nun präsentiert Pascal Mercier nach langer Pause einen neuen Roman: Über "Das Gewicht der Worte" gibt es durchaus auch Positives zu sagen.
Autor Pascal Mercier: Auf dass die ewige Wortskrupelei ein Ende finde

Autor Pascal Mercier: Auf dass die ewige Wortskrupelei ein Ende finde

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Paula Winkler/ Hanser

Pascal Mercier ist so etwas wie der Boxsack der deutschsprachigen Literaturkritik. Im Jahr 2004 schilderte er im Roman "Nachtzug nach Lissabon", wie ein Schweizer Lateinlehrer aus plötzlicher Begeisterung für eine portugiesische Frau und einen portugiesischen Dichter abenteuerlustig aus seinem Alltagstrott ausbricht. Das Buch wurde ein Welterfolg. Das haben viele Kritikerinnen und Kritiker dem bis dahin einigermaßen wohlgelittenen Autor Mercier nicht verziehen.

Seine Novelle "Lea" über eine begnadete junge Geigenspielerin und deren Papa wurde 2007 mit vielen sagenhaft bösen Verrissen bedacht. Und auch für seinen neuen, nun nach langer Publikationspause erschienenen Roman "Das Gewicht der Worte" bekam Mercier schon die ersten ausgesprochen unfreundlichen Rezensionen verpasst.

Ein großer Liebender

Deshalb ist es nett, erst mal zu schildern, was herzerwärmend und gut ist an Merciers neuem Roman "Das Gewicht der Worte". Das Buchcover zeigt eine sonnenbeschienene Hafenmole vor einem südlichem Meer; eine Laterne, die wegen des vielen Sonnenlichts natürlich ausgeschaltet ist; und darunter einen kraftvoll ausschreitenden älteren Herrn im dunklen Anzug.

Auf den ersten Seiten des Buchs wird uns genau solch ein Herr vorgestellt. Er heißt Simon Leyland, kommt gerade aus Triest in London an, wo er von einem alten Onkel ein schönes Haus geerbt hat, und er ist ein großer Liebender. Vieles von dem, was er liebt, fängt wie Leylands Nachname auch mit "L" an: seine an einem jähen Herztod gestorbene Frau Livia, die Stadt London und die Literatur.

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Mercier, Pascal

Das Gewicht der Worte: Roman

Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Seitenzahl: 576
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Hinter dem Dichternamen Mercier verbirgt sich der vor 75 Jahren in der Schweiz geborene, weit herumgekommene und großteils in Berlin lebende Philosophieprofessor Peter Bieri. Unbedingt lobenswert an seinem Werk "Das Gewicht der Worte" ist der Einfall, dem etwas über 60-jährigen Helden beim einsamen Herumstreifen in London viele sonnige Erinnerungen an geselligere Tage durchs Hirn spuken zu lassen.

Die Erinnerung an die Begegnung des jungen Mister Leyland mit der rotbebrillten italienischen Schönheit Livia in der Londoner U-Bahn zum Beispiel (für die U-Bahn, genannt Tube, hat der Held eine prinzipielle närrische Leidenschaft). Die Erinnerung an die großartige Entscheidung, aus dem nebligen London ins italienische Triest umzuziehen, die der bald als Übersetzer arbeitende Leyland seiner Gefährtin Livia verdankte: Sie hatte dort ihrerseits geerbt, und zwar den Verlag ihres Vaters - und als Livia stirbt, führt Leyland den Verlag einfach weiter.

Auch hier hat der Autor ein Lob verdient: Mercier langweilt uns in diesem ziemlich dicken Buch nicht mit faktenhuberischen Einzelheiten des Verlagsgeschäfts und der Übersetzerarbeit. Lieber lässt er den toten Erbonkel in einem Brief allgemein von Leylands poetischer Begabung schwärmen: "Es war wunderbar, dir zuzuhören, dem Fluss deiner sprachlichen Lava."

Toll kann man auch finden, dass der Autor Mercier auf keiner Seite dieses Buchs dessen Titel vergisst: Von Worten, den leichten und den schweren, von Sprache, vom Sagbaren und von den Grenzen der Sagbarkeit schwadroniert der ganze Roman. Da ist von Wörtern die Rede, die "mit einem Griffel auf eine uralte Schiefertafel geschrieben" werden. Da ist ein Mensch verblüfft darüber, "dass er ein neues Stück seines Lebens zur Sprache brachte, das er noch nie in Worte gefasst hatte".

Überdosis Schicksal zu verdauen

Und da versichert uns der Held wiederholt, dass er zum Erstaunen seiner Mitmenschen "die Dinge erst erlebe, wenn er sie in Worte gefasst" habe. In einem Brief an die tote Gattin schreibt der Witwer Leyland, er wolle "Erfahrungen mit Worten einkreisen im Bewusstsein, dass die Worte nie wirklich treffen und an den stummen Erfahrungen abgleiten".

Genau das, formuliert auf Seite 555, ist das Drama dieses Buchs. Pascal Mercier erzählt von Begegnungen seines Helden mit einem literarisch hochgebildeten Kellner, von einem wundersam fürs Cellospiel talentierten Apotheker, von einer verwegenen, Tee trinkenden Frau mit dem hinreißenden Namen Mary Ann Ashford. Aber recht eigentlich kreist der Held immer nur stumm um sich selbst und um seine Wortohnmacht.

Er hat eine Überdosis Schicksal zu verdauen: Monate vor seiner Abreise aus Triest wurde er dort von einem Arzt für unheilbar krebskrank erklärt - erst nach vielen Wochen kam heraus, dass eine Röntgenaufnahme verwechselt worden ist und er keineswegs unter einem Hirntumor leidet. "Was macht man mit einem Groll, einem Hass, von dieser Größe?", fragt sich der gute Mister Leyland. Vielleicht einfach frohgemut weiterleben? Nein, der Held will, frisch dem Tod von der Schippe gehüpft, partout über das Wesen der Welt nachgrübeln.

Und er will endlich selbst schriftstellern, auf dass die ewige Wortskrupelei ein Ende finde. "Es war mit den Gefühlen ganz in der Tiefe etwas geschehen", heißt es einmal unfreiwillig komisch in diesem Buch. Dass der Autor diese Tiefe nicht auszuloten imstande ist, beschert dem Leser ein Gefühl, das auch Simon Leyland kennt. "Ich fühlte mich wie ein Boot im Nebel." Vermutlich passt dieses Gefühl ganz wunderbar in unsere Zeit.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.