Mutter-Sohn-Beziehung Liebling, lass uns in Paris verarmen!

Patrick deWitts abenteuerlicher Roman "Letzte Rettung: Paris" macht sich einen Spaß aus den Geldsorgen reicher Leute - und pflegt eine elegante Schrulligkeit, die an die Filme von Wes Anderson erinnert.

Die Dächer von Paris: "Geld ist etwas Sündiges und muss verschleudert werden"
Getty Images

Die Dächer von Paris: "Geld ist etwas Sündiges und muss verschleudert werden"

Von


Im Wettbewerb um das seltsamste Liebesgeständnis des Bücherherbstes liegt dieses Buch schon mal weit vorn: "Er war ein Haufen amerikanischer Abfall, und sie fürchtete, dass sie ihn für immer lieben würde", berichtet der kanadische Schriftsteller Patrick deWitt über die Gefühle einer seiner Heldinnen.

Sie heißt Susan und hat sich zu ihrem Erstaunen in einen leicht verfetteten, hochsensiblen Taugenichts namens Malcolm verliebt. "Seine Sonnenbrille saß schief, Dampf stieg von seinen feuchten Schultern auf", registriert sie, doch sie findet ihn unwiderstehlich - und hasst die Mutter ihres Angebetenen "auf eine reine, allumfassende Weise".

Der stets zu drastischen Pointen aufgelegte Roman "Letzte Rettung: Paris" spielt in New York, auf einem Kreuzfahrtschiff und in Frankreichs Hauptstadt. Erzählt wird von einer wunderbar schrulligen und durchaus erschreckenden Mutter-Sohn-Beziehung. Malcolm ist 32, bewohnt mit seiner 65-jährigen Mutter Francis eine Luxuswohnung in Manhattan und lässt sich auch von seiner gelegentlichen Geliebten Susan nicht vom halb symbiotischen, halb pathologischen Zusammenglucken mit Mama abhalten.

Ein Sinn für Schrulligkeit, den man im ländlichen England zu Hause wähnt

Als ihnen nach Jahren eines exzentrischen Nichtstuerlebens das Geld ausgeht, beschließen Mutter und Sohn, New York auf Nimmerwiedersehen zu verlassen. Beim Abschied am Kreuzfahrtterminal trägt die verarmte Nicht-mehr-Millionärin Francis 170.000 Dollar Bargeld lose in ihrer Handtasche spazieren und verspürt einen "herrlich stechenden Schmerz im Herzen". Das beschreibt ziemlich genau das Glück, das man beim Lesen dieses ebenso lustigen wie hinreißend traurigen Romans empfinden kann.

Patrick deWitt: Herausragendes eigenbrötlerisches Talent
Danny Palmerlee

Patrick deWitt: Herausragendes eigenbrötlerisches Talent

Der kanadische Schriftsteller Patrick deWitt ist 1975 geboren und ein herausragendes eigenbrötlerisches Talent. Bekannt geworden ist er vor ein paar Jahren mit der grotesk blutigen Westernparodie "The Sisters Brothers", deren Verfilmung durch den Franzosen Jacques Audiard im Frühjahr auch in den deutschen Kinos lief.

DeWitts neues Werk "Letzte Rettung: Paris" spielt in einem vollkommen anderen Genre. Es erzählt mit einem Sinn für Schrulligkeit, den man eigentlich im ländlichen England zu Hause wähnt, von einer Mutter und ihrem Sohn, die in schönster Versnobtheit ihren Spleens und kleinen Vergnügungen nachgehen. Zu denen gehört ein kühl servierte Martini zur rechten Tageszeit ebenso wie der Gebrauch französischer Vokabeln gegenüber fremdsprachlich leider ungebildeten amerikanischen Mitmenschen.

Frances ist eine New Yorker Berühmtheit, weil sie einst für Skandalschlagzeilen gesorgt hat. Als ihr Millionärsgatte mit einem Herzinfarkt zusammenbrach, ließ sie den Toten einfach ein Wochenende lang in der New Yorker Wohnung liegen - sie wollte sich einen Skiausflug in die Rocky Mountains nicht entgehen lassen. Der Verstorbene, so heißt es im Buch, hatte es, "wenn man ehrlich war, nicht anders verdient".

Preisabfragezeitpunkt:
28.08.2019, 15:48 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Patrick deWitt
Letzte Rettung: Paris: Roman

Verlag:
KiWi-Taschenbuch
Seiten:
320
Preis:
EUR 15,00
Übersetzt von:
Andreas Reimann

Der Tod spielt eine naturgemäß makabre Hauptrolle in "Letzte Rettung: Paris". Der Roman ist eine Huldigung an die Schriftstellerin Jane Bowles und ihr Meisterwerk "Zwei sehr ernsthafte Damen"; zugleich pflegt er einen magischen Surrealismus, der stark an die Filme des stilvernarrten Kunstkino-Regisseurs Wes Anderson erinnert.

Der wichtigste Gefährte, den Francis und ihr Sohn Malcolm mit auf die Reise nehmen, ist ein Kater namens "Kleiner Frank". Angeblich steckt der Geist von Francis totem Ehemann in dem zeitweise zum Sprechen begabten Tier. Natürlich sind die Dialoge und verrückten Abenteuer, durch die deWitt seine Helden begleitet, manchmal nur herrlicher Quatsch. In Paris lässt er Francis konsequent der einst von Coco Chanel ausgegebenen Devise folgen: "Geld ist etwas Sündiges und muss verschleudert werden."

Manche Kritiker warfen dem Roman, der in den USA ein Überraschungserfolg wurde, einen Mangel an Tiefgründigkeit vor. Tatsächlich ist deWitts Buch nicht bloß eine Verneigung vor Paris und ein sprachlich souverän aufgekratzter Schabernack. In seinen besten Momenten bringt "Letzte Rettung: Paris" die flüchtige Schönheit des Chics, des Benimms und der Oberflächen auf bezaubernde Weise zum Leuchten.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.