"Im Jahr des Affen" Traumabfall für Alle

Die amerikanische Rocksängerin Patti Smith hat aus tagebuchartigen Aufzeichnungen und Fotos ein Buch gemacht: "Im Jahr des Affen".
Patti Smith

Patti Smith

Foto:

Astrid Stawiarz/ Getty Images

Sie malt und sie fotografiert, sie singt und sie schreibt, aber ihr Hauptberuf ist eine Berufung. Patti Smith ist eine Heilige in der weitgehend religionsbefreiten Welt des internationalen Kulturbetriebs. Auf Konzert- und Lesebühnen, auf Kunstbiennalen und Festivals verströmt Smith die Aura einer mit Zorn und Weisheit Gesegneten. Das ist so, seit sie im Jahr 1975 im Song "Gloria" krächzend verkündete, dass sie keineswegs die Schuldgefühle empfinde, die vielen Menschen von der christlichen Bildungstradition eingeimpft werden: "Jesus died for somebody’s sins but not mine". 

In ihrem neuen Buch schildert Patti Smith nun einen Moment des metaphysischen Erschauerns während einer vermutlich absolut verbotenen Kunstwerk-Tätschelei. Im belgischen Gent berührt die Sängerin mit ihren Fingern den Genter Altar, den die Brüder Hubert und Jan van Eyck im fünfzehnten Jahrhundert geschaffen haben. Schlagartig ist sie ergriffen von einer "großen Ehrfurcht, nicht im religiösen Sinn, sondern vor den ausführenden Künstlern. Ich spürte ihren aufgewühlten Geist und ihre majestätische, konzentrierte Ruhe."

Das jüngste Buch der Autorin Smith ist das Werk einer zwar aufgewühlten, aber untertänigst vom Schicksal gebeutelten, unkonzentrierten Künstlerin. "Im Jahr des Affen" ist ein aus vielen Impressionen zusammengebastelter Bericht über die Erlebnisse, Gefühle und Träume, die Patti Smith im Jahr 2016 zuteil wurden. Das Buch berichtet vom Sterben zweier guter Freunde, von Sam Shepard und Sandy Pearlman. Der eine ist ein berühmter Schriftsteller und ehemaliger Liebesgefährte, der andere ein enger Vertrauter aus wilden Tagen im New York der Siebzigerjahre.

Anzeige
Patti Smith

Im Jahr des Affen

Herausgeber: Kiepenheuer&Witsch
Seitenzahl: 208
Übersetzerin: Brigitte Jakobeit
Für 20,00 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Von diesen glorreichen früheren Zeiten jedoch erzählt Smith hier praktisch nichts, dafür ausführlich von ihren Eindrücken und kulinarischen Erfahrungen während Ausflügen in der Gegenwart von 2016, etwa an die Westküste der USA, nach Portugal und nach Belgien.

"Der Grobian pöbelte. Schweigen regierte"

Und sie schildert ihre Niedergeschlagenheit in jener Nacht in New York, in der sie erlebte, wie Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde: "Am Wahlabend schloss ich mich einem Treffen bei guten Freunden an, und wir sahen uns die schreckliche Seifenoper namens amerikanische Wahl auf einem Großbildfernseher an. Im Morgengrauen stolperten wir einer nach dem anderen von dannen. Der Grobian pöbelte. Schweigen regierte", liest man da. "Ich konnte nicht schlafen und machte einen Spaziergang nach Hell’s Kitchen."

"Im Jahr des Affen" ist ein sympathisches, in seiner sprachlichen und dramaturgischen Schlichtheit manchmal herzergreifendes Buch. Patti Smith ist als Prosaschriftstellerin eine Spätberufene. "Just Kids" hieß ihr zu Recht hochgelobtes, 2010 erschienenes Erinnerungsbuch, in dem sie auf hinreißend souveräne Weise ihre frühen Künstlerinnentage in New York und ihre Seelenfreundschaft mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe beschwor. Seither hat sie unter anderem weitere Erinnerungen unter dem Titel "M-Train" (2016) und eine fiktive Kurzgeschichte namens "Hingabe" (2019) veröffentlicht.

In ihrem jüngsten Werk illustriert sie nun mit selbst gemachten Schwarz-Weiß-Fotografien, die zum Beispiel die Werbetafel ihres bevorzugten Strandcafés in Kalifornien zeigen, eine locker in Kapitel gefügte Sammlung von tagebuchartigen Notizen. "Ich kaufte ihm Süßigkeiten mit roter Bohnenpaste", protokolliert Smith vor dem Krankenhausbesuch bei ihrem seit Wochen im Koma liegenden Freund Pearlman, "Sandy liebte solche Sachen, himmlische Leckereien in Fächerform." 

Natürlich kann man es mitunter banal finden, wie Patti Smith hier das Jahr vor ihrem siebzigsten Geburtstag schildert. Immerhin gibt es, das ist fein, keinerlei Alterssentimentalität in diesem Buch. Allerdings erlaubt sich die Autorin eine andere Form der Rührseligkeit - die Nacherzählung zahlreicher Träume.

Die handeln zum Beispiel von jenem roten Felsen, der in Australien Uluru oder Ayers Rock genannt wird. Oder von einer großen Umweltsauerei mit Abertausenden von zerknüllten Bonbonpapieren an einem Meeresstrand. Oder vom "Blinzeln im Auge eines Erzengels, bewaffnet mit einem gläsernen Schwert." Zum Glück wirkt es nicht so, als nehme Smith die Visionen, die sie im Schlaf überkommen, besonders ernst. Sie werden hier eher unsortiert vor den Leserinnen und Lesern ausgekippt. Zu lernen gibt es nichts.

"Es passierte viel Schlimmes, aus dem noch Schrecklicheres entstand", lautet die Bilanz der Autorin fürs Jahr 2016. Kann es sein, dass sie damit außer dem Tod ihrer Lieben, allerhand Naturkatastrophen und politischem Unglück auch ihre Träume meint? Gegen Ende des Buchs verkündet Patti Smith etwas überraschend ihre Zuversicht, dass "bald etwas Wunderbares passiert." Fragt sich nur, ob der Himmel sie erhört.